Gott, Stadionsprecher, VAR1. FC Köln emotionalisiert sich für brutalen Abstiegskampf

Die Abstiegssorgen des 1. FC Köln werden immer größer. Gegen Borussia Dortmund hält der Aufsteiger zunächst gut mit, stellt sich dann aber mehrfach selbst ein Bein. Dann kommt noch riesiger VAR-Ärger hinzu. Der angezählte Trainer Kwasniok befürchtet: Selbst der "liebe Gott" meint es nicht gut mit dem Klub.
Als die Zuschauer ab der 82. Minute ohne größere Aufregung zu den Ausgängen des Kölner Stadions liefen, ahnten sie noch nicht, dass dieser über weite Strecken merkwürdige Kick noch eine emotionale Schlussphase bereithielt. Man muss ihnen zugutehalten: Es war auch nicht zu erwarten gewesen.
Was diese Endphase mit allen Kölnern machte, zeigte exemplarisch Tom Krauß wenig später in den Katakomben des Stadions. Während Teamkollege Marvin Schwäbe wenige Meter entfernt Antworten auf die Journalistenfragen gab, schaute sich der Aushilfs-Rechtsverteidiger des 1. FC Köln eine Szene auf den TV-Bildschirmen nochmal genau an.
Es sollte die Szene sein, über die hinterher am meisten gesprochen wurde. In der fünften Minute der Nachspielzeit flog der Ball in den Sechzehner der Dortmunder und tätschelte leicht, aber deutlich erkennbar, den Arm von Yan Couto.
Sogar Ricken hat Verständnis für Köln
Strafstoß? "Für mich ist es ein ganz klares Handspiel", sagte Krauß und ergänzte mit Blick auf den Schiedsrichter: "Und wenn es ein 50:50-Ding ist, muss man wenigstens rausgehen und es sich anschauen." Der Referee habe es vielleicht nicht gesehen, "aber die im Keller", erklärte der Kölner Profi. "Es ist unfassbar bitter", sagte der Defensivspieler fast schon resigniert.
Schiedsrichter Daniel Siebert und sein Video Assistant Referee entschieden sich gegen einen Elfmeter. Dass sich der Schiedsrichter auf dem Rasen diese Szene nicht noch einmal anschaute, war durchaus überraschend. Selbst BVB-Geschäftsführer Lars Ricken zeigte Verständnis für den Kölner Unmut.
Die Entscheidung fachte die Kölner Wut so richtig an. Auf der Bank sprangen nach Ansicht der Bilder Trainer Lukas Kwasniok und Sportchef Thomas Kessler wild gestikulierend auf. "Es ist keine Absicht. Aber Elfmeter. Ich habe absolut kein Verständnis dafür", sprach Kessler in der Mixed Zone Klartext. Die Szene sei gecheckt worden, "aber aus Sicht von [Videoschiedsrichter, Anm. d. Red.] Benjamin Cortus war es kein Elfer", berichtete Kessler von einem Gespräch mit Schiedsrichter Siebert. "Da habe ich mehr Frage- als Ausrufezeichen."
Der Ärger mit dem Stadionsprecher
Der Nicht-Pfiff ließ selbst den Kölner Stadionsprecher zu einer ungewöhnlichen Maßnahme eskalieren. In einer Art Sofort-Kommentar wandte er sich kurz nach Abpfiff ans Publikum und giftete: "Dafür kriege ich Ärger. Aber ein Dortmunder spielt in der 95. Minute den Ball im Strafraum klar mit der Hand. Das schaut sich nicht mal einer an." Diese Ansage führte unmittelbar dazu, dass das Kölsche Pfeifkonzert gegen die Unparteiischen nochmal deutlich an Dezibel dazugewann.
Ärger gab's tatsächlich. Sport-Geschäftsführer Kessler rügte Stadionsprecher Michael Trippel in der Mixed Zone. "Bei aller Emotionalität ist es nicht richtig, dass ein Stadionsprecher seine Emotionen übers Mikro preisgibt. Das gefällt mir nicht", sagte er und kündigte ein klärendes Gespräch an. Bei aller Emotionalität muss der FC auch eingestehen: Der abstiegsbedrohte Klub hat sich an diesem Samstagabend mal wieder selbst im Weg gestanden.
Ein Abend mit Saharastaub
Denn der Abend unter der vom Saharastaub getrübten Sonne begann eigentlich mit Tempo. Schon in der ersten Minute machte der FC über die Außenbahnen Dampf. Said El Mala wirbelte, Isak Johannesson (1.) und Youssoupha Niang (5.) vergaben erste gute Chancen. Der FC verzeichnete überraschenderweise mehr Ballbesitz als die Dortmunder.
Dann aber brachte ein eigener unnötiger Ballverlust an der Mittellinie den BVB ins Laufen. Die resultierende Ecke führte im zweiten Versuch und dank des Torriechers von Serhou Guirassy zur schmeichelhaften BVB-Führung (16.). Es war die erste nennenswerte Aktion der Gäste.
Die Elf von Lukas Kwasniok verlor etwas die Dynamik und dann noch einen Spieler. Mit einer "unglücklichen" (O-Ton Kwasniok und Kessler) Aktion stieg Jahmai Simpson-Pusey Gegenspieler Maximilian Beier unabsichtlich, aber deutlich auf die Achillessehne. Der VAR funkte Siebert an. Statt Gelb gab es glatt Rot. Der FC musste fortan in Unterzahl spielen. Auch das noch.
