Um das Handgelenk von Hans Huber baumelt ein Trump-Armband, als er die Schwarz-Weiß-Fotos auf einer massiven Kommode neben der Küche ausbreitet. Die vielen Bilder zeigen Gerd Müller: beim Toreschießen für den FC Bayern, beim Training vor riesigen Kakteen während der WM 1970 in Mexiko, am Strand von Floria mit einem zum Sonnenschirm umfunktionierten Regenschirm. In einer kleinen, auf der Kommode lagernden Vitrine glänzt einer der beiden Goldenen Schuhe, die der "Bomber der Nation" als Europas erfolgreichster Torjäger 1969/70 und 1971/72 gewann.
"Zu Hause habe ich noch drei Kartons voll mit Fotos", sagt Huber im breiten bayerischen Dialekt. "Das sind originale Pressefotos von Gerd." Hinten sind tatsächlich noch offizielle Presseagenturinformationen angeheftet. Hubers gleichnamiger Vaters wuchs in München neben Gerd Müller auf, folgte ihm bei dessen Wechsel 1979 zu den Fort Lauderdale Strikers nach Florida und eröffnete mit seinem Weltstar-Freund ein deutsches Restaurant. Dieses leitet nun Hans Junior mit seiner Schwester Gaby - und in dem historischen Ort voller Fußballgeschichte und Müller-Andenken scheint die Zeit stehengeblieben.

Hackbraten löst Lawine aus
Als Müller sich in der Saison 1978/79 mit dem ungarischen Trainer Pál Csernai überwirft, flüchtet er zusammen mit Frau Uschi und Tochter Nicole nach Florida. Hans Huber Senior und seine Frau Hannelore kommen nach und eines Abends wird ein Plan gefasst: "Gerd wollte von meiner Mutter immer seinen geliebten Hackbraten zubereitet bekommen", erzählt Gaby: "Und dann entschlossen sie gemeinsam: Hier muss ein deutsches Restaurant eröffnet werden." Das "Gerd Müller's Ambry" ist geboren.
Bei seinen Gastro-Freunden findet der "Bomber der Nation" ein Zuhause fernab von der Heimat. "Den Spitznamen mochte er", sagt Gaby, "obwohl er sonst ja komplett auf dem Boden geblieben war." Nicht nur Müller, auch die anderen Fußballgrößen, die zu dieser Zeit in der NASL (North American Soccer League) spielen, kehren im "Ambry" ein. "Franz Beckenbauer kam durch die Hintertür ins Hinterzimmer", erzählt die Wirtin. "Dort hat er dann in Ruhe gegessen, bevor er nach vorne zu den anderen Gästen kam und ein Blitzlichtgewitter auslöste. Der Franz war ein anderer Typ als Gerd." Heute würde man das wohl Aura nennen.
Aber beim regulären Volk ist das Restaurant ebenfalls bekannt und beliebt. Sogar in Deutschland. "Es wurden Neckermann-Reisen zu uns organisiert", erzählt Hans. "Einfach so aus dem Katalog. Da wurden 40 Mann bei uns in den Laden zum Essen geführt und zum Abschluss hat Gerd Müller mit allen ein Foto gemacht. So war er."
Mit George Best im Ambry
Huber geht im Sommer nicht mehr vor die Tür. "Zu heiß", sagt er und erinnert sich an die Zeiten in Nördlingen. Damals bevor die große Karriere Müllers begann und auch als sie gestartet war. Vor dem Balkon des Bombers versammelten sich die Kinder der Stadt. Müller warf ihnen Autogramme zu und Hans stand dahinter, schaute aufgeregt herunter.
"Der Gerd war der erste mit einem Pool", sagt Hans. Als Müller nach Fort Lauderdale übersiedelte, und die Hubers 1981 komplett hinterherzogen, hatte der Stürmer immer noch einen Pool. "Ihm hat's hier gepasst. Als es im Sommer so heiß war, hat er Kübel voller Eis gekauft und sie hineingeschmissen. Der Pool war ihm zu warm."
Trotz der Hitze behält sich Müller zwei Charakterzüge bei. Er kann mit Menschen. "Der Gerd hatte keine Feinde", sagt Gaby. Mit dem nordirischen Starspieler George Best, der ebenfalls für die Fort Lauderdale Strikers stürmte, soll sich Müller laut Berichten nicht gut verstanden haben. "Stimmt nicht", sagt Hans Huber. Beide hätten öfter zusammen an der Theke abgehangen. Auch Uwe Seeler und Pelé kommen damals in Florida zu einem Coca-Cola-Fotoshooting mit dem Bomber vorbei.
