Warum nachnominiert?

Der unbekannte DFB-Nachrücker, der Lothar Matthäus ratlos machte

us-passbildVon Sebastian Schneider, Winston-Salem
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Assan Ouédraogo kann mit dem Fußball umgehen. (Foto: picture alliance/dpa)
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12.06.2026 | 17:31 Uhr
Seine Nachnominierung überrascht viele Experten: Der große Unbekannte im DFB-Kader für die Fußball-Weltmeisterschaft ist Assan Ouédraogo. Der 20-Jährige hat viele Stärken, aber eine entscheidende Schwäche.

Lothar Matthäus konnte sich das nicht erklären. Am Tag der Verletzung von Lennart Karl stand der DFB-Rekordnationalspieler auf einer Dachterrasse in Chicago. Im Hintergrund die Wolkenkratzer der Metropole, im Vorfeld erzählte der DFB-Präsident noch, dass bei der Abreise des niedergeschlagenen Karl einige Tränen flossen.

Und dann wird Matthäus gefragt: Warum hat der Bundestrainer eigentlich Assan Ouédraogo nachnominiert? Doch selbst der Experte wusste darauf keine richtige Antwort, war stattdessen selbst überrascht. Er hätte mit anderen Kandidaten gerechnet, sagte Matthäus. Und flüchtet sich am Ende in ein: "Der Bundestrainer hat sich sicher dabei was gedacht."

Nach dem bitteren Schock um Karl grübelte Fußballdeutschland: Wer soll den unbedarften Teenager, der sich um "nichts scheißt", wie er selbst sagte, nun ersetzen? Etwa Said El Mala, der Kölner, der sich in Topform präsentiert hatte, oder doch Chris Führich, der Stuttgarter, der seine Saison in Heim-EM-Verfassung beendete? Oder doch ein richtiger Rechtsverteidiger als Ersatz für Joshua Kimmich, denn so einer fehlt im Kader.

Ständig verletzt

Am Ende zog der Bundestrainer einen Namen aus dem Hut, den so niemand auf dem Schirm hatte: Ouédraogo eben. Anders als alle anderen Kandidaten ist der 20-Jährige kein klassischer Flügelspieler. Kann das zwar auch, ist aber eher im Zentrum heimisch. Ouédraogo war deshalb auch selbst überrascht von dem Anruf. Der Leipziger lag auf einer Liege in Marbella, als das Telefon klingelte. Und reagierte so schockiert, dass der Bundestrainer ihn fragte, ob er betrunken sei.

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Das Warum erklärte Nagelsmann erst in den Tagen danach. Er wollte jemanden mitnehmen, der nicht nur mindestens ähnlich talentiert ist, sondern genauso frei aufspielen kann wie der verletzte Karl. Eindruck hatte Ouédraogo hinterlassen, als er bei seinem DFB-Debüt im vergangenen November gegen die Slowakei (6:0) schon nach 102 Sekunden traf. Und gegen El Mala sprach, dass er seit dem Bundesliga-Finale kein Fußball mehr gespielt hat. Anders als Ouédraogo, der mit RB Leipzig für Testspiele nach Südafrika gereist war.

Und doch steckt auch etwas anderes dahinter: Ouédraogo hätte möglicherweise seinen Platz im Kader schon am 21. Mai, bei der offiziellen Nominierung, haben können. Er sagte unter der Woche selbst, er erlebt gerade das beste Jahr seines Lebens - obwohl er fünf Monate nicht spielen konnte.

Es ist seine große Schwäche: die Verletzungen. Seit seiner Ankunft im Profifußball 2022 hat er schon 116 Spiele verpasst, alleine 19 in der abgelaufenen Saison mit RB Leipzig. Eine Knieverletzung warf ihn zurück, bei seinem Comeback verletzte er sich erneut. Auch das machte seine Nominierung nochmals unwahrscheinlicher.

Doch wenn man sieht, wie sich Ouédraogo auf dem Platz bewegt, stellen sich viele Fragen nicht mehr. Er selbst bezeichnet "von allem ein bisschen was" als seine Stärken. "Ich würde mich als unberechenbar beschreiben - Freestyle." Mit seinen 1,91 Metern ist er physisch stark. Abseits des Rasens wird er für seine Höflichkeit geschätzt. Darauf aber eher weniger. "Er kann auf dem Platz auch wehtun", sagte sein Leipzig-Kapitän David Raum.

"Das Glück, unter Herrn Elgert zu spielen"

Gelernt hat das Ouédraogo (neben vielen anderen Dingen) in der Knappenschmiede. Zehn Jahre war er beim FC Schalke 04, das letzte davon bei Norbert Elgert. Der formte schon so manchen späteren Nationalspieler: etwa Mesut Özil, Leroy Sané und Manuel Neuer. Der 66-Jährige ist so etwas wie der erfolgreichste deutsche Nachwuchstrainer, wenn man so will.

Als Ouédraogo über die Zeit spricht, muss er überlegen, was er sagt. "Ich hatte das Glück, unter Herrn Elgert zu spielen", sagte er. Es sei seine letzte Jugendstation gewesen. Elgert habe ihm die eine oder andere Sache auf den Weg gegeben, die man nicht gerne hört. "Er hat mich nicht angeschrien, aber ich habe viele Worte bekommen." Elgert habe ihm gesagt, dass er härter werden muss. "Du musst stabiler werden."

Doch seine wahren Stärken liegen in der Offensive, vor allem im Dribbling. Je größer man wird, desto schwieriger wird das. Die Beine werden länger, der Schwerpunkt liegt höher, man ist leichter vom Ball zu trennen. Die kleine Größe ist ein Vorteil, den etwa Lionel Messi hat (und auch Lennart Karl). Doch Ouédraogo beherrscht trotz seiner fast zwei Meter das Spiel mit dem Ball am Fuß. Beim Training schlängelte er sich durch seine Gegenspieler. Obwohl nur auf dem halben Feld gespielt wurde, die 22 Protagonisten also viel weniger Platz haben.

Der WM-Titel

Dafür ist nun alles andere größer, ungefähr 15-mal, so rechnete Ouédraogo am Mittwoch vor. Denn anders als fast alle seiner Kollegen (natürlich Manuel Neuer ausgenommen) war er schon Weltmeister. Im Dezember 2023, in Indonesien. Da war er Teil der U17, die erst sensationell ins Finale kam und dort dann auch im Elfmeterschießen gegen Frankreich gewann. Ouédraogo fehlte da schon verletzt, er musste nach dem zweiten Spiel abreisen.

Heute ist das Ziel das gleiche, nur alles hat ganz andere Dimensionen. Ouédraogo sitzt zweieinhalb Jahre später bei den DFB-Senioren - und will wieder den WM-Titel gewinnen, diesmal in den USA, Kanada und Mexiko. Schon mit der U17 sei das "ganz cool" gewesen, erzählte er unter der Woche. Aber bei der Nagelsmannschaft ist eben alles "15-mal größer".

Verwendete Quelle: ntv.de