Endlich eskaliert der Fußball

Gianni Infantino fliegt der eigene Größenwahn böse um die Ohren

imageVon Tobias Nordmann
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31.07.2026 | 06:17 Uhr
Die UEFA bietet Gianni Infantino die Stirn. Der FIFA-Präsident soll seinen Investorendeal beerdigen - oder er muss mit einem WM-Boykott rechnen. Es ist eine wohltuende Eskalation.

Womöglich ahnte FIFA-Boss Gianni Infantino schon am Mittwochabend, dass es diesmal schwer werden würde. Aber ob er einkalkuliert hatte, dass er tatsächlich scheitern könnte? Er, der dem kommerziellen Größenwahn verfallene Alleinherrscher des Fußballs? Man kann es sich nicht vorstellen. Zu oft war er mit all seinen Plänen, mit all seinem Treiben durchgekommen. Jetzt aber scheint überraschend Schluss mit lustig. Mächtige Teile der Fußballwelt haben, Pardon, die Schnauze voll.

Die UEFA greift am Donnerstagnachmittag zum Äußersten und droht, alle FIFA-Turnier zu boykottieren. Und sie lässt mit ihrer Wortwahl keine Zweifel an der maximalen Ernsthaftigkeit erkennen. "Wir werden diesem Modell niemals unsere Legitimität verleihen. Niemand hat das moralische Recht, etwas zu verkaufen, das er lediglich treuhänderisch für die nächste Generation verwaltet."

Alle (!) 55 Mitgliedsverbände bekennen sich dazu, Infantino diesmal den Stock wirklich zwischen die Beine zu werfen, wenn sein Investorenplan zur Umsetzung kommt. Am Abend schloss sich rasch der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Verband CONCACAF (41 Mitglieder) den Europäern an und lehnte Infantinos Pläne ab. Von einem Boykott sprechen sie zwar nicht, aber: 96 von 211 Verbänden sind nun schon dagegen, dass sich Investoren in die Weltmeisterschaft einkaufen.

Die CONCACAF begründete ihre Entscheidung in einem Statement mit "tiefer Besorgnis über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens im Zusammenhang mit dem Vorschlag, die künstlich knapp gesetzte Frist sowie das Fehlen jeglicher Prüfung oder Genehmigung durch die zuständigen FIFA-Führungsgremien". Darüber hinaus wurde infrage gestellt, "weshalb überhaupt eine Finanzierung durch Private-Equity-Investoren erforderlich sein – insbesondere nach der finanziell erfolgreichsten FIFA-Weltmeisterschaft der Geschichte."

Ein Schlag in Infantinos Magengrube

Die Fußballwelt steht vor einer historischen Spaltung. In einigen Medien ist bereits vom "totalen Krieg" die Rede. Die wortgewaltige "Sun" pestet etwa: "Infantino erhält eine Lektion: Sein verabscheuungswürdiger WM-Plan ist gescheitert, da immer mehr Länder ihn ablehnen – und auch dem verhassten FIFA-Chef droht die Entlassung."

Eine WM ohne viele der größten Nationalteams der Welt? Eine WM ohne Kylian Mbappé, ohne Lamine Yamal, ohne Harry Kane - ein Scherz, ein Schlag in die Magengrube des FIFA-Chefs und des möglichen Investors, der mit Joshua Kushner aus der Trump-Familie kommen sollte. Eine nächste undurchsichtige Ebene des geplanten Deals. Der Verdacht der zuschusternden Begünstigung steht im Raum.

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Wehrle: "Weiß er überhaupt, was Fußball bedeutet?"

Den von Infantino mit großer Geste überreichte Friedenspreis für Donald Trump hat die Welt mit geballten Fäusten in der Hosentasche hingenommen. Die Einflussnahme des US-Präsidenten auf die Aufhebung der Roten Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun und das Achselzucken von Infantino trieb den Fußball in die große Wut. Und nun knallte es auf derbste Weise. Dass Infantino das Filetstück des Sport, die Weltmeisterschaft in Anteilen verkaufen wollte, war der Schritt zu viel. Der allmächtige FIFA-Boss hat sich auf fatale Weise verzockt. Der eigene Größenwahn fliegt ihm nun um die Ohren.

