Er kann es noch. Jürgen Klopp steht an der Seitenlinie, ist fuchsteufelswild. Der 59-Jährige rudert wild mit den Armen, gestikuliert in Richtung des Fußballfelds. Es läuft die Nachspielzeit der ersten Hälfte, Karim Adeyemi ist gerade auf dem Weg alleine auf das niederländische Tor. Doch auf dem Weg dorthin wird er zwar fair, aber unsanft von Crysencio Summerville zu Boden gebracht.
Der vierte Offizielle sieht den brodelnden Klopp, will ihn beruhigen. Doch der Bundestrainer scheint sich gar nicht über einen ausgebliebenen Pfiff, sondern eher über die nächste vergeudete Konterchance aufzuregen. Es passt ins Schema: Wer Klopp bei seinem Trainerdebüt bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beobachtet, der sieht ihn, wie er gute Ideen beklatscht, die Arme Hilfe suchend ausbreitet, sie verschränkt oder sogar über den Kopf zusammenschlägt.

Klopp-Analyse: "Wir können besser spielen"
Der Fußballabend in Amsterdam widerlegt fürs Erste die These, dass Klopp wirklich alles gelingt - und er vielleicht sogar zaubern kann. Nur zweieinhalb Trainingseinheiten reichen auch ihm nicht, die DFB-Elf zurück in die Weltspitze zu führen. Vor ihm liegt noch viel Arbeit. Mit viel Willen, etwas Glück und Chaos, aber wenig Fußballerischem rumpelt sich die deutsche Nationalelf zum 1:1 (0:1)-Remis gegen die Niederlande. Doch sie zeigt immerhin zarte Ansätze, wohin die Reise gehen könnte.
Rückschlag noch vor Anpfiff
Diese Reise hatte Klopp in den vergangenen Wochen mit etwas gestartet, das tatsächlich an Zauberei grenzt. Er vollbrachte ein Kunststück: Die DFB-Elf weckte bei ihren Fans neue Hoffnungen, obwohl sie erst vor Kurzem blamabel bei der Weltmeisterschaft gegen Paraguay ausgeschieden war. "Bundes-Kloppo" bekam eine Generalvollmacht vom DFB, die öffentliche Debatte wankte zwischen Heldenverehrung und Personenkult. Bislang zahlte er es mit dem Versprechen zurück, dass nun auch wirklich alles besser wird - wenn man ihm Zeit lässt.
Wie die DFB-Elf der Zukunft aussehen kann, zeigte sie direkt: Angetrieben von Klopp an der Seitenlinie legte die DFB-Elf los wie die Feuerwehr. Es passte noch nicht viel, aber Oranje fand sich in den ersten zehn Minuten der Partie an den eigenen Strafraum gepresst. Möglicherweise wäre das koordinierter gelaufen, wenn die Ära Klopp nicht mit einem Rückschlag gestartet wäre. Der Bundestrainer schlurfte beim Aufwärmen zwischen den Spielergrüppchen über das Feld. Und direkt vor seinen Augen geschah das, was sich kein Trainer wünscht: Ein Spieler verletzt sich, noch bevor die Partie angefangen hat.

Ein Traumtor verhindert ersten Klopp-Sieg
Es traf Jamal Musiala, der wegen einer Muskelverletzung kurzfristig ausgetauscht werden musste. Noch ist der Schweregrad nicht ermittelt, aber doch hat die Verletzung etwas Positives, wenn man so will: Denn für Musiala ist es nach den neurologischen Dysfunktionen diesmal wohl eine einfache Fußballerverletzung, also immerhin was das angeht etwas Normalität. Der kurzfristige Ausfall hatte zur Folge, dass man Klopp vor dem Anpfiff beobachten konnte, wie er auffällig viel Zeit bei Nadiem Amiri verbringt. Der Mainzer sprang kurzfristig ein.
Abgesehen davon zeigte schon die Startaufstellung, dass ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde - obwohl acht WM-Fahrer begannen. Mit Adeyemi und dem fleißigen Kevin Schade starteten zwei waschechte Flügelstürmer, unter Julian Nagelsmann war das eher selten. Ebenfalls ungewohnt: Joshua Kimmich rückte erstmals wieder ins DFB-Mittelfeld. Beim letzten Mal ging das gnadenlos schief - die DFB-Elf verlor den WM-Quali-Auftakt in der Slowakei mit 0:2. Auch diesmal lief das noch nicht komplett glatt. Kimmich wurde regelmäßig von Amiri und Felix Nmecha alleine gelassen.

