Fußballer dampfen schweigend abBlamierter VfL Wolfsburg fliegt erbarmungslos auseinander
Eine völlig verkorkste Saison endet für den VfL Wolfsburg in einem Relegationskrimi mit dem Abstieg. Auch eine frühe Führung hilft nicht. Das Team schwächt sich selbst. Die Paderborner feiern ausgelassen.
Um 23.05 Uhr war eine der größeren Sensationen im deutschen Fußball doch tatsächlich wahr geworden. Nach 29 Jahren steigt der VfL Wolfsburg aus der Bundesliga ab. 1:2 hatte der Konzernklub beim kleinen SC Paderborn das Relegations-Rückspiel verloren (Hinspiel 0:0). Die TV-Kameras suchten die Emotionen, sie sahen den SCP-Trainer Ralf Kettemann, der sich das T-Shirt vom Oberkörper reißen wollte, es aber doch nicht tat. Sie sahen künftige Bundesliga-Spieler, die ihr Glück nicht fassen konnten. Und sie sahen Leere. Und Tränen. Sie sahen Absteiger in die 2. Liga, die für diese Rolle nicht vorgesehen waren.
Ein Schwergewicht steht vor einer schmerzvollen Diät.
Christian Eriksen, der größte Name im Wolfsburger Chaos-Kader, suchte wortlos, nur mit Blicken nach Antworten auf das Drama, das sich erst in der Verlängerung entschieden hatte. Laurin Curda hatte in der 100. Minute eine perfekte Flanke von Sven Michel über die Torlinie gedrückt. Paderborn hatte sich endlich belohnt, hatte den Blitz-Rückstand durch Dženan Pejčinović (3.) hinter sich gelassen und die nun schon 86 Minuten andauernde Überzahl, Joakim Maehle sah nach 14 Minuten Gelb-Rot, nicht nur mit dem 1:1 durch Flügelstürmer Filip Bilbija und zwei Pfostenschüssen gekontert, sondern nun endlich auch getroffen. Zum Sieg. Zum Aufstieg.
Einfachste Pässe landen im Nichts
Wolfsburg war nichts eingefallen, ehe sie in den letzten Sekunden noch zwei gute Kopfballchancen hatten und eine verzweifelte Direktabnahme von Jesper Lindström knapp über die Latte gerauscht war. Dann Abpfiff. Dann Ekstase. Dann Leere. Wie schlimm es um das Team von Trainer Dieter Hecking stand, hatte die Verlängerung in aller Gnadenlosigkeit aufgezeigt. Die Wolfsburger Profis, viele hoch bezahlte Top-Individualisten, spielten Bälle in Räume, in denen niemand war. Außer manchmal ein Paderborner. Einfachste Pässe fanden nicht zum Ziel. Das Aufbäumen war pure Verzweiflung. Kein kollektiver Kraftakt mehr, sondern Chaos.
Natürlich hatte es etwas mit ihnen gemacht, dieser frühe Platzverweis. Dümmer kann es nicht laufen. Erst die Führung, der Schock für den Außenseiter. Und dann schwächt sich der VfL ohne Not selbst. Nach elf Minuten hatte Maehle Gelb gesehen, weil er einen schnellen Einwurf der Gastgeber verhindert hatte. Es wurde gerangelt und geschubst. Auch Bilbija sah Gelb. Kurz danach sprang der Däne völlig übermotiviert gegen das Knie von Mattes Hansen, Platzverweis.
Letztlich hänge "es eben an einer einzigen Situation, ob du drinbleibst oder absteigst. Dann hat das Spiel eine Wendung genommen, die wir nicht haben wollten", befand Hecking. Die zweite Gelbe Karte sei zwar "unstrittig". Bei der ersten Verwarnung monierte der 61-Jährige allerdings fehlendes "Fingerspitzengefühl" von Schiedsrichter Felix Zwayer. Er habe "eine komplett andere Bewertung" dieser Szene, so Hecking. Maehle werde "dreimal attackiert, dann kommen drei Mann auf ihn zu und wenn das keine Tätlichkeit ist von Bilbija, dann können wir auch aufhören. Das können wir auch monieren, aber es ist müßig."
Der bitterste Tag der Vereinsgeschichte hinterließ auch an der Tür zur Gästekabine Spuren, im dortigen Glas war ein tiefer Riss zu sehen. Emotionen, immerhin. Man müsse nun erstmal "mit der Enttäuschung klarkommen und dann wieder aufstehen", sagte Aufsichtsratsmitglied Diego Benaglio. In der Kabine seien Tränen geflossen.
