Tore, Trump, Ausgrenzung

"FIFA hat komplett versagt": Weltmeisterschaft ohne die Welt

David BeduerftigVon David Bedürftig, New York
July-10-2026-Mexico-City-Cdmx-Mexico-The-Spanish-national-team-Nationalteam-beat-Belgium-2oA1-in-a-thrilling-match-the-Spaniards-scored-the-winning-goal-just-minutes-before-the-final-whistle-Fans-from-both-nationsoAsome-Spanish-others-BelgianoAgathered-at-the-Fan-Festival-to-watch-the-game-alongside-compatriots-They-were-joined-by-Mexicans-in-costume-including-a-Merlin-the-Duck-figure-who-cheered-on-the-visiting-fans-as-everyone-shouted-together-for-the-goals-Spain-s-advancement-to-the-next-round-and-the-unfortunate-defeat-that-ended-Belgium-s-run-in-the-2026-FIFA-World-Cup-WM-Weltmeisterschaft-Fussball-Mexico-City-Mexico-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY-ZUMAp204-20260710-zip-p204-031-Copyright-xJosuexPerezx-Spain-Defeats-Belgium-In-The-World-Cup
Viele Fußballfans hatten keine Möglichkeit, an der WM teilzunehmen. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)
00:00 / 09:05
18.07.2026 | 10:09 Uhr
Was bleibt von dieser WM? Natürlich Heldentaten und tolle Tore - doch das kann nicht davon ablenken, dass das Turnier von der US-Regierung und der FIFA knallhart instrumentalisiert wird. Die perfide Vermischung von Sport und Politik sorgt für beißende Kritik.

Hach, du schöner Fußball. Diese WM ist fantastisch und unzählige Highlights stechen heraus, auch wenn die DFB-Elf erneut sehr früh ausschied: Messis Heldentaten, Mbappés Tore, Mexikos frenetische Anhänger, Vozinhas Paraden, Haalands Stempel auf seinem ersten Turnier, Curaçaos erster WM-Punkt, Bellinghams ikonische Jubelgesten, Spaniens Defensiv-Rekord, das kommende Finale zwischen Weltmeister und Europameister.

Doch nicht alle in den USA können an dem Turnier teilhaben. Etliche müssen in Angst leben, denn abseits des Rampenlichts der Weltmeisterschaft kommt es vielerorts zu Gewalt und Diskriminierung. Die US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) hält sich, anders als zuvor befürchtet, größtenteils von Stadien und Fanfesten fern, aber führt landesweit eine beispiellose Welle von Razzien durch.

"Im Schatten der WM, die ohne Zweifel viele Momente der Freude und Zusammengehörigkeit geschaffen hat, hat die US-Regierung ihre missbräuchliche Migrationspolitik weiter verschärft", kritisiert Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International, gegenüber ntv.de. "Die Zahl der Razzien und Festnahmen hat sich in den letzten Monaten massiv erhöht, im Juni wurden allein innerhalb von fünf Tagen rund 10.000 Menschen festgenommen."

Amnesty kritisiert Trump und FIFA scharf

Die Festnahmen gipfeln in tödlichen Schüssen von ICE-Beamten auf Einwanderer, die beide nicht das eigentliche Ziel der Razzien sind. Im Fall des Mexikaners Lorenzo Salgado Araujo geschieht die tödliche ICE-Aktion in der WM-Stadt Houston und nur 13 Autominuten vom offiziellen FIFA-Fanfest entfernt. Der Beamte, der den Kolumbianer Johan Sebastian Duran Guerrero in Biddeford, Main erschießt, litt laut Angaben mehrerer seiner nahen Verwandten seit seiner frühen Kindheit unter schweren psychischen Problemen und zeigte laut Unterlagen bereits in der Vergangenheit gewalttätiges Verhalten. Laut Human Rights Watch sterben während der WM zudem zwei weitere Menschen in ICE-Gefängnissen. Am Freitag gibt ICE außerdem erstmals bekannt, einen Mann im Rahmen eines WM-Spiels festgenommen zu haben.

