"Dann gibts keine WM"

Trump führt FIFA-Boss Infantino wieder böse vor

imageVon Till Erdenberger
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09.06.2026 | 13:10 Uhr
Gianni Infantino muss die nächste Kröte schlucken: Die US-Behörden verweigern sogar einem von der FIFA nominierten Schiedsrichter die Anreise zur WM. Eigentlich darf die WM jetzt nicht stattfinden.

Am kommenden Donnerstag eröffnen Mexiko und Südkorea die Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada. Es ist die größte Weltmeisterschaft aller Zeiten, erstmals treten 48 Teams an, erst nach dem 104. Spiel wird der Sieger feststehen. Doch das Turnier wird begleitet von gewaltigem Furor.

Und der mächtige Weltverband FIFA, der mit dem Turnier viele Milliarden Dollar erwirtschaften wird und wohl wenig so sehr hasst wie Kontrollverlust, droht auf den letzten Metern zum Beifahrer auf einem Schlingerkurs zu werden. Das jüngste und aufsehenerregendste Beispiel: Am vergangenen Samstag wollte Omar Artan in Miami in die USA einreisen - und wurde von der Grenzbehörde CBP abgewiesen. Der Somalier Artan ist ein von der FIFA nominierter Schiedsrichter, der bei der WM - als erster Unparteiischer aus seinem Land überhaupt - hätte pfeifen sollen. Somalia gehört zu jenen Ländern, die auf einer von Präsident Trump eingeführten Einreiseverbotsliste stehen.

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"Sonst gibts keine WM"

Sein Status als WM-Schiedsrichter half Artan nicht, auch ein zuvor erteiltes Visum nicht. "Bedenken bei der Sicherheitsprüfung" hätten eine Einreise verhindert, verkündete die Behörde. Die FIFA war machtlos, Artan, Afrikas Schiedsrichter des vergangenen Jahres und seit 2018 FIFA-Schiedsrichter, wird die WM verpassen.

"Das wirft einen ziemlich dunklen schwarzen Schatten aufs Turnier", sagt Philipp Köster, Chefredakteur des Fußballmagazins "11Freunde" zu ntv. "Einen Schiedsrichter, der zum offiziellen Kreis der Referees bei dieser WM gehört, der ein Visum besitzt, aber aus Somalia stammt, einfach abzuweisen, ist eine Machtdemonstration von Donald Trump und der Einwanderungsbehörde, die nicht durch Sicherheitsbedenken zu rechtfertigen ist."

 

Der Journalist Chaled Nahar erinnerte sich in einem Text für sportschau.de nun an eine unmissverständliche Ansage von Gianni Infantino, damals wie heute als Präsident Herrscher übers FIFA-Reich, die der Schweizer 2017 in die Welt setzte: "Es ist offensichtlich, dass alle Teams, Funktionäre und Fans Zugang zum Ausrichterland haben müssen. Sonst gibt es keine WM, das ist klar. Die Vorgaben werden klar sein. Und dann kann jedes Land entscheiden, ob es sich bewirbt." Auch damals hieß der US-Präsident Donald Trump, ein Jahr später bekamen die USA den Zuschlag, die WM 2026 gemeinsam mit den Junior-Partnern Kanada und Mexiko auszurichten.

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"Die Welt ist in Amerika willkommen"

Noch beim Kongress des Fußball-Weltverbands FIFA Mitte Mai vergangenen Jahres hatte Infantino stolz verkündet: "Letzte Woche hatten wir ein Treffen mit der Taskforce des Weißen Hauses und der Regierung der Vereinigten Staaten. Die Welt ist in Amerika willkommen. Die Spieler selbstverständlich, jeder Beteiligte, wir alle, aber definitiv auch alle Fans." Nur wenige Tage später verkündete Trump, dass Menschen aus 19 Ländern die Einreise erschwert oder ganz verboten wird. Inzwischen sind 75 Länder betroffen.

Auf der Liste stehen - neben Somalia - auch 17 der 48 WM-Teilnehmer. Am Wochenende hatten sich sogar schottische Fans über die BBC gemeldet, dass ihnen kurzfristig die Einreise verweigert würde. Viele Fans aus den betroffenen Ländern, etwa aus Haiti, versuchten erst gar nicht, das Land zu betreten. Von der FIFA-Ansage, wonach Fans, Spielern und Delegationsmitgliedern freies Geleit ins Gastgeberland zusteht, ist man längst meilenweit entfernt.

Besonders schwer wiegen die Schikanen gegen die iranische Delegation und ihre Fans. Während mehreren Funktionären und Mitarbeitern die Einreise gleich ganz verwehrt wurde, müssen die Spieler zwar alle drei Vorrundenpartien in den USA absolvieren, müssen ihr Lager aber in Mexiko aufschlagen. Zu den Spielen dürfen sie einreisen, müssen dann das Land aber am selben Tag wieder verlassen.

