Gianni Infantino bleibt fleißig. Bei Instagram teilt er weiter, wer treu an seiner Seite steht. In der Nacht sind die Mongolei und die Philippinen dazugekommen. Gemeinsam mit den sechs Nationalverbänden die er am Vortag verkündet hat, steht er nun schon bei acht. 106 müssten es insgesamt werden, die er hinter sich vereint, um im kommenden Jahr erneut FIFA-Präsident zu werden. Und nachdem der Schweizer nach seinem krachend gescheiterten Investorendeal wie ein hart getroffener Schwergewichtsboxer den Ringboden gebohnert hatte, steht er plötzlich wieder auf, zurrt sich die Handschuhe nochmal fester und ist bereit für den großen Kampf.
Infantino hatte zu einer FIFA-Dringlichkeitssitzung nach Rabat geladen. Das ist ein Ort, an dem er sich wohlfühlt. Das marokkanische Königshaus ist ihm zugeneigt, der dortige Fußballverband sowieso. Im März des kommenden Jahres will sich der Schweizer im regionalen Hauptsitz der FIFA für Afrika abermals zum Chef des Weltverbands wählen lassen. Ein dann wohl letztes Mal, bis 2031 würde seine Zeit gehen. Damit es dazu kommt, muss Infantino aber nun den schwersten Kampf seines Funktionärslebens führen. So kritisch der 56-Jährige in Teilen der Welt gesehen wird, so unantastbar war er bis vor zwei Wochen, bis ihm seine Investorenpläne um die Ohren flogen.
Engster Kreis hilft Infantino auf die Beine
Der Alleinherrscher hatte sich am eigenen Gianninismus verhoben. Seine Idee, die FIFA teilweise zu privatisieren und an Investoren zu verkaufen, hatte den Fußball in einen unerwarteten Zorn getrieben. Plötzlich galten auch für den Schweizer "rote Linien". Der per Blitz-Aktion angedeutete Boykott aller UEFA-Staaten sämtlicher FIFA-Turniere hatte ein Beben ausgelöst, andere Kontinentalverbände stellten sich (ohne konkrete Boykott-Androhung) hinter die plötzlich vom Papiertiger zum Raubtier gewordene UEFA. Infantino knickte ein, der Plan wurde verworfen.
In Rabat half der ihm noch verbliebene engste Kreis - einige Vertraute hatten sich bereits abgewendet oder waren schon zurückgetreten - dem FIFA-Präsidenten nun wieder auf die Beine. Unmissverständlich wurde der Schweizer in seiner Macht bekräftigt. Ein bisschen Fehleranalyse wurde im Rückendeckungs-Statement betrieben. Eine clever angebrachte Demut. Ein Kniff zur vermeintlichen Selbstanzeige. Beim Projekt FIFA Forward Enterprise (FFE) seien "Fehler unterlaufen", räumte die FIFA allerdings eher nebulös und knapp ein. Intern sei das Ziel nun, die "Prozesse (...) hinsichtlich ihrer Effektivität und Effizienz" kontinuierlich zu verbessern.
Vor allem aber wurde eine Wagenburg gebaut. Soll bloß niemand auf die Idee kommen, dass die Zeit Infantinos vorbei ist. Zumindest jetzt noch nicht. An die Kritiker hieß es: "Nach der Rücknahme des Projekts wird die FIFA keinerlei Angriffe auf ihre Integrität, ihre gute Unternehmensführung und die Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren mehr dulden und alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um ihren Namen und ihren Ruf zu schützen und zu wahren".
Die internationalen Medien ließen mit scharfen Reaktionen nicht lange auf sich warten. Die extrem bissige "Sun" wütete: "Infanti-No GO. Unglaublicherweise wird der 56-Jährige von den FIFA-Führungskräften dabei unterstützt, sein Amt weiter auszuüben." Die "Daily Mail" schrieb fassungslos: "Der schamlose Gianni Infantino hat die volle Unterstützung der FIFA-Führungsspitze erhalten – und wird voraussichtlich im Amt bleiben, nachdem er Führungskräfte zu Krisengesprächen nach Marokko einberufen hatte." Infantino steht wieder, noch ein bisschen wackelig, aber er steht wieder. Eilige Szenarien zum vorzeitigen Abdanken des Fußball-Königs waren ja bereits diskutiert worden.
Szenarien zum Blitz-Aus für Infantino
So könnte der FIFA-Rat, das wichtigste Entscheidungsgremium der Organisation zwischen den FIFA-Kongressen, eine Krisensitzung einberufen, um über die Zukunft des Präsidenten zu beraten. Sollten mindestens 19 der 37 Mitglieder dafür stimmen, müsste es binnen zwei Wochen ein Treffen geben. Eine Rücktrittsaufforderung könnte Infantino jedoch ablehnen. Eine andere Möglichkeit wäre eine außerordentliche Sitzung des Fifa-Kongresses, des obersten Organs des Weltverbands. Dafür ist ein Fünftel der Stimmen der 211 Fifa-Mitgliedsverbände nötig. Die Anfrage muss schriftlich eingehen, innerhalb von drei Monaten muss das Treffen dann abgehalten werden. Anschließend könnte ein Misstrauensvotum gegen Infantino gestellt werden.
Die UEFA hat sich an die Spitze der Bewegung gestellt. Auch wenn jeder Nationalverband innerhalb der FIFA das gleiche Stimmgewicht hat - ein Verband, eine Stimme - so sind die Europäer mit ihren Topnationen Frankreich, England, Spanien und Deutschland eine andere Bedrohung als kleine Inselstaaten. Nun entbrennt ein Kampf zwischen diesen Ungleichgewichten, aber eben nicht als Goliaths gegen Davids. Sondern auf Augenhöhe. Den Investorendeal konnte Europa qua Gewicht verhindern. Ob das aber wirklich auch für #Infantino2031 gilt?