Die Verantwortung für die Todesfälle liege in erster Linie bei Donald Trumps Regierung, weil ihre "menschenfeindliche, rassistische Migrationspolitik Gewalt und Tote billigend in Kauf nimmt", sagt Duchrow. Aber auch die FIFA, kritisiert die Generalsekretärin, sei ihrer klaren menschenrechtlichen Verantwortung, auf die Einhaltung der Menschenrechte im Gastgeberland einzuwirken, nicht nachgekommen: "Eine Weltmeisterschaft in einem Land auszutragen, in dem Hass und Rassismus so konsequent in eine missbräuchliche Migrationspolitik umgesetzt werden, steht der Idee einer WM als Ort der Begegnung und Verbundenheit diametral entgegen."

WM-Teams im Abschiebeflieger

Eine perfide Vermischung von Sport und Politik und krude Normalisierung der ICE-Menschenrechtsverletzungen entsteht etwa auch am 4. Juli: Die FIFA steckt das portugiesische Nationalteam in dasselbe Flugzeug, in dem im März 2025 ICE mehr als 200 Venezolaner in das berüchtigte Megagefängnis Cecot in El Salvador ohne ein ordnungsgemäßes Verfahren abschob. Insgesamt hat laut dem britischen "Guardian" ICE mit dem Flugzeug seit Mai 2023 gar mehr als 1580 Flüge im Zusammenhang mit Abschiebungen durchgeführt, es ist damit eines der am häufigsten eingesetzten Flugzeuge im Rahmen der Massenabschiebungsaktion der Trump-Regierung. Auch die Teams aus Frankreich, England und dem Iran sollen Abschiebungsflugzeuge genutzt haben.

Während der WM kommt es ebenfalls zu einer Art kulturellem Austauschprogramm, das Fans aus (fast) der gesamten Welt mit den US-Amerikanern zusammenbringt und besonders dank der Schotten und Norweger ikonische Szenen liefert. Auch das macht Freude. Allerdings muss auch das "beinahe" betont werden, denn: Während europäische und südamerikanische Anhänger ihre Spiele genießen können, werden viele andere ausgeschlossen.

Ronan Evain, Geschäftsführer von Football Supporters Europe, erklärt auf einer von der Sports & Rights Alliance organisierten Presserunde am Donnerstag, dass seine Organisation "keinerlei Hinweise" dafür gefunden habe, dass Ticketinhaber aus Afrika und Asien irgendwelche US-Visa erhalten haben. "Das vielfältige Publikum setzte sich fast ausschließlich aus lokalen Diaspora-Gemeinschaften oder Personen mit doppelter Staatsbürgerschaft zusammen, die kein Visum für den Besuch benötigten", so Evain, "was die Versäumnisse der FIFA verschleiert, eine Weltmeisterschaft zu gewährleisten, die tatsächlich die ganze Welt einbezieht."

"Große Kluft zwischen FIFA und Menschen"

"Ohne die Welt gibt es keine Weltmeisterschaft", sagt Andrea Florence, Geschäftsführerin der Sports & Rights Alliance, zu ntv.de und kritisiert die "diskriminierenden Visabestimmungen", die "eine abschreckende Wirkung" gehabt hätten. Florence erzählt die Geschichte der Iranerin Sara, die in der Islamischen Republik an der Spitze der Bewegung gegen Geschlechterdiskriminierung im Sport steht und dafür kämpft, das Stadionverbot für Frauen und Mädchen im Iran aufzuheben. Sie konnte an den Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar teilnehmen, doch in die USA darf sie nicht einreisen. "Wenn schon Sara kein Visum erhält, kann man mit Sicherheit sagen, dass kein anderer iranischer Fan in die USA hätte reisen können."