"... da ist der Gerd narrisch geworden"
"Aber Verlieren hat er auch nicht können", erinnert sich Gaby. "Egal ob beim Tennis, beim Racquetball, beim Fußball oder beim Kartenspielen." Bis tief in die Nacht saßen sie im Ambry zusammen. "Es wurde zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr und der Gerd lag immer noch hinten. Als um sechs Uhr draußen die Sonne aufging, hatte sich das Blatt gewendet." Es wurde so lange gespielt, bis er gewann. Hans spielt damals mit Müller in einer Hobbyliga zusammen. "Die Engländer hatte ihre eigene Mannschaft, die Iren auch. Wir haben es als Deutsche versucht, aber der Gerd ist immer ganz narrisch geworden, wenn wir wieder verloren haben", merkt er an.
Auch bei den Strikers schießt Müller natürlich Tore am Fließband. In seiner ersten Saison sind es 19 Treffer und 17 Assists, auch wenn sein Trainingsstart Verwirrung auslöst. "George Best, einige weitere Spieler und ich schauten Gerd zu und dachten: 'Was soll das?' Er traf keinen Ball. Es war unglaublich", erzählte der ehemalige Profi Ray Hudson einst. "Wir dachten, dass er verletzt oder etwas anderes passiert sei. Aber am Wochenende bei unserem nächsten Spiel war er überragend. Gerd war nicht besonders scharf aufs Training."

Fort Lauderdale auf die Karte gesetzt
Familie Huber fällte im Jahr 1981 eine Lebensentscheidung. Hans Junior, der es als Fußballer bis in die Bayern-Jugend geschafft hatte, ging mit, Gaby ebenfalls. Eine große Wahl hatten sie nicht. "Wir haben damals in einem Haus mit Gerd und Uschi gelebt. Es war ein Riesenhaus. Das hatten ihm die Strikers dahingestellt. Da haben wir angefangen", sagt Hans. "Ich habe gar nicht gewusst, was Fort Lauderdale ist. Heute ist das anders. Der Gerd hat Fort Lauderdale auf die Karte gesetzt. Das hat niemand gekannt."
1984 kehren die Müllers zurück nach Deutschland. "In den USA musste sie auf einmal ganz neue Rollen annehmen", erinnert sich Hans. "Gerd hat sich hier sehr wohlgefühlt, aber seine Frau Uschi nicht so." Dabei hatte diese im zweiwöchigen Crashkurs vor dem US-Abenteuer extra Englisch gelernt: "Gerd wollte das nicht. Der hatte immer einen Übersetzer dabei." Die Hubers übernehmen das Restaurant, das heute nur noch "The Ambry" heißt.
Lionel Messi wohnt jetzt hier
Bald fünf Dekaden später sind sie immer noch da, an diesem aus der Zeit gefallenen Laden, der einen die Hitze des Sommers vergessen lässt. Er liegt an einem unscheinbaren Boulevard abseits der Strandpromenaden, Glitzer-Apartments und der abgezäunten Wohnanlagen, wo etwa Lionel Messi sein Anwesen im Wert von 10,75 Millionen Dollar direkt am Wasser besitzt.
Von außen macht das aus grauem Backstein gebaute Restaurant nicht viel her, eine deutsche und eine US-Fahne auf dem Dach flattern im heißen Sommerwind. Ein in die Jahre gekommener, weißblauer Maibaum präsentiert ein Schild für einen "Weizenbiergarten", der hier ein einziger Biertisch ist. Die Angebote des Tages, "Curry Bratwurst" und "Wiener Schnitzel", sind am Eingang mit Kreide auf eine Jägermeister-Tafel geschrieben.
In den Nischen des Restaurants sitzen an diesem Tag, an dem Deutschland gegen Ecuador verliert, einige Gäste. Manche tragen Deutschland-Trikot, andere England-Trikot. Die WM findet hier nur am Rande statt.
Wassermelonen am Salat-Buffet
Auch für die Hubers ist das Turnier in unmittelbarer Nachbarschaft, das Stadion in Miami ist nur wenige Kilometer weit weg, fern. Das war anders: 1986, als der Gerd die Karten für das Endspiel im Aztekenstadion besorgte oder auch 1990 bei der Nacht in Rom, kurz vor der Wiedervereinigung, die eine neue Welle von Müller-Fans aus Ostdeutschland nach Fort Lauderdale spülte. "Wir hatten damals Wassermelonen hier am Salat-Buffet. Die waren immer sofort weg", erinnert sich Gaby.
Es gibt kein Salat-Büffet mehr und der Ansturm des deutschen Fans im Ambry bleibt bislang auch aus. Das ist dem Spielplan geschuldet. Vielleicht ändert sich das noch. Deutschland könnte ein mögliches Spiel um den dritten Platz in Miami bestreiten. Doch das, was sonst draußen in der Welt passiert, wird auch hier wahrgenommen. Die Fan-Invasion aus Europa, aus Südamerika und aus Asien an den Austragungsorten ist real.
