Mit all seiner Aura steht Manuel Neuer im improvisierten Medienzelt vor dem MetLife Stadium. Und gibt eine ganz einfache Antwort auf eine einfache Frage. "Manuel, Sie sind ja ein ehrlicher Mensch. Das zweite Gegentor: Nehmen Sie das auf Ihre Kappe?" Der Fragende hat das Mikrofon noch nicht mal abgesetzt, da entgegnet der 40-Jährige knapp und deutlich: "Ne."
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hatte gerade ihr drittes WM-Gruppenspiel gegen Ecuador mit 1:2 (1:1) verloren. Natürlich lieferte der ehemalige Welttorhüter auch eine ausführliche Erklärung für den entscheidenden Gegentreffer. Neuer verglich die Situation in der 78. Minute mit einer Szene im Mittelfeld, wenn man einen Ball erwartet, aber ein Gegenspieler noch kurz vorher eine Fußspitze dazwischen bekommt. Passiert halt.
"Nee!" Neuer sieht Schuld für Gegentreffer nicht bei sich

Ecuador schlug eine Ecke, David Raum verlor das Kopfballduell am ersten Pfosten, der Ball wurde kurz vor dem fangbereiten Neuer abgefälscht und Gonzalo Plata drückte ihn ins Tor. Doch das ist nicht das Problem. Sondern das unglückliche, gar wackelige Bild, das der vorbeifassende Neuer und seine DFB-Kollegen im Stadion von New York und New Jersey abgegeben haben. Immerhin der Ort, der am 19. Juli wieder besucht werden soll.
Superjoker bleibt Superjoker
Eigentlich ging es für Bundestrainer Julian Nagelsmann und sein Team nur darum, im letzten WM-Gruppenspiel den Eindruck aus den beiden Partien zuvor zu bestätigen. Da war der rauschende 7:1-Auftakt gegen Curacao in Houston und das emotionale 2:1 gegen die Elfenbeinküste in Toronto. Mit zwölf Siegen in Folge hätte das DFB-Team einen Rekord eingestellt. Neun Punkte aus der Vorrunde gab es bislang sogar nur zweimal: 1990 und 2006.
Nun ja, hätte. Das war die Gemengelage, in der die Nationalelf die Partie bestritt. Deshalb hatte Nagelsmann der Verlockung widerstanden, für ein sportlich nicht mehr superrelevantes Spiel die Startelf neu durchzumischen. Kein Deniz Undav von Beginn an, alles blieb so, wie es ist. Stattdessen tauschte er nur den verletzten Nico Schlotterbeck durch Antonio Rüdiger und den angeschlagenen Nathaniel Brown durch ebenjenem Raum aus.
Undav fordert ein "ekligeres" DFB-Team

Und eigentlich begann ja auch alles gut. Aleksandar Pavlović überlupfte nach einem Einwurf in der zweiten Minute seinen Gegenspieler, der wiederum ging mit dem Kopf an das sehr hohe Bein des deutschen Sechsers. Der Vorfall blieb jedoch ohne weitere Ahndung. Der Ball kam als Nächstes zu Florian Wirtz, der diesen im Strafraum auf Leroy Sané weiterleitete. Und der vollendet zum zweitschnellsten WM-Tor in der DFB-Geschichte.
Aus dem optimalen Auftakt entwickelte sich jedoch nicht mehr. Sondern immer weniger. Ecuador, für das es um das Überleben in diesem Turnier ging, bewies das in jeder Situation - und kämpfte sich zurück. Schon in der 9. Minute traf Marco Angulo per Fernschuss durch die Beine von Pavlovic. Neuer war machtlos - für die Statistik fühlt sich das trotzdem nicht gut an. Schließlich hatte er nun mehr Gegentore als Paraden.
Vorbei mit der Glückseligkeit, jetzt stand plötzlich sehr viel Arbeit ins Haus. Denn der fußballerisch klar unterlegene Gegner nahm auf einmal wieder am Spiel teil. Der Bundestrainer attestierte seine Elf im Anschluss "Harakiri im Positionsspiel". Ein Problem, denn: "Es war ein bisschen zu viel Freestyle nach der Führung." Dann werde es auch schwierig, analysierte Nagelsmann.
Eine südamerikanische Party
In New Jersey entwickelte sich deshalb nun das zu erwartende ungemütliche Auswärtsspiel. Der Rasen war trocken, die Luft aufgeheizt und auf den Rängen dominierten die knallgelben Trikots. 350.000 Menschen aus Ecuador leben im Großraum um das Stadion herum. Nicht alle passen dort hinein, viele haben es dennoch dorthin geschafft. Sie peitschten von den Rängen aus ihre Mannschaft an.
Gereizter Bundestrainer wehrt sich gegen "Quatsch"-Frage