Am Mittwochabend, einen Tag nach Bekanntwerden der Pläne für den Einstieg von Investoren, versuchte der Schweizer die Lage ein (vorerst) letztes Mal zu beherrschen. Er verzwergte sein gigantisches Projekt zu einer "Idee". Keinerlei Verpflichtung! Die Verbindung des potenziellen Investors zu seinem sehr guten Freund Donald Trump? Auch das spielt keine Rolle in seiner Selbstverteidigung. Kritische Themen oder anrüchige Fakten werden in Infantinos Sicht der Dinge gerne großzügig ausgelassen. Dazu könnte auch gehören, dass er nach Ende seiner Zeit als FIFA-Präsident ganz einfach seine Macht in der neu gegründeten Tochterfirma FFE weiter ausüben hätte können. Mit einem gigantischen Gehalt. Es geht also nicht nur um die proklamierte Liebe zum Fußball.

Doch die Worte des 56-Jährigen verhallten im Resonanzkörper der großen Empörung. Lediglich der afrikanische Fußballverband zeigte sich interessiert daran, der Verlockung des Geldes zu erliegen. Am Freitag legte die FIFA dann nochmal nach, reagierte überraschend harsch auf die Kritik und bekräftige ihr Bekenntnis "zu einem offenen und demokratischen Konsultationsprozess" - dieser, so bellte sie, sei in den vergangenen Tagen von "fehlerhafter Berichterstattung in den Medien" gestört worden. Doch mehr Plan, doch mehr Verpflichtung?

Noch hat Infantino eine breite Machtbasis

Infantino hatte auf seinem Amtsweg jede Glaubwürdigkeit verspielt. Selbst sein Vorgänger, der umstrittene Sepp Blatter, wirkt im Glanze des Gianninismus wie ein integrer Vertreter des Fußballs. Nun steht Infantino im Sturm. Wie so oft. Aber dieses Mal ist die Kraft größer denn je. Ob sie ausreicht, den Schweizer zu stürzen? Unklar. Infantino hat durch seine Großzügigkeit gegenüber kleineren Nationen (finanzielle Zuwendungen, WM-Aufstockung) eine breite Machtbasis, auch diesmal ist Geld sein Lockmittel. Ohne sein absurdes Vorgehen wäre er ungefährdet in die FIFA-Wahlen 2027 gegangen. Nun hat er womöglich den Bogen überspannt. 

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"Das Runde muss ins Eckige - und Infantino endlich weg"

Die Boykott-Androhung der UEFA ist der mächtigste Versuch, den "Alleinherrscher" Infantino zu stoppen, der über seine Pläne noch nicht einmal das FIFA-Council (mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf) vorab informiert hatte. Und im Hintergrund laufen offenbar schon weitere Pläne der Europäer. Mit PSG-Boss Nasser al-Khelaifi soll einem Bericht des Magazins "Politico" zufolge ein mächtiger Gegenkandidat zu Infantino aufgebaut werden. Auch wenn das Lager des Katari mauert. "Nasser hat absolut keinen Ehrgeiz, keine Absicht und kein Interesse an einem Amt bei der FIFA, und er wird auch weiter alle Institutionen des Welt- und europäischen Fußballs diskret unterstützen."

Als Chef von Paris St. Germain ist Al-Khelaifi allerdings zumindest bei vielen Fußballfans nicht unumstritten. Sein mittlerweile erfolgreiches Milliardenprojekt steht für Kommerz und einen ebenfalls aberwitzigen Gigantismus. Aber: Im Streit um die Super League stand er an der Seite der UEFA, der Plan platzte. Wie jetzt auch?

Verwendete Quelle: ntv.de