Glücklicherweise kam Julian Nagelsmann ganz ohne Geisterjäger aus. Dabei hätte es beim WM-Auftakt gegen Curacao durchaus knifflig werden können. Unmittelbar vor dem Ende des ersten Viertels (Welcome to the US!) passierte das Undenkbare: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kassierte tatsächlich den 1:1-Ausgleich gegen den Turnierdebütanten. Gleich der erste Torschuss landete im Tor des zurückkehrten Manuel Neuer. Mit hängenden Köpfen schlichen die DFB-Protagonisten zur Trinkpause, während der Karibikstaat seine Fans anheizte.
Und plötzlich irrlichtert er wieder durch das gewaltige Stadion-Raumschiff von Houston: der Geist der Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Sie werden doch nicht wieder den Auftakt verschlafen? Seit zwölf Jahren hat das DFB-Team kein WM-Eröffnungsspiel mehr gewonnen. Mit neun Siegen in Folge hatte sich die Nationalelf rechtzeitig zum Turnierbeginn ein neues Selbstbewusstsein erarbeitet. Das wird doch wohl nicht gegen Curacao platzen?
Deutschland - Curacao 7:1 (3:1)
Tore: 1:0 Nmecha (6.), 1:1 Comenencia (21.), 2:1 Schlotterbeck (38.), 3:1 Havertz (45.+5, Foulelfmeter), 4:1 Musiala (47.), 5:1 Brown (68.), 6:1 Undav (78.), 7:1 Havertz (88.)
Deutschland: Neuer - Kimmich (83. Anton), Tah (73. Rüdiger), Schlotterbeck, Brown (73. Raum) - Pavlovic, Nmecha (73. Goretzka) - Sané, Musiala (64. Undav), Wirtz - Havertz; - Trainer: Nagelsmann
Curacao: Room - Floranus, Bazoer, Obispo, Fonville - Comenencia, Leandro Bacuna - Hansen (46. Antonisse), Chong (83. Kastaneer), Juninho Bacuna - Locadia (64. Margaritha); - Trainer: Advocaat
Schiedsrichter: Jayed Jalal (Marokko)
Gelbe Karten: keine
Zuschauer: 68.021 in Houston
Dabei lief doch zuvor alles so gut. Die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann ist drückend überlegen, wie es in der Fachsprache heißt. Nach sechs Minuten das erste Tor durch Felix Nmecha. Schon nach zehn Minuten führen sie nach Torschüssen mit 6:0. Es dauert eine ganze Viertelstunde, bis der Torwart-Titan Neuer aus dem Spiel heraus mal den Ball bekommt.
Nagelsmann fand es "spannend"
Die unsichere Phase der Nagelsmannschaft dauert glücklicherweise nur 17 Minuten, ganz ohne Geisterjäger. Der Bundestrainer fand es selbst "spannend", zu sehen, wie seine Mannschaft reagieren würde. Schließlich habe man die anderen beiden Turniere im Kopf, sagte Nagelsmann. Denn da waren sie wieder: die Geister aus Katar und Russland. Erst eine Standardsituation beendet den Spuk. Ecke Nathaniel Brown, Tor Nico Schlotterbeck. Danach verschwanden die meisten Zweifel: Am Ende überrollte der Weltranglistenzehnte den 82. Platz standesgemäß mit 7:1.
Es ist ein Spiel der Gegensätze, was da in der texanischen Metropole Houston stattfindet. Für die DFB-Elf ist es der Feel-Good-Sieg, den sie gebraucht hat, um ordentlich ins Turnier zu starten. Und die überraschend vielen Fans von Curacao feiern im Stadion ihre eigene Party. Die Menschen in den blauen Trikots stehen auch dann noch bei zarten Angriffsversuchen auf, als ihr Team schon sieben Tore kassiert hat. Beim Abpfiff jubeln sie genauso laut wie ihre deutschen Gegenüber.
