Drei Spiele, vier Gegentore für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft. Zu null? Kann das DFB-Team bislang beim Turnier in Kanada, Mexiko und den USA nicht. Und das, obwohl Bundestrainer Julian Nagelsmann doch extra Manuel Neuer aus der DFB-Rente zurückbeordert hat.
Die "Aura" war es, die Nagelsmann als vorrangiges Argument angeführt hatte. Jeder Gegner habe Respekt vor dem Torhüter des FC Bayern. Auch wenn dieser zwei Jahre lang nicht im DFB-Tor gestanden hatte - und seit Mitte Mai an Wadenproblemen laboriert und damit die Testspiele verpasst hatte. Nun hält die Wade - Neuer aber nicht so wie erhofft und erwartet.
Nach der 1:2-Pleite gegen Ecuador wurde die Frage laut, wo denn die Aura von Neuer hin ist. Dreimal in Folge ging jeweils der erste Torschuss aufs deutsche Tor ins Netz. Schon das ist eine miese Statistik. Und dann der Siegtreffer der Südamerikaner erst. Neuer sehe in dieser Situation in der 78. Minute "ganz schlecht aus", sagt Lothar Matthäus bei der "Bild". Der Torhüter gehe viel zu "zaghaft", geradezu "ängstlich" hin.
Neuer bestreitet Fehler
Das Zögern des Keepers nutzte Gonzalo Plata zum 2:1. Er hatte die Arme zwar fangbereit geöffnet, früher aber, so sagte es etwa Micky Beisenherz bei MagentaTV, habe Neuer den Ball im Zweifel rigoros weggefaustet. Auch Matthäus sagt: "Das ist nicht der Manuel Neuer, wie wir ihn kennen."
Neuer greift daneben, dann schlägt es ein

Auf die Vorwürfe, er habe die Niederlage verschuldet, reagierte Neuer nach dem Abpfiff scharf. "Nein", es kein Fehler von ihm gewesen. "Ich muss auf das schauen, was vor mir passiert, wo der Ball ist und was mit dem Ball passiert", sagte Neuer: "Wenn ich anfange, im Fünfer auf Brustwarzen-Höhe die Bälle rumzupatschen, dann wäre es möglicherweise ein Eigentor gewesen, also auf gar keinen Fall." Es habe sich vielmehr um "eine ganz normale Kopfballverlängerung" gehandelt. "Jeder Torwart, der schon mal gespielt hat, der weiß, dass ich mich so zu dem Ball hinstellen muss und den versuchen muss auch so zu fangen."
Unterstützung bekam Neuer vom Bundestrainer: "Der Ball wird am kurzen Pfosten verlängert, der Spieler kommt dann aus seinem Rücken. Das war eine undankbare Situation, das müssen wir anders verteidigen." Er erklärte: "Es ist wieder extrem ärgerlich für Manu, dass er so die Winner-Aktion leider noch nicht hatte. Die Abschlüsse waren alle eklig."
Baumann muss zugucken
Nagelsmann hatte gehofft, sich mit der Reaktivierung von Neuer die Torwart-Frage vom Hals zu halten. Vor der Nominierung war schließlich über Monate von ihm öffentlich gefordert worden, er müsse den inzwischen 40-Jährigen noch einmal überreden. Mit Oliver Baumann könne man doch keine WM gewinnen, so die Meinung vieler.
Nun machte Nagelsmann genau das - und hat die Diskussion trotzdem. Baumann sitzt nur auf der Bank. Nagelsmann hätte seiner "1B-Lösung" im Spiel gegen Ecuador zum Turnier-Debüt verhelfen können, die Partie war für das DFB-Team sportlich irrelevant, der Gruppensieg stand bereits fest. Ein Einsatz hätte ein Dank an Baumann sein können. Dass der Hoffenheimer noch im Mai denkt, er würde WM-Torhüter werden, dann versetzt wird, die bittere Pille schluckt und sich trotzdem in den Dienst der Mannschaft stellt.
Hätte, wäre, könnte - niemand weiß, wie das Spiel mit einem Baumann im Tor verlaufen wäre. Aber man hätte zumindest nicht über den Patzer von Neuer diskutieren können. Stattdessen bröckelt dessen "Aura". Drei Spiele, vier Tore - das ist nichts, was beim kommenden Gegner Angst und Schrecken verbreiten wird.



