Chicago flucht und jubelt"Wirklich nettes" DFB-Team wartet und lässt warten

Die WM-Vorbereitung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft läuft bislang ohne große Probleme. Es fehlt fast an großen Geschichten - wenn da nicht die Verletzung von Manuel Neuer wäre. Der lässt Fußballdeutschland noch warten. So wie das DFB-Team einige Fans vor dem Teamhotel.
Das Warten in Chicagos drückender Mittagshitze kann brutal sein. "Ich weiß nicht, was wir hier machen. Sie sind nicht mal da", flucht ein Teenager auf Englisch in seinem Deutschlandtrikot vor sich hin. Seine Freunde und er kauern (immerhin!) im Schatten auf dem schmalen Bürgersteig vor dem Waldorf Astoria - wie die meisten der rund ein Dutzend Wartenden vor dem Teamhotel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Doch ihr Timing an diesem Donnerstag ist tatsächlich unglücklich: Das DFB-Team ist da schon lange zum 20 Autominuten entfernten Trainingsplatz entflogen.
Trotzdem hoffen sie auf das, was sich mittlerweile langsam in Chicago herumgesprochen hat - und nicht ungewöhnlich ist. Die DFB-Elf nächtigt in dem Nobelhotel nicht nur, sondern arbeitet beiläufig auch am deutsch-amerikanischen Verhältnis. Seit der Ankunft am Montag nehmen sich die Nationalspieler immer wieder Zeit für Unterschriften und Selfies. Eine vorbeigehende Mutter mit ihrem Sohn an der Hand lobt die "wirklich netten" Deutschen: Schon vor der Abreise zum Training am Morgen hätten die Fußballer eifrig Autogramme geschrieben. Doch warten will sie diesmal nicht.
Anders als die inzwischen rund 100 Fans. Vereinzelt tragen ihre Trikots zwar noch ihre Preisschilder, einige wenige decken sich schnell noch mit WM-Fanartikeln beim Laden gegenüber ein. Aber egal. Sie wollen zum "German National Soccer Team". Auch wenn es sich zieht. Einer erzählt, er will unbedingt Antonio Rüdiger sehen, den kennt er von Real Madrid. Ein anderer im Arsenal-Trikot hat die Wartezeit genutzt, um ein Porträt von Kai Havertz auf einen Pappkarton zu zeichnen.
"Ihr beiden Urlauber"
"Es ist verrückt hier", erzählt DFB-Linksverteidiger Nathaniel Brown später in einer digitalen Medienrunde. Es mache Spaß: "Wir kommen aus dem Hotel, da warten dann so, so viele Fans", sagt der 22-Jährige, der in den USA, Kanada und Mexiko seine erste Weltmeisterschaft spielen wird. Auch deshalb will er zu den Gerüchten um ihn und dem FC Bayern nichts sagen. Hinter ihm und seinen Kollegen liegt die zweite lange Trainingseinheit seit ihrer Ankunft. Deshalb die verspätete Rückkehr. Passen, Spielform, Krafttraining und dann auch noch der Verkehr in Chicago. Das dauert.
Wozu Brown aber nichts sagen kann: Nicht nur die Menschen vor dem Nobelhotel müssen warten, sondern auch das DFB-Team selbst. Monatelang wurde diskutiert, vor zwei Wochen dann verkündet, aber bis Manuel Neuer wirklich sein Comeback im DFB-Team gibt, wird es wohl noch einige Tage dauern. Die linke Wade des 40-Jährigen zwickt seit dem Bundesliga-Finale und Bundestrainer Julian Nagelsmann will kein Risiko eingehen.
Deshalb fällt Neuer bislang vor allem als mutmaßlicher Instagram-Fotograf des vierten Mannes im deutschen Torwartteam, Jonas Urbig, auf. Der postete eine Bildercollage vom ersten Tag in Chicago und dem Besuch des Stadtstrandes am Lake Michigan. Daraufhin kommentierte Bayern-Keeper Sven Ulreich die Impressionen augenzwinkernd mit einem "Ihr beiden Urlauber", was zumindest für einen bislang (noch) etwas stimmt.
Bei Neuer laufe alles nach Plan
Denn sportlich gesehen ist Neuer weiter mit seiner Krankenakte beschäftigt - und lehrt Fußballdeutschland eine neue Vokabel. Nach dem Waden-"Schnupfen", den einen seiner Unterschenkel schon im Frühjahr lahmgelegt hatte, befindet sich der Torwart nach seiner neuerlichen Verhärtung nun im "Belastungsaufbau". Was so schrecklich bürokratisch klingt, bedeutet: Neuer fehlt auch am Donnerstag beim Teamtraining, wagt sich diesmal aber an der Seite seiner Torwartkollegen immerhin auf den Platz.
Damit laufe alles nach Plan, heißt es vom DFB. Doch schaffen es Neuer und seine Wade rechtzeitig bis zum Samstag? Das ist unklar. Es wartet der letzte offizielle Test vor der Weltmeisterschaft gegen die USA, eben in Chicago (20.30 Uhr deutscher Zeit/RTL und im ntv.de-Liveticker). Und klar, im aktuellen Kader verfügt niemand über dieselbe Erfahrung wie der fünffache WM-Fahrer, aber mit seiner Abwehr sollte er zumindest schon mal ein Spiel absolviert haben, bevor es gegen Curacao am 14. Juni das erste Mal ernst wird.
Die Torwartfrage ist eines der wenigen Fragezeichen, mit denen Bundestrainer Nagelsmann seine WM-Mission startet - zumindest, wenn es um sein auserwähltes Personal geht. Seit Mittwoch ist der Kader mit der Ankunft von Kai Havertz komplett. Und außer Neuer gibt es verletzungstechnisch kein weiteres Sorgenkind. Wobei auch da "Sorgenkind" sehr hoch gegriffen ist, schließlich funktionierte es im DFB-Tor auch monatelang ohne den ehemaligen Welttorhüter ohne größere Probleme.
Und während die Wartezeit bei Neuer völlig offen ist, lässt sich die für das US-Empfangskomitee am Teamhotel relativ genau beziffern: Am Ende sind es mindestens zweieinhalb Stunden. Der DFB-Tross trudelt ab 14.30 Uhr grüppchenweise vom Trainingsgelände von Chicago Fire, dem Ex-Klub von Bastian Schweinsteiger, ein. Der Jubel ist groß, die US-Fans sind überraschend namenssicher.
Trotzdem verewigen sich nicht alle aus dem 26-köpfigen Aufgebot auf den mitgebrachten Fanutensilien. Leon Goretzka läuft etwa schnurstracks ins Hotel, genauso wie Florian Wirtz und Jamal Musiala. Stattdessen zücken der dritte Torwart Alexander Nübel und Innenverteidiger Nico Schlotterbeck die Permanentmarker. Und machen damit besonders einen Fan glücklich: Einer, der tatsächlich im Trikot vom SC Freiburg gekommen ist, konnte die Unterschrift des Ex-Freiburger-Heldengrätschers Schlotterbeck ergattern.