Jürgen Klopp lächelte anerkennend, auch wenn Cody Gakpo sein perfektes Debüt als Bundestrainer spät noch verhagelte. Der niederländische Stürmer, den Klopp noch aus seiner Zeit beim FC Liverpool kennt, erzielte den verdienten 1:1-Ausgleich für die Niederlande im Nations-League-Duell mit Deutschland auf fantastische Weise. Der Neuanfang beider Nationen nach der vergeigten Fußball-WM gelang trotzdem. Deutschland glänzte vor allem mit Intensität und Leidenschaft, die Niederländer mit großer Spielfreude. Um zwei Szenen gab es indes großen Ärger. Die Führung der Gastgeber durch Kapitän Virgil van Dijk wurde nach VAR-Intervention aberkannt. Unserem Experten Arie van Lent fehlt dafür jedes Verständnis. Milde zeigte er dagegen bei der Szene, die zum 1:0 der Deutschen führte. Trotz einer niederländischen Verletzung spielten Joshua Kimmich und Co. weiter.
Hallo Herr van Lent, hat Korschenbroich um kurz nach 22.30 Uhr einen Urschrei gehört?
Arie van Lent: Nein!
Sie haben den niederländischen Ausgleich nicht gefeiert?
Ich habe freudig gezuckt. Und ehrlicherweise weiß ich gerade gar nicht, wie ich auf Ihre Fragen antworten soll, Herr Nordmann. Mit welcher Nationalbrille soll ich reden?
Sie dürfen gerne beide aufsetzen. Fangen wir aber direkt mit den beiden großen Aufregern an: Oranje geht nach einer Ecke in Führung, die wird aber nach VAR-Eingriff einkassiert. Dann schießt Deutschland das 1:0, obwohl Brian Brobbey verletzt am Boden liegt. Die Niederlande waren zweimal fassungslos vor Wut. Was sagen Sie?
Ich denke, ich habe nicht die niederländische Brille auf, wenn ich sage: Das Tor von van Dijk nicht zu geben, das ist eine Frechheit. Das darfst du nicht abpfeifen. Ich sehe da zuvor keine Bewegung von Brobbey bei Marc-André ter Stegen, die einen Grund dafür gibt. Wir haben doch schon bei der WM, als Jonathan Tah gegen Paraguay in der Verlängerung getroffen hatte, über solche Tore diskutiert und uns darüber geärgert, für wie wenig Gerangel in der Nähe des Torwarts das nicht anerkannt wird. Ich dachte wirklich, wir hätten das Thema hinter uns gelassen. Da macht sich der Fußball wieder ein bisschen mehr unglaubwürdig. Ich finde das wirklich nicht in Ordnung.

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Wie stehen Sie denn zur Situation der deutschen Führung?
Das war sicher auch nicht ganz korrekt. Der Stürmer Brobbey verletzt sich im Vorfeld schon und alle Niederländer weisen den Schiedsrichter darauf hin. Aber ich will Deutschland und Joshua Kimmich, der den Angriff eingeleitet hat, keinen Vorwurf machen. Kimmich hat die Szene, denke ich, nicht gesehen. Aber es ist so: Du kannst ja nicht einfach aufhören zu spielen, wenn der Schiedsrichter nicht pfeift. Das gilt für beide Mannschaften. Da müssen sich die Niederländer an die eigene Nase fassen. Sie hätten besser weitergespielt und sich dann aufgeregt. So haben die Deutschen das ausgenutzt. Das muss man akzeptieren.
Müssen wir über den Schiedsrichter reden?
Nein, seine Leistung war am Ende okay. Das Tor der Deutschen ist keine Situation für den Schiedsrichter, das müssen die Spieler untereinander klären. Viele andere Situationen hat er gut gesehen. Dass er Nadiem Amiri nach seinem Foul gegen Denzel Dumfries nur Gelb zeigt, fand ich gut. Das war ein hartes Einsteigen, aber nicht absichtlich. Bei der WM hätte er dafür vermutlich Rot gesehen. Das wurde ja mehrfach hart geahndet. Was mir aber eben nicht gefallen hat, war das zurückgenommene Tor. Da bleibe ich dabei, das war eine Frechheit.

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Schauen wir mal auf das Spiel. Wie hat Ihnen der Neuanfang beider Mannschaften gefallen?
Mir hat das Spiel wahnsinnig gut gefallen. Von beiden Teams. Dass am Ende der Ausgleich gefallen ist, war hochverdient. Die Niederländer waren spielerisch deutlich besser. Aber wie Deutschland dagegen gehalten hat, das war schön zu sehen. Sie haben genau die Intensität gezeigt, die wir bei der WM so vermisst haben. Alle Spieler waren sofort und voll da. Da haben wir schon viel Klopp-Fußball erkennen können.
Klopp hatte aber auch gesagt, dass es wild, dass es chaotisch werden könnte. Da können wir sagen: Recht hatte er, oder?
Das können wir exakt so unterschreiben. Spielerisch können sie sich noch deutlich steigern. Gerade am Ende war es doch sehr wild. Vielleicht im eigenen Strafraum ein bisschen zu wild. Aber dieses "Chaos" hat sicher auch etwas mit dem Gegner gemacht. Ich hatte von der 1. bis zur 90. Minute kein Gefühl der Langeweile, es war immer was los auf dem Feld. Es gibt bei uns das schöne Wort Passie, also Leidenschaft, Feuer, das habe ich immer gespürt. Wenn man das Spiel heute gesehen hat, dann kann man fast nicht glauben, dass beide Nationalmannschaften bei der Weltmeisterschaft versagt haben. Und dann gab's ja noch ein schönes Ende. Auch für mich auf dem Sofa.
Das haben Sie in unserer Leserschaft womöglich exklusiv. Aber lassen Sie uns auf das späte Tor gucken. Das war schon fantastisch! Ihr Stürmerherz muss sich doch überschlagen haben?
Ohja, das war wirklich weltklasse. Aber noch besser als das Tor selbst fand ich die Vorlage von Ruben van Bommel. Wie er die Flanke im Vollspeed mit der rechten Außenseite in den Strafraum schlägt, das war Wahnsinn. Natürlich macht auch Gakpo das überragend mit seiner Direktabnahme. Aber die Flanke, sensationell. Wirklich.

