Minutenlang hing das Schicksal des Bundestrainers Julian Nagelsmann am seidenen Faden. Kai Havertz hatte verschossen, Nick Woltemade auch. Paraguay kämpfte im Elfmeterschießen des WM-Sechzehntelfinals ebenfalls mit den Nerven. Den zweiten Matchball schnappte sich Manuel Neuer. Die große Geschichte der WM war bereit, aus dem Schatten zu treten. Ausgerechnet Neuer, der Comebacker, der bislang im Turnier keine "Winner"-Aktion hatte, holte die deutschen Fußballer mit einer herausragenden Parade zurück. Dieser Moment war gemacht, um alles Zerbrochene zu kitten. Die Oliver-Baumann-Demontage, die mangelnde Resilienz, das Fiasko-Deja-vu.
Doch dann donnerte Jonathan Tah den Ball ins Nirwana. Der Nagelsmann-Faden spannte sich noch mehr an, ehe er mit einem riesigen Knall riss. José Canale schoss die Südamerikaner mit einem perfekten Elfmeter eine Runde weiter. Er schoss das DFB-Team zur nächsten WM-Blamage und den Trainer aus dem Amt. Auch wenn er in den Stunden nach dem Knockout um sein Amt kämpfte. Vermutlich wusste er, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Aber was hätte er in den Momenten der Verzweiflung tun sollen? Dem Reporter zustimmen? Hätte er sagen sollen: "Ach, wenn Sie es so ansprechen: Klar, wir beenden das Ding." Nein, natürlich nicht.
Schicksal wendet sich gegen Nagelsmann
So aber türmte sich eine gigantische Welle auf, auf der Nagelsmann nicht weiter surfen konnte. Ein Experte nach dem anderen senkte den Daumen. Vereinzelt gab's zarte Verteidigungsreden. Dass die Probleme des DFB-Teams tiefer liegen würden als beim oberflächlichen Trainer-Thema. Wieder einmal sollen alle Strukturen aufgearbeitet werden. Wieder dienen Frankreich und England als Vorbild. Aber steht es wirklich so schlimm? Was wäre denn gewesen, wenn Jamal Musiala und Florian Wirtz in bester Form gewesen wären? Wenn Lennart Karl, Serge Gnabry und Nico Schlotterbeck sich nicht verletzt hätte? Der Konjunktiv bleibt der große Feind der Realität.
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Zweimal sprach das Momentum gegen Nagelsmann. Bei der emotionalen Heim-EM 2024, bei der der klappernde Riese Deutschland plötzlich wieder laufen lernte, hielt der Spanier Marc Cucurella im Viertelfinale die Hand ins deutsche Schicksal. Dieses Mal war's der Himmel-Elfmeter von Tah. Wäre, wäre ... dann Frankreich gekommen und ein würdevolles Aus. Die Bundestrainer-Debatte wäre nicht oder nur leise geführt worden.
Ja, die Dinge des Momentums liegen anders. Vor zwei Jahren riss das Team die Leute mit, "Wusiala" war geboren. In diesem Sommer war's nach Curacao ein Krampf. Mehr Verzweiflung als Verlieben. Auch wenn Kanzler Merz die Dinge in seinen verglückten X-Post anders sah. Nagelsmann hat seit der Heim-EM mehr Fehler gemacht als richtige Entscheidungen getroffen. Uli Hoeneß rief ihm zu, die ständigen Wechsel zu lassen. Nagelsmann bellte zurück. Er stellte Spieler unnötig in den Senkel (Undav etwa) und öffnete Flanken, die nicht nötig waren (Neuers Rückkehr). Er verlor die Fußball-Nation mit Belehrungen und Fachchinesisch (Heat Map als Nominierungsgrund).
Fehler der Vergangenheit wiederholen sich
Die Fehler, die er beim FC Bayern gemacht hatte, wollte er nicht mehr wiederholen. Doch die kommunikativen Schwächen holten ihn mehr und mehr ein, als der Druck stieg. In den Tagen zwischen WM-Aus und Rücktritt wurde alles ausgepackt und ihm um die Ohren gehauen. Das nahm schon absurde Züge an. Auch das langweilige Team-Quartier und der Familienbesuch wurden plötzlich Thema. Dass Deutschlands Nationalspieler Verstecken spielten, wurde zum Thema. Aus nicht näher genannten DFB-Quellen wurde Nagelsmann vorgeworfen, dass er zu "selbstverliebt" sei. Auch Sandro Wagner wurde nochmal ausgepackt. Dass der im vergangenen Jahr seinen eigenen Weg gehen wollte, hatte Nagelsmann überraschend emotionslos kommentiert. Fehlte ein Typ wie Wagner, der beim Team sehr beliebt war. Der offenbar auch ein konfrontatives Element ins Trainerteam brachte?
