Noch mehr Kommerz bei der FIFA-Weltmeisterschaft? Ist das noch möglich nach diesem Turnier? Aber selbstverständlich! Verbandschef Gianni Infantino zeigt mit seinen Investorenplänen für die WM-Turniere, dass seinem Streben nach Geld und Macht in der Fußballwelt keinerlei Grenzen gesetzt sind. Vielmehr: Er verschiebt das Denken in einen kaum noch für möglich gehaltenen Bereich.
Der Weltverband will die Turniere in ein eigenes Unternehmen auslagern und daran Anteile an Investoren veräußern. So sollen mehr als vier Milliarden erlöst werden, erklärt die FIFA. 20 Prozent sollen an private Geldgeber gehen, während weitere Teile bei der FIFA und den Mitgliedsverbänden verbleiben.

FIFA will WM privatisieren - "Trick von Infantino"
Der Verbandschef spielt ein cleveres Spiel mit seinen Investorenplänen. Denn diese erfüllen gleich mehrere Ziele. Für seine Wiederwahl im kommenden Jahr schafft er sich ein mächtiges Werkzeug: Er verspricht den Verbänden einen unglaublichen Geldregen durch den Einstieg der Investoren. Viele der 211 FIFA-Mitglieder sind vollkommen von den FIFA-Zahlungen abhängig. Die Ausschüttungen der FIFA würden sich zukünftig vervielfachen. Für kleinere Verbände ist das Angebot Infantinos höchst attraktiv.
Infantino winkt ein gigantisches Salär
Die FIFA philosophiert zwar von der zu vereinenden Fußballwelt und zehn Milliarden Dollar, die in die weltweite Entwicklung des Sports fließen sollen. Gleichzeitig investiert der oberste FIFA-Funktionär mit den Plänen vor allem in sich selbst. Der Trump-Freund Infantino will wohl ab 2031 neuer Geschäftsführer der WM-Gesellschaft werden. Finanziell soll er damit auf einer Stufe mit dem Commissioner der American-Football-Liga NFL aufsteigen. Der kassiert rund 64 Millionen Dollar pro Jahr.
Die bisher rund sechs Millionen Dollar auf der eigenen offiziellen Gehaltsabrechnung reichen dem Schweizer offensichtlich nicht aus. In diesem Lichte erscheinen die nie bestätigten Berichte aus der vergangenen Woche noch amüsanter, dass sich der US-Präsident Infantino als neuen UN-Generalsekretär wünschen würde. Da hätte der Fußball-Funktionär mit einem wie ein "Hungerlohn" erscheinenden Salär von 418.000 Dollar auskommen müssen.
Infantino denkt doch in ganz anderen Größenordnungen. Bereits die vergangene Weltmeisterschaft sorgte für eine neue Dimension der Kommerzialisierung. Die FIFA wurde darin bestätigt, warum ein Turnier in den USA (Kanada und Mexiko bleiben Beiwerk) so fantastisch ist: Der Verband kann den Umsatz im WM-Zyklus auf fast 15 Milliarden Dollar steigern und im Vergleich zu Katar damit nahezu verdoppeln. Gerechnet hatte man mit "nur" 13 Milliarden Dollar.
Aberwitzige dreiminütige Hydration-Breaks in allen WM-Spielen zeigten bereits die neue Dimension, in welche die Kommerzialisierung vorgestoßen ist. Werbepausen, die ein Fußballspiel plötzlich in Viertel aufteilten und dem Spiel eine völlig andere Dynamik gaben. Gleichzeitig profitierte die FIFA von den exorbitanten Preisen auf den Zweitmärkten und kassierte bei den Ticketverkäufen gleich mehrfach ab. Unter den Sponsoren auf den Werbebanden befanden sich unter anderem ein mehr als windiger Wettanbieter mit Verbindungen in die Vereinigten Arabischen Emirate, der zwar kein funktionierendes Geschäftsmodell, aber viele Millionen Dollar für Werbung bei WM-Spielen hatte. Bei den Geldquellen ist der Verband nicht wählerisch.
Trumps Schwiegersohn will wohl in WM investieren
Ein Verkauf an Investoren könnte auch weitere Kommerzialisierungsschritte bei der WM-Endrunde nach sich ziehen. Infantino ist bereits offen für die Idee, das jüngst erst auf 48 Teilnehmer erweiterte Starterfeld auf 64 Mannschaften auszuweiten. Das könnte dann ein Turnier mit 16 Gruppen und insgesamt 128 Spielen bringen. Das wären doppelt so viele Spiele wie bei der WM vor vier Jahren in Katar. Fast jede dritte Nationalmannschaft der Welt wäre dann beim Finalturnier vertreten.
Die Möglichkeiten für weitere Entwicklungsschritte sind grenzenlos. Vielleicht braucht es in Zukunft noch mehr Teams? Oder doch eine Weltmeisterschaft alle zwei Jahre? Dürfen die Investoren in Zukunft über die Austragungsorte mitentscheiden? Und wer kann eine XXXL-WM am Ende dann überhaupt infrastrukturell noch ausrichten? Die möglichen Auswirkungen der Investorenpläne sind weitreichend. Ein namentlich nicht genannter Insider sprach mit Blick auf die Pläne gegenüber der "Times" von einer "Atombombe" für den Weltfußball.
Entsprechend lässt auch das bereits berichtete Interesse möglicher Investoren aufhorchen: Mit Jared Kushner könnte dem Bericht zufolge der Schwiegersohn Donald Trumps eine Investorengruppe anführen. Mit Trump selbst wurde offenbar auch bereits gesprochen. Da liegt es nicht fern, dass vielleicht auch der US-Präsident nach seiner Präsidentschaft an einem Einstieg Interesse haben könnte - mit Infantino versteht er sich ja glänzend.
Die UEFA reagierte als steter Widersacher Infantinos mit deutlichen Worten auf die Investorenpläne. "Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Handelsware - erst recht nicht bei völliger Intransparenz darüber, wer finanziell davon profitiert. Niemand von uns ist Eigentümer des Fußballs. Er steht der FIFA nicht zum Verkauf", heißt es darin. Schöne Worte, hinter denen sich die von "Hydration Breaks" und Trump-Infantino-Gehabe genervten europäischen Fußballfans versammeln können.
Doch in der Realität wird die UEFA eine Abstimmung gegen Infantino wohl nur schwer gewinnen können. Vielleicht müsste sie dafür selbst zur nuklearen Option greifen: die FIFA verlassen. Ob man im Zweifel bereit ist, auf die fleißig sprudelnden Geldquellen des Weltverbands zu verzichten, beweist, was die Worte am Ende wert sind.