Adeyemi lässt Hundertprozentige liegen
Weil der Kapitän kein Rechtsverteidiger mehr ist, durfte dort der Freiburger Philipp Treu sein Debüt feiern. Der 25-Jährige könnte ein klassischer Klopp-Spieler werden, das zeigte er schon bei seinem ersten Einsatz. Der Bundestrainer hatte ihm die Fähigkeit attestiert, rund um die Uhr seine rechte Seite beackern zu können. Treu wiederum kündigte an, für Klopp durchs Feuer zu gehen. Das Ergebnis: Treu lieferte aus Klopps Sicht ein "außergewöhnliches" Debüt ab.
Fouls, Rudelbildungen, Fehlpässe
Und um Einsatz geht es am Ende, wenn beide Teams mit neuen Systemen spielen. Es dauerte etwas, bis sich Oranje vom Heavy-Metal-Start des DFB-Teams erholte. Auch die Niederländer hatten nach der WM den Trainer gewechselt, statt Ronald Koeman steht dort nun die Barca-Legende Xavi an der Seitenlinie. Und auch er hatte nicht viel Zeit, große taktische Kniffe mit seiner Mannschaft zu trainieren. Was das bedeutete: viele Fouls, viele kleinere Rudelbildungen, viele ungenaue Pässe.
Es beruhigte da nicht gerade das Spiel, dass die Niederlande schon in der 12. Minute vermeintlich in Führung ging. Marc-André ter Stegen griff nach einer Ecke nicht richtig zu, der Kopfball von Abwehrhühne Virgil van Dijk landete im Tor, die Johan-Cruyff-Arena bebte zum ersten Mal. Doch dann schaltete sich der VAR ein. Der "fast viereckige" (Klopp) Brian Brobbey hatte ter Stegen bei der Ecke bearbeitet - der Treffer zählte nicht. Ex-HSV-Ikone Rafael van der Vaart schimpfte im Anschluss über eine "Schande", ntv.de-Experte Arie van Lent gar über eine "Frechheit".
Dem deutsch-niederländischen Verhältnis wird der DFB-Führungstreffer in der 32. Minute noch weniger geholfen haben. Wieder stand Brobbey im Fokus, der sich ohne Gegnereinwirkung verletzte. Während der Mann im orangefarbenen Trikot sich am Mittelkreis auf dem Boden wälzte, spielten die Klopp-Jungs einfach weiter. Der Schiedsrichter hatte zwar die Pfeife im Mund, betätigte sie aber nicht. Die allgemeine Verwirrung nutzte Kimmich aus, der einen Chipball auf Treu spielte, der flankte in die Mitte und über Umwege konnte Nmecha abstauben.
Mit viel Einsatz verteidigte die DFB-Elf diesen knappen Vorsprung über die Zeit. Also versuchte es. Adeyemi verpasste es, schnell danach auf 2:0 zu erhöhen, als er das leere Tor verfehlte. Die Endlich-Nummer-eins ter Stegen spielte überraschend oft die Gegner an. Und die zweite Hälfte gehörte dann ganz den Niederländern. Doch immer wieder standen wahlweise der Pfosten, das Regelwerk (Abseits) oder ter Stegen dem Oranje-Ausgleich im Weg.
Bis eben zur Nachspielzeit: Die Spielberichte waren praktisch fertig geschrieben, da verlor der eingewechselte Serge Gnabry den Ball. Und es folgte der große Moment des Ruben van Bommel. Der Spross des eher rustikaleren Mark van Bommel spielte eine Flanke mit dem Außenrist übers halbe Feld, die jede und jeden, die oder der selbst mal Fußball gespielt hat neidisch werden lässt. Am Ende schließt der Liverpooler und ehemalige Klopp-Schützling Cody Gakpo zum 1:1-Ausgleich ab.
Die Frage ist: Was macht man nun aus so einem Spiel? Kurz vor Mitternacht kam Klopp mit einem Van-Dijk-Trikot in der Hand und vielen Erkenntnissen im Gepäck zur Pressekonferenz. Tatsächlich wirkte er beruhigt. "Das Schlimmste von all den negativen Szenarien, die dir passieren könnten, wäre gewesen, dass wir heute das beste Spiel in unserer gemeinsamen Zeit absolviert hätten", scherzte der Bundestrainer. Und das war es (hoffentlich) nun wirklich nicht. "Es gibt viel Spielraum für Verbesserung und da sind wir jetzt dran."