Schikane gegen Iran

Am Dienstag teilte der iranische Verband mit, dass die USA das vorgesehene Ticketkontingent für seine Anhänger gestrichen hätten. Laut FIFA-Regularien stehen den teilnehmenden Verbänden bei jedem Spiel acht Prozent der Karten zu, für Iran gilt das offenbar nicht. Trump befindet sich gemeinsam mit Israel seit Monaten im Krieg, zwischenzeitlich hatte er dem Nationalteam schon empfohlen, aus Sicherheitsgründen gar nicht erst anzureisen.

Zudem haben nach Angaben des Internationalen Sportjournalisten-Verbands AIPS nicht nur Reporter aus dem Iran, sondern auch aus afrikanischen Ländern keine oder nur eingeschränkte Visa erhalten.

Breel Embolo, Schweizer Nationalspieler und Ex-Bundesligaprofi, musste eine Extrarunde bei seinem Verfahren drehen: Embolo wurde nachträglich noch einmal überprüft und musste seinem Team hinterherreisen. Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde am Flughafen Chicago fast sieben Stunden festgehalten und befragt, einem Fotografen des Teams wurde die Einreise verweigert. Ob die Delegationen aus Usbekistan, Kolumbien, dem Senegal oder der DR Kongo - allesamt auf Trumps Liste - reibungslos einreisen können, scheint völlig offen.

Die nicht eben anti-autoritären WM-Gastgeber von 2018 (Russland) und 2022 (Katar) verfügten keine gesonderten Einreisebeschränkungen für Fans. Eintrittskarten und Akkreditierungen garantierten damals bereits für die Einreise. Die FIFA war zufrieden.

FIFA-Präsident Gianni Infantino, der mächtigste Mann des Weltfußballs, umgarnt US-Präsident Trump wie keinen Staatenlenker zuvor. Infantino gratulierte Trump als einer der ersten Anführer aus der Sportwelt zu dessen zweiter Amtszeit, auch bei der Amtseinführung war er zu Gast.

"USA"

Der Höhepunkt im Versuch, den erratischen US-Präsidenten gewogen zu stimmen, war die Verleihung des flugs aufgelegten "FIFA-Friedenspreises" an Trump. Im Februar verkündete der Weltverband eine Partnerschaft mit Trumps umstrittenen Friedensrat. Bei der ersten Sitzung war auch Infantino dabei, zeitweise trug der Italo-Schweizer eine rote Kappe mit der Aufschrift "USA". Doch all das schützt Infantino nicht davor, von seinem mächtigen Verbündeten vorgeführt zu werden.

"Inwiefern beeinflussen die Einreiseverbote die Klub-WM", wollte ein Reporter bei einem gemeinsamen Termin im Oval Office im vergangenen Juni vom Präsidenten der USA wissen. "Gianni, übernimm du", forderte Trump den Fußball-Präsidenten auf. "Wir machen uns keine Sorgen", referierte Infantino.

"Gianni, sag mir, was Einreiseverbote sind"

"Ich glaube nicht, dass er sich zu viele Sorgen über die Einreiseverbote macht. Er weiß gar nicht, worum es bei den Einreiseverboten geht. Gianni, sag mir, was die Einreiseverbote sind", diktierte Trump den anwesenden Reportern. Der vorgeführte FIFA-Präsident lachte pflichtschuldig. Es war ein bitteres Lachen, denn natürlich fürchtete der Schweizer schon damals, was nun für sein Turnier Realität wurde.

Dass im gewaltigen Stadion von Inglewood, wo die US-Boys am 13. Juni ins Turnier starten, die Angestellten der Arena aus Angst vor der Einwanderungsbehörde ICE für einen Streik gestimmt haben, ist ein weiterer Hinweis auf den Einfluss der US-Regierung auf das FIFA-Megaevent.

"Die Beschäftigten müssen das Recht haben, die Arbeit niederzulegen, wenn Beamte der US-Einwanderungsbehörde das Stadion betreten und dadurch eine begründete Angst um ihre Sicherheit entsteht – kein Beschäftigter sollte zwischen seinem Arbeitsplatz und seiner Freiheit wählen müssen", sagte ein Gewerkschaftsvertreter.

Amerika sei bereit, die Welt willkommen zu heißen, bedankte sich der FIFA-Chef trotz allem jüngst beim US-Präsidenten und verkündete ebenfalls via Instagram, es werde die "großartigste und inklusivste Weltmeisterschaft der Geschichte".

Verwendete Quelle: ntv.de