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Nagelsmann ist nun weg. Wie lange? Das weiß man nicht. Sein Weg wird ihn wahrscheinlich in den Klubfußball zurückführen. Ja, der Bundestrainer-Job, den er als Nachfolger des verzweifelten Hansi Flick eigentlich nur neun Monate bis zur Heim-EM 2024 machen wollte, gefiel ihm irgendwann. Doch den Makel, dass er eher ein Klub- als ein Nationaltrainer ist, wurde er nie so richtig los. Aber wohin soll's gehen? Nach seinem gescheiterten Versuch beim FC Bayern wäre in der Bundesliga jeder Wechsel ein "Abstieg". Am seichtesten würde er beim BVB ausfallen. Aber dort ist die Stelle durch Niko Kovac blockiert. Und ohnehin ist fraglich, ob der Typ Nagelsmann zum äußerst emotionalen Publikum im Westfalenstadion passen würde. Klopp ist die Benchmark. Und Nagelsmann könnte als Typ nicht weiter weg vom "Echte-Liebe"-Trainer sein. Und international? Alle Topadressen sind neu oder bereits erfolgreich besetzt. Es könnte eine Weile dauern, bis sich eine attraktive Option auftut.
So wie für Flick, der nach dem DFB-Debakel sein Glück beim FC Barcelona fand und dort reüssiert. Der letzte Weltmeister-Coach, Joachim Löw, nahm seit 2021 keinen neuen Job mehr an. Eine so lange Auszeit wäre ganz sicher nichts für Nagelsmann.
Wo sind die Anführer? Wo die Leidenschaft?
Deutschland hat sich seit dem WM-Titel 2014 verzwergt. Ein Fußball-Riese ist das Land nicht mehr. Er zuckt mehr, als dass er von Lebensgeistern getragen wird. Es gibt Probleme, denen weder der späte Joachim Löw, noch Hansi Flick und nun auch nicht Nagelsmann Herr werden konnte. Die Liste an Weltklassespielern ist sehr schnell endlich, manche Experten sehen sie sogar leer. Auf mehreren Positionen gibt es Fachkräftemangel. Die Ausbildung bleibt ein großes Thema. Was aber in diesem Turnier noch viel offener zutage trat: Wo sind die Anführer, wo sind die Kraft und die Leidenschaft fußballerisch unterlegene Gegner herzuspielen? Das Loch nach Thomas Müller, nach Mats Hummels, nach Toni Kroos konnte nie wasserdicht gestopft werden. Joshua Kimmich ist noch da, aber in seiner Rolle hinten rechts zu weit weg von der größten Einflusszone im Zentrum. Die Positions-Rochade des Kapitäns war auch eines der Probleme, das nie abgearbeitet werden konnte.
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Ein anderes: Welche Idee hat der deutsche Fußball? Für welche Identität steht das DFB-Team? Eine Antwort darauf konnte diese Weltmeisterschaft nicht geben. Im Do-or-die-Spiel gegen Paraguay hatten Musiala, Wirtz und ihre ratlosen Kollegen in drei Vierteln der Spielzeit den Ball - der Ertrag? Ein Tor gegen einen limitierten Gegner. Philipp Lahm etwa sah "keine Idee, wie sie agieren, wie sie zu Torchancen kommen, wie sie den Gegner vom eigenen Tor fernhalten will". Klopp hat diese Idee. Während Nagelsmanns Vorgaben den Spielern mitunter "zu kompliziert" waren, steht er für einen schnörkellosen Heavy-Metal-Fußball. Es braucht eine Neuerfindung.
Ein schlecht gealterter Klopp-Spruch
Es sind Probleme, die nun sehr wahrscheinlich in die Hände von Jürgen Klopp wandern. Der Schatten-Coach tritt immer mehr ins Licht. Mit einem mindestens leichten Beigeschmack. Sein "Noch"-Spruch über den Bundestrainer Nagelsmann und die lustige TV-Stimmung danach wirken sehr schlecht gealtert. Wirken kalkulierter, als sie gewesen sein sollen. Auch wenn Klopp sich dafür live beim damaligen Amtsinhaber entschuldigte.
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Der DFB setzt nun alles auf den Sehnsuchtstrainer vieler Deutscher. Der nicht nur als Coach, sondern auch als Entertainer eine ganz andere Facette reinbringt. Der auch das Uli-Hoeneß-Gen in sich trägt, der Debatten mit Nebelkerzen umlegen kann.
Klopp bekommt auf dem Weg zum Bundestrainer ohne Not das beste Blatt zugespielt. Eine Alternative gibt es nicht. Klopp kann verdammt hoch pokern und der DFB kaum kontern. So rechnet der 59-Jährige mit grundlegenden Verhandlungen. "Es werden intensive Gespräche sein müssen, weil natürlich die Probleme, die wir aktuell haben, nicht an der Personalie Julian Nagelsmann hängen", sagte Klopp. Er verhandelt an zwei Fronten, denn frei verfügbar ist er nicht. Er muss erst noch seine bis 2029 datierte Anstellung bei Red Bull loswerden. Und zwar gesichtswahrend für alle Seiten. Mit dem dortigen Boss Oliver Mintzlaff gab es auch schon Kontakt. "Es ist ja schwierig, Gesprächen vorzugreifen, aber wir haben natürlich auch schon Dinge angetextet und dementsprechend gehe ich da nicht von aus", sagte er zu möglichen Trennungsproblemen.
Ein Thema bleibt außen vor. Dabei ist es maßgeblich: das Geld. Red Bull wird ihn nicht für lau ziehen lassen, selbst wenn es ein Gentlemen-Agreement geben sollte. Und der DFB kann nicht endlos zahlen. Der bittere Abschied von Nagelsmann war auch schon teuer, angeblich 6,6 Millionen Euro sollen der zurückgetretene Coach und sein Team kassieren, und die WM war ein Verlustgeschäft in Millionenhöhe.
