Vor Lionel Messis großem Abend

Cristiano Ronaldo leistet sich taktlosen Arroganz-Anfall

Video poster
00:00 / 07:40
07.10.2026 | 07:35 Uhr
Lionel Messi schenkt der Fußballwelt einen letzten großen Abend im Trikot seiner Nationalmannschaft. Die großen Schlagzeilen zuvor beherrscht indes sein alter Rivale. Er rechnet mit seinem Nationaltrainer ab.

Man muss Cristiano Ronaldo keine Absicht unterstellen. Aber man kann. Unmittelbar vor jenem Abend, an dem sein ewiger GOAT-Rivale Lionel Messi, der Fußballwelt ein letztes Mal im Trikot der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft zuwinkt, stürmt Ronaldo vor Wut los. In den sozialen Medien setzt er nicht zu einem Abrechnungssprint an, seine "Wahrheit" über das bittere Aus im Nationalteam ist ein Langstreckenlauf. Ein bisschen einsichtig, aber vor allem voller Gift.

Ronaldo hatte sich vergangene Woche vor den Augen der Welt blamiert, als er in größtmöglich zur Schau getragener Bockigkeit seine Seleção das Quinas Tugas verlassen hatte. Per Privatjet floh er in seine alte Heimat Madrid. Auf dem Weg zum Flughafen hatte ihn selbst eine Entourage des Teams nicht umstimmen können. Im Kampf um seine finalen Karrieremeter hatte Ronaldo wieder einmal nicht klein beigeben wollen. Nun gestand er immerhin ein, dass seine Flucht falsch war. Den Fehler aber, den hatte ein anderer gemacht: Nationaltrainer Jorge Jesus.

Ronaldo zieht in den Machtkampf

Seit gestern Abend ist der Machtkampf in der Welt. Ronaldo steht seinem Land weiter zur Verfügung. Aber, so liest sich seine Abrechnung, nicht mehr unter Jesus, dessen Namen er in der Abrechnung nicht einmal nennt. Ein Arroganzanfall. Nicht der erste in seiner Karriere, die vor allem CR7 als CR7 in den Vordergrund stellte. Der Coach müsste wohl einen Bückling machen, der einer eigenen Demütigung gleichkommt, sollte es zu einer Wiederaufnahme der Zusammenarbeit kommen. Wahrscheinlicher ist: Jesus weg, Ronaldo da. Und Ronaldo irgendwann weg für immer.

Video poster
1:22

Cristiano Ronaldo will doch im Nationalteam bleiben

So wie nun Lionel Messi. Der hat in der Nacht zu Mittwoch die große Fußballbühne verlassen. Und das für immer. Zu oft hatte man schon voreilig gedacht, das war's jetzt. Doch immer wieder hatte sich der kleine Riese hernach zu neuen Heldentaten aufgemacht. Aber dieser Abend der großen Emotionen im ausverkauften Monumental-Stadion von Buenos Aires, er wirkt endgültig, er wirkt unumstößlich. Und Messi hat das Gespür dafür, dass es gut ist, jetzt zu gehen.

Messi schafft, was Ronaldo nicht gelang

2022 hatte er seinem Land endlich den ersehnten WM-Titel geschenkt. Es schien so lange schon eine ausgemachte Sache zu sein, dass Messis Karriere nicht ohne den goldenen Pokal enden würde. Doch je länger der Weg wurde, desto verzweifelter schien er. 2014 war er mit Argentinien schon so nah dran gewesen, doch in Bastian Schweinsteigers Spiel für die Ewigkeit ging er in Tränen unter. Acht Jahre ließ er sich nicht mehr aufhalten, sieben Tore, drei Vorlagen. Die Krönung.

Nun geht er und vergießt Tränen. Er geht und Argentinien wird ihn vermissen. Sein Abschied ist eine Flut an Liebe. "Es war für mich eine große Ehre, dieses Trikot mehr als 20 Jahre lang zu tragen", sagte er im "El Monumental" nach dem 3:0 (0:0)-Sieg gegen Benin: "Jetzt bin ich hier am traurigsten Tag meiner Karriere, nämlich an dem Tag, an dem ich mich von der Nationalmannschaft verabschieden muss, von euch allen." Zwar wolle er eigentlich sein ganzes Leben lang für Argentinien spielen, aber nun habe er "das Gefühl, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist". Vor wenigen Wochen hatte er noch einmal Anlauf genommen, das argentinische Fußball-Asado nachzuwürzen.

