Rache, Häme, Falkland

Duell des Zorns: Argentiniens nationale Wut brüskiert England

David BeduerftigVon David Bedürftig, Atlanta
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Argentinien ist vor dem Halbfinale ordentlich angezündet. (Foto: IMAGO/Newspix)
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15.07.2026 | 17:42 Uhr
England gegen Argentinien: Das ist weit mehr als ein Halbfinale. Für die Südamerikaner geht es um eine nationale Tragödie, Identitätsbildung und Rache. Sowohl Politiker als auch Messi und Co. schießen Giftpfeile.

Nach einem weiteren großen Comeback, nach dem späten Sieg über zehn Schweizer im Viertelfinale von Kansas City, feierten die argentinischen Fußballer noch 15 Minuten nach Abpfiff ausgelassen auf dem Rasen. Das zweite WM-Halbfinale nacheinander, der amtierende Weltmeister machte auch in der Kabine noch kräftig Party. Doch ein Lied, das die Profis um Superstar Lionel Messi in der Umkleide anstimmten, sorgt für extra Brisanz vor dem großen Halbfinale gegen England.

Schon wieder fliegen Giftpfeile, ein neues Kapitel in einer der größten Rivalitäten im Weltfußball wird geschrieben. Das Halbfinale gegen England geht weit über den Sport hinaus, selten wurden die Verflechtungen von Fußball, Nationalismus, Identität und Politik so offensichtlich wie bei diesem Duell.

"Für die Malvinas, für Diego [Maradona], für Leos [Messis] letzten. Argentinien, ich möchte, dass du zum zweiten Mal in Folge Meister wirst", sangen die Spieler und tanzten dabei wild umher. Die Zeilen stammen aus dem neuen WM-Hit des Landes, der "La cuarta estrella" heißt ("Der vierte Stern", bisher hat Argentinien drei WM-Titel), und "Malvinas" ist die argentinische Bezeichnung für die Falklandinseln. Obwohl damit mutmaßlich gegen die strengen Vorschriften der FIFA zur politischen Meinungsäußerung in Stadien verstoßen wurde, entschied sich der Weltverband augenscheinlich gegen Sanktionen.

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649 Argentinier starben

Der Song fasst die drei Säulen des heutigen argentinischen Nationalstolzes zusammen. Besonders die Falklandinseln sind nach wie vor ein Symbol des Nationalismus und stehen für eine nationale Tragödie, die tiefe Spuren in der argentinischen Gesellschaft hinterließ. 1982 kamen 649 argentinische Soldaten ums Leben, nachdem sie versucht hatten, das Gebiet vom Vereinigten Königreich zurückzuerobern. Auch 255 britische Soldaten starben. Das Resultat war eine nationale Tragödie für Argentinien, das sich nach gut zwei Monaten ergeben und von den Inseln zurückziehen musste.

Argentinischen Kindern wird heute noch in der Schule beigebracht, dass die Inseln zu ihrem Land gehören. Auf Karten von Argentinien werden sie stets als Teil des Hoheitsgebiets dargestellt, und im ganzen Land sind Orte nach ihnen benannt. Drei Vereine in den beiden höchsten Ligen haben Stadien, deren Namen übersetzt "das argentinische Falkland-Stadion" bedeuten.

Die Hauptinseln liegen etwa 500 Kilometer östlich der südlichen Küste Argentiniens und sind knapp 13.000 Kilometer von England entfernt. Großbritannien erhob erstmals 1690 Anspruch auf die Inselgruppe und errichtete dort 1765 einen Stützpunkt. 1833 übernahm die Kolonialmacht die dauerhafte Kontrolle und löste eine kleine argentinische Siedlung auf. Großbritannien erhebt Anspruch auf die Souveränität über die Falklandinseln und unterhält dort eine militärische Präsenz, während Argentinien seinen Anspruch weiterhin auf diplomatischem Wege und vor internationalen Gremien wie den Vereinten Nationen geltend macht.