Die Partie glich nach der aufreibenden Anfangsphase mehr und mehr einem Gebolze. Von Minute zu Minute wurde es immer ungemütlicher. Fehlpässe, kleinere Fouls mehrten sich. Besonders Jamal Musiala bekam tüchtig auf die Füße. Wie oft er am Boden lag, lässt sich nachträglich kaum rekonstruieren, die Zahl muss aber mindestens zweistellig sein. Ecuador hat plötzlich Ballbesitz, das DFB-Team ließ sich in eine Fünferkette zurückdrängen, mit Leroy Sané als Rechtsverteidiger. Der füllte seine Rolle überraschend gut aus.
Dann der nächste Aufreger unmittelbar nach der Pause: Das DFB-Team bekam einen Elfmeter zugesprochen, der aber wegen eines Fouls von Sané deutlich im Vorfeld aberkannt wurde. Nagelsmann zog derweil seinen Plan durch, möglichst vielen aus seinem Kader weitere Spielzeit zu geben. Er tauschte so sehr durch, dass selbst langjährige Beobachter des DFB-Teams nicht alles auf Anhieb verstanden.
Die wild durchgewechselte Nationalelf vermochte danach es nicht, wieder Struktur auf den Rasen zu bekommen. Nach dem 1:2 versuchte das DFB-Team in seltsamer Formation (Dreierkette, mit nur einem Sechser), noch irgendwie gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Die Versuche blieben jedoch allenfalls bemüht.
Einzig Sané hatte nochmal einen Was-wäre-wenn-Moment, als er alleine aufs gegnerische Tor lief - und alles bis auf den Abschluss richtigmachte. Deshalb blieb es dabei. Ecuador gewann, das Met-Life-Stadion wurde Ort einer südamerikanischen Party.
Die Neuer-Debatte
Die DFB-Elf verliert das, was sie sich mühsam seit der 0:2-Blamage in Bratislava im Herbst 2025 aufgebaut hat: Sicherheit. Plötzlich brechen alte Debatten vollständig auf, die sich gegen die Elfenbeinküste zumindest schon angedeutet haben: Wie gut ist das DFB-Team eigentlich? Ist das Mittelfeld-Duo Felix Nmecha und Pavlovic wirklich ausreichend? Oder sollte Kapitän Joshua Kimmich doch noch einmal dorthin wechseln? Drei der vier Hälften in den vergangenen beiden Spielen würden dazu als Argumentationsgrundlage dienen.
DFB-Kapitän äußert sich zu ungewöhnlicher Auswechslung

Oder das Torwartthema: Hat Neuer mit seiner eigenen Analyse zum 1:2 recht? Oder lassen mit 40 Jahren dann doch irgendwann die Reflexe nach? Nagelsmann ist mit der Rückkehr des früheren Helden auch ins Risiko gegangen: Der Weg mit der "Weltklasse-1B" Oliver Baumann wäre der sichere gewesen, ohne große Debatten. Neuer dagegen holte er wegen seiner Aura zurück. Deshalb erwartet man von ihm, dass er auch Aura-Dinge tut - und mal einen Unhaltbaren hält. Bislang hat er das aber nicht gemacht. Nagelsmann muss einkalkuliert haben, dass das für Unruhe von außen sorgt. Die Debatte wird nun wieder geführt.
Das lässt sich weiter durchdeklinieren. Musiala und Wirtz haben wieder kein gutes Spiel gehabt. Was zum einen daran liegt, dass sie sehr in Defensivaufgaben eingebunden waren. Zum anderen aber auch, dass die "jungen Hüpfer" (Rüdiger) nach wie vor verkrampft wirken. Wirtz verpasste immer mal wieder den Abschluss, Musiala sucht weiterhin nach seiner Leichtigkeit. Im Zusammenspiel verfehlten beide einander überraschend häufig.
Bis auf Neuer
Und so kehrt die Nervosität zurück: Am Vortag war Nagelsmann bei der Pressekonferenz noch so gelassen, wie er bislang noch gar nicht bei dieser WM aufgetreten war. Keine 24 Stunden später verlor er die Fassung: Auf die Frage, ob Ecuador es vielleicht einfach mehr wollte, entgegnete Nagelsmann an der Seitenlinie bei MagentaTV dünnhäutig: "Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich. Warum wollten die Jungs nicht Vollgas geben?" Er sah sich sogar gezwungen, es noch einmal klarzustellen: "Nee, die wollten es nicht mehr".
Das Kuriose daran ist, dass sein Kapitän ihm kurz darauf direkt widersprach. "Die Analyse ist, dass wir auf jeden Fall verdient verloren haben", sagte Kimmich. Nach der Halbzeit hätten er und seine Kollegen nicht mehr auf Sieg gespielt. "Wir haben dann gemerkt, dass der Gegner das Spiel gewinnen musste, das Spiel gewinnen wollte", sagte Kimmich. "Und das am heutigen Tag definitiv mehr als wir." Das ist zwar nur ein Widerspruch, unmittelbar nach Spielende. Doch insgesamt bleibt ein seltsames Bild des Teams hängen.
Einzig Neuer war der Alte - zumindest neben dem Platz. Mit der Erfahrung eines WM-Rekordtorhüters stellte er das Gesehene ins Verhältnis. Noch sei nichts besorgniserregend. "Der Druck lag klar auf der Seite der Ecuadorianer, wir standen vorher schon als Gruppensieger fest. Dennoch ist es ein WM-Spiel, wir wollen jedes Spiel gewinnen. Und haben heute nicht unsere beste Leistung gezeigt", sagte Neuer. "Aber ich kann jetzt keinem unterstellen, dass er nicht alles gegeben hat." Das wiederum wäre eine besorgniserregende Erkenntnis vor der ersten K.-o.-Runde bei einer WM seit zwölf Jahren.



