Harry Kane hat mit dem FC Bayern eine spektakuläre Saison hingelegt, gewann erneut die Torjägerkanone der Bundesliga und sicherte sich mit seinen 36 Saisontoren in der Liga den Goldenen Schuh als als Europas Toptorjäger. Nun eröffnete er die Fußball-WM mit England mit zwei Treffern erfolgreich beim 4:2-Erfolg über Kroatien. Es lief jedoch nicht immer rund für den Angreifer.
Im "Players' Tribune" blickte Kane zurück auf seine Anfänge, als er mit Leicester City noch in der Championship, also der englischen zweiten Liga aktiv war und es nicht danach aussah, dass er einst zum Weltklassestürmer aufsteigen würde.
Kane schrieb: "Der Tiefpunkt war wahrscheinlich meine Zeit bei Leicester City, als ich einfach keinen Weg ins Team gefunden habe. Damals spielten sie noch in der Championship - und ich erinnere mich, wie ich in meiner Wohnung saß und diese schreckliche Erkenntnis hatte: 'Wenn ich es nicht schaffe, bei Leicester in der Championship zu spielen … wie soll ich dann bei Spurs in der Premier League spielen?'" Kane gab zu: "Ich würde sagen, das war das erste Mal in meiner Karriere, dass sich Zweifel eingeschlichen haben."
Brady-Dokumentation macht Eindruck
Doch selbst aufmunternde Worte seines Vaters halfen Kane seinerzeit kaum, um sich wieder aufzurichten. Dafür sorgte dann jedoch NFL-Legende Tom Brady, damals noch in Diensten der New England Patriots. "Ein paar Wochen später saß ich wieder in meiner Wohnung - und zu der Zeit war ich total im NFL-Fieber. Wenn ich nicht trainiert habe, habe ich Madden gespielt oder mir YouTube-Videos über die New England Patriots angeschaut. Eines Tages bin ich dann zufällig auf eine Dokumentation über Tom Brady gestoßen. Darin geht es um die sechs Quarterbacks, die im NFL Draft vor ihm ausgewählt wurden."
"Es stellte sich heraus, dass Tom Brady in seinem Draft-Jahrgang erst an 199. Stelle ausgewählt wurde. Stell dir das mal vor. Das hat mich total umgehauen - aber im positiven Sinne. Der Film hat bei mir wirklich etwas ausgelöst. Sein ganzes Leben lang wurde an ihm gezweifelt. Selbst im College wollten die Coaches ihn durch einen anderen Quarterback ersetzen", fuhr Kane fort. "Sie haben dieses Bild gezeigt, wie er vor dem NFL Draft von Scouts vermessen wird - oberkörperfrei … und es ist irgendwie lustig, weil er einfach wie ein ganz normaler Typ aussieht. Und dann sagt ein Coach: 'Wir schauen uns diesen Brady an - groß, schmächtig, und er wirkt, als hätte er noch nie einen Kraftraum von innen gesehen.'"
"Er hat mich an mich selbst erinnert. Die Leute haben über mich immer dieselben Dinge gesagt: 'Na ja, er sieht nicht wirklich wie ein klassischer Stürmer aus.' Das hat mich wirklich inspiriert. Brady hat so sehr an sich selbst geglaubt - und er hat einfach immer weiter gearbeitet, fast schon besessen, um besser zu werden. Das hat mich total abgeholt. Das mag vielleicht seltsam klingen, aber an diesem Tag war es wirklich so, als wäre in meinem Kopf ein Schalter umgelegt worden, direkt dort auf meinem Sofa in Leicester - und plötzlich dachte ich: 'Weißt du was? Ich ziehe das jetzt durch. Ich werde so hart arbeiten wie möglich, meine Chance wird kommen - und ich werde sie nutzen'", schrieb Kane.
Und er nutzte sie: 2013 wechselte er von Leicester City zu Tottenham Hotspur in die Premier League. Für den Klub aus London erzielte er 280 Tore in 435 Pflichtspielen, wurde mehrfach Torschützenkönig der Liga und Spieler der Saison. Einen Titel gewann er mit den Spurs aber nie. Das änderte sich erst nach seinem Wechsel im Sommer 2023. Mit dem FC Bayern ist er inzwischen zweifacher Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger und DFL-Supercupsieger. 146 Tore in 147 Pflichtspielen für den Klub machten ihn schon dreimal zum Bundesliga-Torschützenkönig und zum Champions-League-Torschützenkönig.