"Wer nicht springt, ist Engländer"

Die argentinische Abneigung den Engländern gegenüber stammt aber nicht nur aus dem Zoff um die Falklandinseln. 1806 griffen britische Truppen Buenos Aires an und besetzten die Hauptstadt 46 Tage lang. Weil die spanischen Soldaten mit der königlichen Schatzkammer nach Córdoba geflohen waren, schlugen lokale Milizen selbst gegen die Briten zurück, was den Weg für die Mai-Revolution 1810 und die darauffolgende Unabhängigkeit des Landes bereitete.

Noch immer sorgt die Inselgruppe für Ärger zwischen den beiden Ländern - und nun kocht der Streit im Rahmen der WM wieder hoch. Unabhängig von historischen Gebietsansprüchen und deren Gültigkeit ist die Bezugnahme auf die Malvinas das beste Beispiel dafür, wie die argentinischen Fans den Patriotismus angeheizt haben, um dieses Halbfinale so emotional aufgeladen wie möglich zu führen.

So räumte Stürmer Jose Manuel Lopez in Kansas City mit Blick auf das Halbfinale ein: "Natürlich ist es außerhalb der vier Linien des Spielfelds ein Duell, das von viel Geschichte, viel Leid und vielen Ereignissen geprägt ist." Und Verteidiger Nicolás Otamendi veröffentlichte am Samstagabend auf Instagram ein Video, das seine Teamkollegen zeigte, wie sie tanzten und den anti-englischen Sprechchor sangen, der schon seit Jahrzehnten bekannt ist: "El que no salta es un inglés". Wer nicht springt, ist ein Engländer.

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Tuchel erwartet "emotionales Match"

Thomas Tuchel sagte auf der Pressekonferenz in Atlanta am Tag vor dem Halbfinale, dass jeder "diese besondere Konstellation" kenne, dass es ein "emotionales Match" und eben "kein Spiel wie jedes andere" wird, "auch wenn wir versuchen, unseren Spielern das einzuimpfen". Argentinien werde "angetrieben von der Geschichte" sein, erklärte der deutsche Trainer: "Wir respektieren unseren Gegner, schauen aber nicht auf historische Ereignisse." Sein Rechtsverteidiger Ezri Konsa, der in einer kleinen Reporterrunde zugab, dass die Profis bisher noch keine Videoanalyse von Argentinien gemacht haben, sagte über die Anti-England-Songs ganz cool: "Ich habe die Videos gar nicht gesehen."

Auch wenn natürlich keiner der heutigen Profis den Krieg oder das große Duell zwischen England und Argentinien bei der WM 1986 miterlebt hat. Auch wenn der argentinische Nationalcoach Lionel Scaloni nach dem Schweiz-Spiel wie Tuchel betonte, dass es beim Halbfinale um nichts anderes als Fußball gehe, können die Trainer die Rivalität, die von jahrzehntelangen sportlichen Dramen und politischen Spannungen geprägt ist, nicht verschwinden lassen.

Denn bereits am Samstagabend wimmelte es nur so von Trikots der Albiceleste im verregneten Atlanta, die Fans sangen Lieder mit Texten wie: "Die Engländer haben Angst, weil sie wissen, dass diese Truppe Mumm hat". Die Polizei der Stadt wurde über den historischen Hintergrund des Spiels informiert und ist in höchster Alarmbereitschaft, es blieb aber bislang alles friedlich. Eines der Lieder der argentinischen Anhänger widmet sich den argentinischen Soldaten, die im Falklandkrieg gekämpft haben - meist junge Männer, die gerade erst volljährig geworden waren - und lautet: "Für Argentinien gebe ich mein Leben, wie die Jungs auf den Falklandinseln, ach England, ich fordere dich zum Kampf heraus."

Außenminister wütet gegen England

Es ist fast unmöglich, Fußball von der argentinischen Kultur und der nationalen Geschichtserzählung zu trennen, zu eng sind sie miteinander verflochten. Das Halbfinale gegen England wird damit zu einem kulturellen Ereignis. Zu einem gesellschaftlichen Phänomen. Passenderweise erklärte die Albiceleste dieser Tage, dass sie dem Veteranenverband des Falklandkriegs ein von den Weltmeistern signiertes Trikot zukommen lassen werde.