Der BVB im Jahr 2026
VAR, Platzverweis, eigene Fehler - und die Gastgeber rannten trotzdem forsch an. Ein bisschen sinnbildlich für die bisherige FC-Saison. Auch nach dem Seitenwechsel setzte der Effzeh mit einer Doppelchance von Jakub Kaminski und Niang das erste Ausrufezeichen. Der Ausgleich schien möglich.
Doch dann versetzte ein Ausrutscher von Krauß und Doppelpass von Julian Brandt auf Beier (60.) Köln den nächsten Rückschlag. "Da kann ich nichts machen", sagte Krauß später und zeigte auf seine Alu-Stollen. "Ich rutsche halt aus." Wieder folgte auf eine ganz gute FC-Phase ein eiskalter Punch der Schwarzgelben. Für rund 30 Minuten passierte dann ziemlich wenig bis nichts. Ohnehin verwaltete der BVB das Spiel über große Teile bräsig, aber erfolgreich, wie der BVB das 2025/26 eben oft macht.
Der 2026er BVB ist aber auch für Aussetzer gut. In der 88. Minute, die ersten Fans waren da schon samt Sitzkissen gegangen, traf Kaminski mit einem abgefälschten Schuss zum 1:2-Anschluss. Das Stadion wackelte. Das Trömmelche ging, die Fans gaben Vollgas und der FC sah plötzlich seine Chance, während der BVB verdutzt in Überzahl die Führung ins Ziel retten wollte. Und zittern mussten sie wirklich.
"Im Rahmen unserer Möglichkeiten"
Es folgte die viel diskutierte Handszene von Couto. Ein Elfmeter wäre berechtigt gewesen, ein 2:2, ein Punkt gegen den Tabellenzweiten in Greifweite. Der FC aber ist in dieser Saison nicht vom VAR-Glück geküsst. Trainer Lukas Kwasniok holte auf der PK zum ganz großen Vergleich aus. "Irgendwo muss es jemanden oben geben, der es nicht so gut mit uns meint", sagte er in Anspielung an die VAR-Entscheidungen. "Aktuell ist der liebe Gott im Tiefschlaf. Er meint es nicht so gut mit uns." Daher gehe man "traurig nach Hause".
Unisono waren die Kölner bemüht, das Aufbäumen, die emotionale Schlussphase, die mögliche Fehlentscheidung in Energie für den Abstiegskampf umzuwandeln, vielleicht auch schon eine Wagenburg-Mentalität aufzubauen. "Heute können die Spieler mit gehobenem Haupt rausgehen", sagte Kessler zur Leistung der Kölner. Er glaube auch nicht, "dass heute Fans nach Hause gegangen sind, die dem Team Vorwürfe machen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir gegen eine gute Mannschaft ein gutes Spiel gemacht."
Auf Pfeifkonzert folgt Applaus
Der Ernst der Lage sei erkannt: "Die Lage spitzt sich zu: Das ist völlig normal, wenn man nicht ins Punkten kommt. Wir schauen auf die Tabelle. Wir wissen, dass wir punkten müssen." Tatsächlich wird die Situation zunehmend brenzlig am Dom. Die Pleite gegen Dortmund war das fünfte Spiel in Folge ohne Sieg. Aus den vergangenen 16 Spielen gab es überhaupt nur zwei Siege. Auf den Relegationsplatz sind es für den Tabellen-13. nur zwei Punkte. Mainz ist auf Rang 14 punktgleich. Werder Bremen und der FC St. Pauli können an diesem Sonntag aus eigener Kraft an Köln vorbeiziehen. Der Abstiegskampf fängt jetzt so richtig an.
Der Druck steigt insbesondere auf Kwasniok. Vor dem Spiel war in Berichten von einer Art Ultimatum zu lesen. Vier Punkte bräuchte der Coach aus den drei Spielen gegen Dortmund, Hamburg und Gladbach. Drei sind jetzt schon mal weg. Vor allem das Derby gegen die Fohlenelf in zwei Wochen könnte zu einer Art Endspiel für den Cheftrainer werden und ihn ins Wanken bringen.
Kwasniok versuchte schnell, Zuversicht zu verbreiten, seine Elf starkzureden. "Die Mannschaft hat gekämpft", sagte er. Sie sei sogar "unverwüstlich". "Das gleiche Gesicht werden wir gegen Hamburg zeigen. Ich bin überzeugt: Wir werden das Ding drehen." Offensichtliche Risse zwischen Mannschaft und Coach sind nicht erkennbar. Der Trainer sei im Team "kein Thema", sagte Krauß auf Nachfrage. "Ihr habt alle gesehen, manche Teams lassen sich fallen. Wir versuchen, alles auf dem Platz zu lassen. Man sieht, dass die Mannschaft will."
Auch die Fans stehen weiter hinter der Mannschaft. Nach dem Pfeifkonzert gegen den Referee gab es aus der Kurve aufmunternden Applaus für die Spieler. Das allerdings kann sich im Ergebnissport Fußball gegen den HSV oder Gladbach schnell ändern.