UEFA lässt nicht locker
Die UEFA setzt auf Angriff. Sie hat "ein Schreiben zur Sicherstellung von Unterlagen" an Infantino verschickt. Denn sie fürchtet ganz offensichtlich, dass nun Dinge verschwinden könnten, die im Zuge des ja offenbar bereits sehr detailliert vorbereiteten Investorendeals gegen Infantino verwendet werden könnten. Die UEFA erwarte daher "sofortige Maßnahmen zur Identifizierung, Lokalisierung und Sicherung" entsprechender Dokumente und "elektronisch gespeicherter Informationen, die sich in Ihrem oder dem Besitz, der Verwahrung oder der Kontrolle der FIFA befinden". Diese "Verpflichtungen", wie es in dem Schreiben heißt, gelten "unabhängig von etwaigen internen Aufbewahrungsrichtlinien" der FIFA. "Und sie haben Vorrang vor allen routinemäßigen Richtlinien zur Vernichtung oder Löschung von Dokumenten, die andernfalls gelten würden."
Im Hintergrund laufen parallel die weiteren Planungen zum Aufbau eines mächtigen Gegenkandidaten. UEFA-Boss Aleksander Ceferin könnte der starke Mann sein, der Infantino herausfordert. Er hat viele Argumente für sich. Er hat erstaunlicherweise in einer Blitz-Aktion alle 55 europäischen Einzelverbände hinter sich versammelt. Andere Namen, die gehandelt werden: der international sehr geschätzte CONCACAF-Boss Victor Montagliani und Lise Klaveness, Norwegens meinungsstarke Verbandspräsidentin.
Der Druck auf Gianni Infantino bleibt hoch, trotz der nun verabreichten FIFA-Zuckerpatrone. Enge Vertraute rücken ab, aus Jordanien gibt es Erpressungsvorwürfe, die Gastgeberstädte der WM bringen Anschuldigungen vor - und weitere Mitgliedsverbände ziehen offiziell ihre Unterstützung zurück. Fast im Stundentakt verschärfen sich die Probleme des FIFA-Chefs. In den USA, genauer im US-Kongress, stößt das offenkundig enge Verhältnis des Schweizers zu Präsident Donald Trump auf Argwohn. Der einflussreiche demokratische Abgeordnete Jamie Raskin forderte die FIFA und Infantino auf, bis zum 9. August Informationen über Kontakte zur US-Regierung vorzulegen. Zudem verlangte er von Infantino, für eine Befragung im Justizausschuss des Repräsentantenhauses zu erscheinen, wenn er in den USA sei.
Und dann gibt es noch den "Times"-Bericht, dass Infantino Marokko das WM-Finale 2030 im Gegenzug für Unterstützung im Machtkampf an der FIFA-Spitze zugesagt habe. Die FIFA dementierte das. Es sei "falsch und irreführend zu behaupten, der FIFA-Präsident habe irgendein Versprechen bezüglich der Austragung des Finales der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2030 abgegeben", so der Weltverband.
"Er wird nicht kampflos gehen"
Nie war Infantino angreifbarer als jetzt. Nie war die Chance größer, seine Amtszeit zu beenden. Aber niemand darf Infantino unterschätzen. Je länger er es bis zum Wahltag im März 2027 durchhält, desto größer sind seine Chancen. Dass es bald einen neuen FIFA-Präsidenten gibt, hält Ex-FIFA-Berater Mark Pieth gegenüber ntv.de "für durchaus realistisch". Aber es werde ein hartes Unterfangen, weil jeder noch so kleine Inselstaat eine Stimme hat. "Und Infantino wird lobbyieren, in der ganzen Welt. Er wird nicht kampflos gehen. Das entspricht nicht seiner Persönlichkeitsstruktur. Er ist auf die Maximierung von Macht, Einfluss und Geld aus."
Und die Unterstützung für Infantino dürfte weit größer sein, als es die aktuelle Instagram-Zählung nahelegt. "Es gibt einige Länder, die weiter zu Infantino halten. Vor allem in Afrika", sagt Pieth. "Das Problem ist allerdings: Das sind Länder, die Korruption im politischen Rahmen gewohnt sind. Da erstaunt es nicht, dass die Fußballverbände ähnlich ticken. Es haben sich aber auch Leute kritisch zu Wort gemeldet, von denen man gedacht hat, dass sie empfänglich sind für das System Infantino. Ich denke an den jordanischen Verbandschef Ali."
Infantino lächelt und winkt schon wieder
Nach dem Krisentreffen besuchte Infantino das Afrika-Cup-Spiel der Frauen zwischen Malawi und Sambia. Er stand lächelnd und winkend auf der Tribüne. Er zeigte sich gemeinsam mit den Council-Mitgliedern Fleetwood Fouzi Lekjaa und Hany Abo Rida, posierte mit den Verbandspräsidenten aus Malawi und Sambia für Fotos.
Die Partie verfolgte er an der Seite von Generalsekretär Mattias Grafström, der sich zuvor in einem internen Schreiben von ihm distanziert haben soll. Nun zeigten beide demonstrativ den erhobenen Daumen in die Kameras. "Wir sind fest davon überzeugt, dass die Ergebnisse der heutigen Sitzung die Governance der FIFA stärken und dazu beitragen werden, das Vertrauen in die Organisation wiederherzustellen", schrieb Infantino unter das entsprechende Foto bei Instagram. Es sei nun wieder möglich, "uns auf einheitliche und transparente Weise auf die bevorstehenden Großveranstaltungen und Herausforderungen vorzubereiten".