"Es ist in diesem Jahr schon etwas mehr. Die Fans bringen richtig Schwung ins Land. Wenn man sieht, wie alle so zusammenkommen, wie sie gemeinsam feiern. Ich bin schon überrascht", sagt Gaby und Hans ergänzt: "Die ganzen Fans sind überrascht, wie gut es in Amerika läuft. Es gab diese ganzen Bedenken: Trump, die Einreise, die Kosten. Jetzt sind alle begeistert von Amerika, und im Hinterkopf haben sie natürlich immer noch, dass es nicht so hätte sein sollen."
Gulasch und Martini zu Ecuadors zweitem Tor

Über der Bar hängen die politischen Bekenntnisse der Neuzeit. Eine "Make America Great Again"-Cap, eine "Gulf of America"-Cap. Gerahmt zwischen den Andenken an den alten Fußball findet sich ein Autogramm von Donald Trump an den Wänden - ergattert auf einer Kundgebung in Miami -, knapp daneben ein mit KI generiertes Bild, das Hans mit dem US-Präsidenten zeigt. Sie fügen sich nahtlos in das Museum ein und spielen doch kaum eine Rolle. Das Ambry ist ein Ort, an dem die Erinnerungen über der Gegenwart stehen.
An der Theke bestellt ein Gast einen echten Gulasch und dazu einen Martini ohne Olive. Das zweite Gegentor der deutschen Nationalmannschaft verkommt bei dem Festmahl zu einem kaum wahrgenommenen Nebengeräusch. Über die Jahre haben sich die Prioritäten verschoben. Die Champions League, sagt Hans, habe der Bundesliga den Rang abgelaufen. "Früher war bei der Bundesliga die ganze Bar voll", sagt er. "Das ist eben auch um halb zehn in der Früh."
Inter Miami interessiert hier nicht. "Die Stadien sind voll, wenn der Messi spielt. Es ist immer: Messi, Messi, Messi." Doch die Stars der MLS, der Profiliga Nordamerikas, seien überhaupt nicht mehr mit der alten Zeit zu vergleichen. "Wir sind nach denen Spielen immer noch in die Bar gegangen", erzählt Gaby. "Ich war noch nicht alt genug, um irgendwo hinzugehen, aber die Spielerfrauen haben mich immer mitgenommen."
Lebenslang freier Eintritt beim FC Bayern
Die Ligaspiele der Bayern schaut Hans lieber mit seinem Vater zuhause. Denn diese Liebe für den FC Bayern ist nie erloschen. Huber Senior hat bei seinem Verein mittlerweile die Mitgliedsnummer 63. "Mit jedem verstorbenen Mitglied rückt er einen Platz nach vorne", sagt Gaby. Als der Klub im vergangenen Jahr bei der Klub-WM in Miami vorbeischaute, war ein Besuch im Ambry Pflicht. Präsident Herbert Hainer ließ sich die Schätze zeigen, konnte seine Augen kaum noch von den Bildern lassen. Hainer sprach eine Einladung aus. Wann immer Familie Huber in München ist, die Allianz Arena steht ihr offen. Einmal im Jahr geht es noch rüber. Dann ist Oktoberfest.
Diesen Hintern-Trick hat Undav von Müller

Doch sonst bleiben sie hier an dem Ort der Erinnerungen an verflossene Zeiten. Sie werden im Ambry konserviert und immer wieder hergezeigt. Hier, auf der anderen Seite des Ozeans, präsentierte sich der Weltklub als der familiäre Verein, der er nicht immer sein kann. Hier atmet alles Geschichte.
Die Zukunft ist die Vergangenheit. Die Zukunft sind die Nostalgiker, die immer noch an diesen Wallfahrtsort des deutschen Fußballs kommen. "Damals waren das einfach andere Sportfiguren. Die haben noch Fußball gespielt, weil es Fußball war", analysiert Hans die Veränderungen in seinem Lieblingssport: "Heute hat jeder fünf Manager, früher waren es elf Freunde."
Die Erinnerung entschwindet
Die schweren Holzdecken des Ambry, die Wände voller Memorabilien aus dem müllerschen Schatz, die unter dem Thekenglas ausgestellten Bilder der großen Zeit des Bombers sind Zeuge dessen. Es sind Bilder vergangener Schlachten, es sind Bilder der Freundschaften. Direkt gegenüber der Bar hängt ein Foto, das den Bomber Arm in Arm mit Mick Jagger und Franz Beckenbauer in Glasgow zeigt. Aufgenommen 1976 kurz vor dem Sieg der Bayern im Europapokal der Landesmeister in der schottischen Großstadt. "Aber keiner unserer Gäste weiß mehr, wer Mick Jagger ist", sagt Gaby.
Einmal um die Ecke herum sitzt eine Gruppe von Amerikanern, Kanadiern und Deutschen und quatscht fröhlich, während auf dem TV das DFB-Spiel abgepfiffen wird. Auf Nachfrage hat niemand eine Ahnung, dass dieses Restaurant mal Gerd Müller gehört hat. Oder gar, wer er ist.