Neuer: "Das war nicht Brasilien im Halbfinale"

Es habe sich nicht nach einer 1:7-Niederlage angefühlt, sagte Trainerikone Dick Advocaat nach dem Spiel. "Meine Spieler waren darauf eingestellt, nicht zu sehr enttäuscht zu sein, wenn das Ergebnis nicht stimmt." Der 78-Jährige war bei der Nationalhymne ergriffen, musste die Tränen unterdrücken. "Vielleicht liegt es an meinem Alter", sagte Advocaat. Aber er freue sich für die Menschen in Curacao. "All das kostet sehr viel Geld. Wir können immer noch stolz auf uns sein."
Nicht nur auf dem Feld herrscht ein krasser Kontrast. Alles in und um das NRG Stadium herum wirkt steril, als wäre ein Fußball-Sternenschiff in der Raumfahrerstadt gelandet. Der gigantische Betonklotz ist von einem noch größeren Parkplatz umgeben, in der Vorstadt der Millionenmetropole. Auf der Fahrt dorthin sieht man viele Wohnungslose, die in der Vorstadt unterwegs sind. Und drinnen blätterten Fans teilweise fast 600 US-Dollar für ihre Tickets hin. Auch das sind die USA.
Die klimatischen Bedingungen tragen ihren Teil zu den Widersprüchen bei. Das Spiel wird von einem Wolkenbruch begleitet, es schüttet Stunden vor dem Anpfiff. Aber drinnen? Niemand bekommt davon etwas mit, dass sich das Wetter von Regen, zu Sonne, zu Nieseln, zu Wolken ändert. Es peitschen die Bässe des Unterhaltungsprogramms der FIFA, das übertönt das Prasseln an der Glasfassade. Das Dach ist geschlossen, die Luft auf frische 22 Grad heruntergekühlt. Houston sei die am meisten klimatisierte Stadt der USA, erzählt ein Ordner.
Eine Erkenntnis: Resilienz
Vom Wetter unbeeindruckt sehen die 68.021 Menschen im WM-Stadion, wie das DFB-Team nach einem starken Start ins Schwimmen gerät - und sich dann wieder fängt. Der Bundestrainer hob nach Spielende hervor, dass sechs verschiedene Spieler die sieben Tore geschossen haben. Jamal Musiala bekommt sein gutes Spiel, Deniz Undav nach der Einwechslung auch. Kai Havertz ist der einzige Nationalspieler mit einem Doppelpack. Linksverteidiger Brown spielt, als wäre er schon immer DFB-Profi und Florian Wirtz ist überall auf dem Feld zu finden.
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Generell lobte Nagelsmann mal wieder den Teamgeist seiner Mannschaft. Es ist etwas, was die Protagonisten unter der Woche selbst immer wieder betont haben. Nagelsmann beschrieb eine Szene, die für ihn beispielhaft ist: Nach dem Treffer von Schlotterbeck sprinteten auch Antonio Rüdiger und Waldemar Anton in die Jubeltraube - obwohl sie ja eigentlich um einen Platz in der Startelf konkurrieren.
Und doch, das ist auch nicht überraschend, ist es eine Partie mit bedingter Aussagekraft. Die Elfenbeinküste und Ecuador, das sagte auch Nagelsmann später, sind ein anderes Kaliber als die tapferen Fußballer aus Curacao. In Toronto und New York werden die Stadien nicht klimatisiert sein, das könnte für sich genommen noch eine Herausforderung werden.
Worauf der Bundestrainer und die DFB-Elf aufbauen können, ist vor allem eine Erfahrung, die im weiteren Turnierverlauf noch wichtig werden könnte: die Fähigkeit, mit Widerständen umgehen zu können. Und klar, die sieben Tore, die das Weiterkommen schon höchstwahrscheinlich machen. Damit ist der Geist aus Katar und Russland fürs Erste vertrieben.