Die weltweite Freude und die Feierlichkeiten dürfen nicht davon ablenken, dass diese WM ein Turnier für Privilegierte und Zugehörige der Ober- und gehobenen Mittelschicht ist. Und dass die US-Regierung abseits des Rampenlichts Ausgrenzung, Diskriminierung und Machtmissbrauch in beispiellosem Ausmaß betreibt, während 11 der 16 WM-Stadien auf ihrem Land stehen und 78 der 104 Partien hier ausgetragen werden.

"Wenn Fans, Journalisten und Fußballfunktionäre daran gehindert werden, am Turnier teilzunehmen, kann die Reaktion der FIFA nicht einfach darin bestehen, den Leuten zu sagen, sie sollen sich 'beruhigen und entspannen'", kritisiert Florence. Diese Weltmeisterschaft habe offenbart, "wie groß die Kluft zwischen der FIFA und den echten Menschen ist, die Fußball lieben, spielen und schauen". Die FIFA müsse endlich "aufhören, Macht und Profit in den Vordergrund zu stellen", und sich wieder den Menschen zuwenden.

Fatales Fazit für die FIFA

Trotz des Versprechens der FIFA, die 'inklusivste' Weltmeisterschaft aller Zeiten auszurichten, dominieren besonders am Anfang Fälle wie der Ausschluss des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, der Mutter von Kap-Verde-Keeper Vozinha, des Superfans "Lumumba Vea" aus der Demokratischen Republik Kongo und der Visa-Odyssee der iranischen Nationalelf.

Etliche weitere Fälle schaffen es nicht in die Schlagzeilen. "Außerdem beschlossen viele LGBTI-Fans aus Angst um ihre persönliche Sicherheit, nicht zum Turnier zu reisen", erklärt Amnesty-Generalsekretärin Duchrow. "Zudem trugen die extrem hohen Ticketpreise und ungünstige Regelungen für Menschen mit Behinderung dazu bei, bestimmte benachteiligte Bevölkerungsgruppen von dem Turnier auszuschließen."

Was bleibt also von dieser XXL-WM? Tolle Erinnerungen an die großartigen Comebacks der Argentinier und die spanische Mittelfelddominanz auf dem Rasen, an die ikonischen Momente und die ausschweifenden Feierlichkeiten, als etwa die Schotten Boston das Bier austranken oder die Norweger mit ihrer Wikinger-Ruderchoreo den Times Square eroberten. Dazu jedoch ebenfalls Ärgernisse wegen teurer Tickets, nerviger Trinkpausen und unpassender Anstoßzeiten (das gilt sowohl für Europäer, für die die Spiele oft nachts liefen, als auch für die Amis, die bei den Partien am Mittag und Nachmittag auf der Arbeit feststeckten).

Video poster
2:01

Nürnberg-Legende Pinola: "Messi ist ein Gott für uns"

WM wurde instrumentalisiert

Aber es bleiben - wie etliche Menschenrechtsorganisationen und Experten eindringlich bereits lange vor der WM gewarnt hatten - auch Ausgrenzung, Gewalt und sogar Tod. "Unter Gianni Infantino hat die FIFA komplett dabei versagt, ihre eigenen Menschenrechtsstandards einzuhalten", sagt Julia Duchrow. "Die FIFA versprach ein Fest der Vielfalt und Inklusion, tat aber sehr wenig, um dies in die Tat umzusetzen. Letztendlich hat nicht nur die US-Regierung unter Donald Trump, sondern auch die FIFA die Weltmeisterschaft 2026 für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert."

Die WM in den USA, Kanada und Mexiko wird als die größte und teuerste in die Geschichte eingehen - bis FIFA-Präsident Infantino vielleicht schon das nächste Turnier noch einmal auf dann 64 Mannschaften aufstockt. Als die großartigste dürfte lediglich er selbst an sie zurückdenken. Eine Rechenschaftspflicht in Sachen Menschenrechte gibt es bei der FIFA nicht.

Verwendete Quelle: ntv.de