Auch an der politischen Front kommt der Groll vor dem Halbfinale erneut zum Vorschein. In einem Gastbeitrag für die Zeitung "La Nacion" schrieb der argentinische Außenminister Pablo Quirno, die Bewohner der Falklandinseln seien eine "von der Besatzungsmacht künstlich angesiedelte" Bevölkerung und deshalb könne auch "kein einseitig vom Vereinigten Königreich organisiertes Referendum rechtliche Auswirkungen" auf den Streitfall haben. 2013 hatte die Inselgruppe sich mit überwältigender Mehrheit dafür ausgesprochen, ein Überseegebiet des Vereinigten Königreichs zu bleiben. Argentiniens Präsident Javier Milei hatte im April am 44. Jahrestag des Krieges bereits in den sozialen Medien erklärt: "Die Malvinas waren, sind und werden immer argentinisch sein."

Quirno forderte nun Verhandlungen und schrieb weiter, dass die Inseln eine "besondere und einzigartige koloniale Situation" darstellten, "die ihren Ursprung in der Verletzung der territorialen Integrität Argentiniens hat", und dass "die Zeit eine unrechtmäßige Besetzung nicht in Souveränität verwandelt".

Das wollte die Downing Street natürlich nicht auf sich sitzen lassen, wies die Behauptungen des Außenministers, wie schon oftmals zuvor, entschieden zurück und erklärte, die Bewohner der Falklandinseln seien "Briten mit dem Recht, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden". Auf die Gesänge der argentinischen Fans und Spieler angesprochen, antwortete der offizielle Sprecher des Noch-Premierministers Keir Starmer: "Ich glaube, der Premierminister vertritt die Ansicht, dass es beim Fußball um das Spiel selbst gehen sollte und darum, Menschen zusammenzubringen."

Diego Maradonas "Rache"

Es ist eine lange Geschichte von Animositäten, politischen Spannungen und Krieg. Das heutige Aufeinandertreffen lässt eine der legendärsten Rivalitäten im internationalen Fußball wieder aufleben. Sportlich wurde das Duell durch Diego Maradonas berüchtigtes "Hand Gottes"-Tor bei der Weltmeisterschaft 1986 geprägt. Für den Jahrhundertfußballer war dieser Treffer ein Akt der Gerechtigkeit für die argentinische Nation, er bezeichnete ihn als "symbolische Rache" gegenüber dem Vereinigten Königreich und sagte einst: "Es stimmt zwar, dass wir vor dem Spiel gesagt haben, Fußball habe nichts mit dem Malvinas-Krieg zu tun, aber wir wussten, dass sie in diesem Krieg viele argentinische Kinder getötet hatten, als wären sie kleine Vögel. Und das war die Revanche dafür."

Die Rivalität reicht gar bis in den Juli 1966 zurück, als England den Weltmeistertitel holte und zuvor das Viertelfinale, das in Argentinien als "der Raub des Jahrhunderts" bekannt ist, in eine Art Schlägerei ausartete. Der englische Nationaltrainer bezeichnete die Südamerikaner damals als "Tiere", als sie den Schiedsrichter umringten, der von der Polizei vom Platz begleitet werden musste. Die Bezeichnung wurde in Argentinien als großer Affront und zutiefst rassistisch aufgefasst.

Für Messi kommt es nun zum ersten Spiel gegen die Three Lions, denn beide Teams sind seit einem Freundschaftsspiel im Jahr 2005 nicht mehr aufeinandergetroffen. Nach dem Sieg gegen die Schweiz sagte der Kapitän über das Duell mit England: "Alles, was ich gesehen habe und woran ich mich erinnere, stammt aus Videos und Bildern, die die Argentinier ständig anschauen und immer wieder neu erleben." Nun will er auch er Teil dieser großen, nationalen Geschichtserzählung werden.

Verwendete Quelle: ntv.de