Die Wolfsburger schweigen sich aus
Hecking war einer der wenigen Wolfsburger, der redete. Der reden musste. Außer dem entthronten "King", der den VfL vor elf Jahren zum bisher einzigen Pokalsieg der Geschichte geführt hatte und nun innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal abgestiegen war (zuvor mit dem VfL Bochum), stellte sich nur der verletzt fehlende Patrick Wimmer. Vom Rest der während der gesamten Saison nie als Team auftretenden VfL-Truppe war nichts zu sehen. Dieser Kader, der im vergangenen Sommer für fast 70 Millionen Euro gepimpt wurde, passte nicht zusammen. Viel hochbezahlte Profis brachten keine Leistung. Die Mannschaft hatte keine Identität, keinen Spirit, keine Idee, keine Erzählung. Sie hatten nichts. Bekamen den Abstieg und eine ungewisse Zukunft. Zwar haben die meisten Spieler noch gültige Verträge, einen Großteil werden die Bosse aber gar nicht behalten wollen
Wolfsburg war mit dem Ziel in die Saison gestartet, endlich wieder den Europapokal zu erreichen. Nun sind sie Zweitligist. Drei Trainer, Paul Simonis, Daniel Bauer und eben Hecking, hatten es nicht geschafft, den Riesen zu stabilisieren. Erst auf den letzten Metern der regulären Saison hatte der VfL wieder ein bisschen Selbstvertrauen und Kraft gefunden und die Relegation erreicht. Dort aber ging ihnen wieder alles abhanden. Ja, auch aufgrund der langen Unterzahl. Aber Paderborn hatten die Wolfsburger im Rückspiel teilweise schwindelig gespielt. 39 Mal hatten sie aufs Tor geschossen, hatten einen herausragenden xG-Wert von 3,47. Wolfsburg schoss nur acht Mal.
Während die Individualisten vom Mittellandkanal weitgehend schweigend abdampften und auseinanderbrechen werden, waren die Paderborner gar nicht in der Lage, die Sensation zu begreifen. Mit Tausenden Fans und Pyro auf dem Rasen genossen sie, was fast unmöglich schien angesichts der unterschiedlichen Gewichtsklassen der beiden Vereine.
"Wahnsinn, was hier abgeht. Das kennt man nur aus dem Fernsehen und plötzlich ist man mittendrin", sagte Aufstiegs-Torschütze Curda. "Es ist schwer zu beschreiben. Ich habe kurz Ruhe gebraucht. Es war sehr intensiv und tough", sagte Trainer Kettemann derweil bei Sky: "Es war surreal. Ich musste mir einen Moment gönnen, um durchzuatmen." Nun sei erstmal Feiern angesagt, ehe die Planung für die Bundesliga beginne. "Aufgestiegen ist der Verein schon zweimal, aber dringeblieben ist er noch nicht", betonte der Coach: "Da müssen wir kluge Entscheidungen treffen."
"Wir sind ein Riesenteam"
Der Schlüssel zum Aufstieg sei gewesen, dass der SCP "eine Mannschaft" gewesen sei, erklärte Vereinsurgestein Sven Michel: "Wir sind ein Riesenteam, jeder steht für jeden ein." Man werde "erst in vielen Jahren begreifen, was wir geleistet haben". So wie Coach Kettemann selbst, der im vergangenen Sommer als U19-Trainer des Karlsruher SC gekommen war und nun seine eigene Geschichte schrieb. Er setzt damit die Tradition des SCP fort, immer wieder neue Übungsleiter zu finden, die reüssieren. Wie zuvor Steffen Baumgart oder Lukas Kwasniok.
Wie es derweil mit Wolfsburgs Dieter Hecking weitergeht, ist ungewiss - wie so vieles beim national nur wenig geliebten Volkswagen-Klub, der trotz der millionenschweren Unterstützung des heftig taumelnden Automobil-Riesen nun nicht mehr zur Eliteliga gehört. Wolfsburg ist nur noch Krise, eine Standort in Not, ein Klub auf Suche nach sich selbst. Ob er per Kraftakt nochmal auferstehen kann? "Wir werden sicherlich die nächsten ein, zwei Tage zusammenkommen, um erst einmal die zehn Wochen zu analysieren, die ich verantwortlich war", sagte Hecking. "Ich muss das auch erst einmal sacken lassen." In seinem Blick: Leere.