Messis letzter Versuch scheitert

Messi wollte Doppel-Weltmeister werden. Bis ins Finale kämpfte er sich mit seiner Albiceleste durch. Dabei forderte er das Glück des Giganten mehrfach raus. Einmal sah er nicht Rot, obwohl er Rot hätte sehen müssen. Im spektakulären Achtelfinale gegen Ägypten (3:2) gab es in der hitzigen Endphase mehrere strittige Szenen, die zu Toren der Südamerikaner führten, die elf Minuten vor Schluss noch mit 0:2 zurückgelegen hatten. Der Fußball-Gott hatte sich erfolgreich eingemischt. Oder FIFA-Boss Gianni Infantino? Es rankten sich während des Turniers zahlreiche Verschwörungstheorien um einen möglichen Einfluss, bei Instagram ging Kuschel-Memes von Papa Gianni und Sohnemann Lionel um die Welt. Belegt werden konnte von Theorien davon allerdings nichts.

Die Krönung, die Ronaldo für immer untersagt bleibt. 2016 reüssierte er mit der Nationalmannschaft, gewann den EM-Titel. Verletzt ausgewechselt blitz-transformierte er sich zum Co-Trainer. Was für Bilder. Gerne sollen weitere Folgen. Ronaldo, sagt Ronaldo, stehe seinem Land immer zur Verfügung. Auch wenn das die Marke CR7 nach dem Diven-Anfall des 41-Jährigen außer Dienst gestellt hatte. In Abwesenheit des Superstars übernahm Rafael Leao die "7". Allerdings auch, weil die UEFA vorgibt, dass in der Nations League nur die Nummer von 1 bis 26 vergeben werden dürfen.

Er kann die Gesetze nicht mehr umschreiben

Ronaldo, warum auch immer, will das Karriereende nicht hinnehmen. Bis zu seinem Wechsel nach Saudi-Arabien im Januar 2023 konnte der fünfmalige Weltfußballer die Zeit verändern. Niemand war so sehr in der Lage, die Gesetze des körperlichen Verfalls außer Kraft zu stellen, wie Ronaldo. Sein Karriere-Peak lag zwar schon eine Weile zurück, aber er konnte immer noch Dinge tun, die ihn in den Augen seiner Fans zum "Greatest of all time" machen. Ronaldo hatte Tore erzielt, die wissenschaftlich vermessen wurden, weil sie so bemerkenswert waren. Er hatte dem Spiel Unglaubliches geschenkt.

Und die Dinge nun voll eskalieren lassen. Der letzte Aufschrei eines bockigen Kindes, das nicht bekommt, was es will. Das das Rampenlicht nicht teilen will. Nicht mit jenem Fußballer, mit dem er sich zwei Dekaden darum duelliert hat, wer der Chef des Fußball-Olymps ist. Der im Glanze von Buenos Aires erstrahlte. Heller war's in Argentinien, größer die Schlagzeilen in Portugal. Das mächtigste Ego im Weltfußball hatte die Hauptrolle für sich beansprucht.

"Ich beschloss, das Trainingslager zu verlassen, ohne auf einen weiteren Wortbruch zu warten. Für mich ist die Wahrheit nach wie vor das Wichtigste in der Beziehung zwischen Menschen", schrieb Ronaldo und führte seine Sicht aus. Nach einem klärenden Gespräch mit Jesus und Sportdirektor Simão Coutinho sollte der Coach auf der Pressekonferenz eigentlich die Angelegenheit bereinigen. So sah es CR7. "Das Auftreten hatte nichts mit unserem Treffen zu tun. Ich hörte Äußerungen und erlebte eine Aggressivität, die ich meiner Meinung nach nicht verdient hatte - eine hochmütige und arrogante Haltung, die er mir gegenüber am Vortag nicht einmal ansatzweise gezeigt hatte."

Ronaldo macht seinem Land ein Angebot

Gleichzeitig entschuldigte er sich dafür, dass er die Mannschaft verlassen habe. "Trotz des absoluten Vertrauensbruchs seitens des Trainers - was Zeugen dieser Gespräche bestätigen können - hätte ich das nicht tun dürfen. Die Verantwortung liegt allein bei mir", so Ronaldo. "Ich hatte das Gefühl, dass mein Verbleib von diesem Moment nur geschadet hätte, und ich tat das, was ich immer gesagt hatte: Wenn ich mich nicht mehr als nützlich empfinde, packe ich meine Sachen und gehe."

Ronaldo rechnet mit einer Sanktion für sein Verhalten. Danach stehe er aber wieder bei Bedarf bereit. "Sollte ich also körperlich fit sein und für meinen Verein spielen - und hoffentlich auch Tore erzielen -, werde ich nach Ablauf einer eventuell gegen mich verhängten Sperre zur Verfügung stehen, um für unsere Nationalmannschaft anzutreten und zu gewinnen; so wie ich es bis heute immer getan habe."

Wer nun tatsächlich der Größere war, das wird ebenso wenig entschieden wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Wer dagegen den besseren Zeitpunkt zum Abgang gewählt hat, das dagegen ist seit der Nacht zu Mittwoch beantwortet. Ebenso wie die Frage nach dem Stil.

Verwendete Quellen: ntv.de, tno