Adeyemi lässt Hundertprozentige liegen
Sie haben im Vorfeld gesagt, dass sich Oranje nach dem alten Fußball, dem Voetbal Totaal sehnt, den der FC Barcelona dem Land geklaut hat. Hat ihn der ehemalige Barca-Spieler und jetzige Bondscoach Xavi an diesem Abend zurück nach Amsterdam gebracht?
Na, ich habe schon einiges vom alten Fußball gesehen, absolut. Nachdem Oranje in den ersten fünf Minuten quasi gar nicht den Ball hatte, haben sie es danach super gemacht. Sie hatten eine enorme Breite im Spiel, haben tolle Pässe in die Tiefe gebracht, haben schnell und gut umgeschaltet und hatten ein herausragendes Pressing bis zum 0:1. Sie waren da, wo der "Feind" steht, wie Xavi sagt, gefährlich und aktiv. Spielerisch hat mich das echt überzeugt, das 1:1 war überfällig. Und wenn die Niederländer, die ein sehr kritisches Volk sind beim Thema Fußball, sogar bei Rückstand die Welle durch das Stadion machen, dann sind sie auch 100 Prozent begeistert gewesen.
Und wie sieht es bei den Deutschen aus? Wer oder was hat Ihnen da besonders gut gefallen?
Ich muss Joshua Kimmich herausheben. Er hat für mich eine sensationell gute Rolle gespielt. Genau das gemacht, was man sich von ihm im Mittelfeld wünscht. Er hat die Sechser-Position extrem gut gehalten, war immer voll im Übergang zwischen Abwehr und Angriff präsent. Hat die Bälle super verteilt und viel zugelaufen. Unter Druck war er immer ruhig und positiv. Aber alles kannst du gegen so starke Niederländer nicht verteidigen. Insgesamt hat er das herausragend gemacht. Gefallen hat mir auch Karim Adeyemi trotz seiner vergebenen Topchance. Er war so aktiv und immer gefährlich. Younes Ebnoutalib hatte wirklich gute Szenen und auch die Innenverteidiger haben es gut gemacht und sehr viel weggearbeitet, auch wenn Jonathan Tah ein paar Fehlpässe zu viel drin hatte.

Amiris Grätsche löst nächste Rudelbildung aus
Die hatte auch Marc-André ter Stegen. Das hat bisweilen für deutsches Herzrasen gesorgt. Andererseits hat er die Niederländer mit starken Paraden zur Verzweiflung getrieben. Wie haben Sie ihn gesehen?
Das Spiel mit dem Ball ist ja eigentlich seine Stärke, aber da hat er heute tatsächlich für einigen Schrecken gesorgt. Dann siehst du aber in anderen Momenten, mit seinen Paraden, was für ein herausragender Keeper er ist. Er war lange raus, kämpft sich erst wieder rein. Wir sollten keine Diskussion anfangen.
Was sehen Sie kritisch im deutschen Spiel?
Gar nicht so viel. Aber ich denke, dass es in den nächsten Spielen mehr darum gehen wird, offensive Lösungen zu finden. Spielerisch, wie gesagt, können sie es noch besser. Heute hat mir nicht so gut gefallen, wie schlampig manche Konter zu Ende gespielt wurden. Zum Beispiel bei der Riesenchance von Adeyemi, die drin sein muss. Oder auch in der zweiten Halbzeit, wo Philipp Treu nicht selbst schießt, sondern nochmal ablegt. Und Deutschland hatte sehr viele Standards gegen sich, das ist immer gefährlich. Auch wenn sie es weitgehend gut verteidigt haben in diesem Spiel.

Xavi über Aufreger-Szene: "Pfeife schon im Mund"
Ist einer der großen Verlierer dieses Spiels auch Julian Nagelsmann?
Das kann man schon so sehen. Ich glaube zwar nicht, dass irgendein Spieler bei einer WM gegen den Trainer spielt, aber man hat schon gesehen, was ein Trainer durch seine Anwesenheit bewirken kann. Es waren ja sehr viele WM-Spieler auf dem Feld. Aber wenn man sieht, wie glücklich die Spieler nach dem Abpfiff sind, wie sie sich in den Armen liegen und abklatschen, das wirkte sehr befreit. Klopp hat es geschafft, alle mitzunehmen. Das war Nagelsmann nicht mehr gelungen. Der Trainer-Typ Klopp hat da schon sehr viel rausgeholt.
Er hat, so schreiben es viele Medien, das ganze Fußball-Land angezündet ...
Der Hype ist schon extrem, fast ein bisschen zu viel. Aber offenbar war das Bedürfnis nach so einem Typ wie Klopp groß, Es wurde ja einfach alles berichtet, egal wann und wo er etwas gesagt hat. Und jetzt ist der Neuanfang auch noch fast perfekt gelungen.
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann
