Fußball

Fürther Fans schäumen vor WutFassungslos nach Relegations-Drama: Rot-Weiss Essen weint

27.05.2026, 07:12 Uhr
imageVon Tobias Nordmann
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Die Essener sind am Boden zerstört. (Foto: IMAGO/PresseFoto Evans)

Was für ein Drama für Rot-Weiss Essen, was für ein Jubel bei der SpVgg Greuther Fürth. In einem mitreißenden Relegations-Rückspiel schafft der Zweitligist den Klassenerhalt. Essen dagegen verzweifelt an sich selbst.

Dass die großen Träume von Rot-Weiss Essen ausgerechnet am Pfosten platzten, ist die wohl bitterste Pointe dieser Zweitliga-Relegation. 20 Jahre Essener Sehnsucht nach der zweithöchsten Profi-Liga knallten in der 81. Minute ans Aluminium. Rot-Weiss war der Verzweiflung nah, sie waren eigentlich schon längst drüber hinaus. Im Fürther Ronhof, an der Seitenlinie, im Fanblock auf dem heimischen Kennedyplatz, wo bis zu 8000 Essener beim Public Viewing mitlitten. Was die Rot-Weissen auch versuchten, der Ball ging nicht ins Tor. Dickson Abiama, der bei der SpVgg zum Profi geworden war, hatte in der 81. Minute etwas zu genau geköpft. Fatale Maßarbeit.

Aber die Szene war ja noch nicht vorbei. Der Ball sprang zurück ins Spielfeld, dort stand Torben Müsel. Der Held aus dem Hinspiel. Er hätte den Abpraller über die Linie schießen können, entschied sich aber für einen sehr tiefen Kopfball. Das Tor schien leer. Rot-weisse Jubelschreie waren schon vorformuliert, aber dann kam Silas Prüfrock angeflogen und kratzte den Ball spektakulär von der Linie. Der Torwart verteidigte den 2:0-Vorsprung grandios, die Fürther retteten das Ergebnis über die Zeit. Und bleiben Zweitligist. Essen lag am Boden. Wieder einmal.

SpVgg Greuther Fürth - Rot-Weiss Essen 2:0 (1:0)

Tore: 1:0 Futkeu (29.), 2:0 Hrgota (47.)

Fürth: Prüfrock - Dehm, Elvedi, Ziereis, Itter (87. Bjarnason) - Bansé (67. Arifi), Will - Klaus, Hrgota, Ltaief (78. Keller) - Futkeu; Trainer: Vogel.

Essen: Golz - Rios Alonso, Hüning, Kraulich (61. Brumme) - Hofmann, Swajkowski (61. Reisig), Kostka (86. Obuz) - Mizuta, Müsel - Safi (46. Abiama), Cuber (72. Janssen); Trainer: Koschinat.

Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover)

Gelbe Karten: / - Swajkowski, Kostka, Hüning

Zuschauer: 16.126 (ausverkauft)

90 Minuten hatten sie nach dem Hinspiel-Sieg (1:0) vom großen Traum getrennt. 90 Minuten hatten sie nun alles versucht, hatten zig Topchancen vergeben und konnten es am Ende nicht fassen. Noel Futkeu (29.) und Branimir Hrogta (47.) machten der SpVgg derweil zwei emotionale Abschiedsgeschenkte. Futkeu, der nach zwei Jahren die Fürther in Richtung Eintracht Frankfurt verlässt, traf aus kurzer Distanz. Die Vorarbeit zu diesem Treffer war ein Ausweis des unbedingten Willens der Gastgeber gewesen. Hrgota, der als Rekordtorschütze des Vereins nach sieben Jahren eine neue Herausforderung sucht, büffelte sich über die rechte Seite in den Strafraum. Felix Klaus stocherte dessen Hereingabe irgendwie zu Futkeu. Die Fürther Fans drehten frei vor Glück - und Erleichterung.

Immer wieder Prüfrock

1:1 stand es. Und so richtig fassen konnten es die Gastgeber nicht. Denn sie hatten frühe Schockwellen aushalten müssen. Essens Youngster Gianluca Swajkowski war in der zehnten Minute allein vor Prüfrock aufgetaucht. Doch der 21-jährige Keeper wehrte den wuchtigen Schuss aus elf Metern stark ab. Nur drei Minuten danach lenkte er einen Volleyschuss von Müsel, der im Hinspiel mit einem Traumfreistoß für Essener Ekstase und Träume gesorgt hatte, über die Latte. Das Spiel hatte richtig Temperatur. Relegation halt. Leben oder sterben. Dann die Fürther: Eine Flanke von Jannik Dehm (19.) von der rechten Seite senkte sich schlagartig und klatschte auf die Latte. 

Nach der Führung drängten die Gastgeber auf das zweite Tor. Felix Klaus und Sacha Bansé scheiterten am ganz starken RWE-Keeper Jakob Golz. Halbzeit, Wiederanpfiff, 2:0. Hrogta hatte mit einem feinen Schlenzer getroffen. Der Ronhof eskalierte. Und das Trauma des Scheiterns fuhr den Essenern in die Knochen. Wie oft hatten sie in den vergangenen Dekaden Träume beerdigen müssen. Michael Kostka suchte die schnelle Antwort, fand aber nur Prüfrock. Dann hielt Golz die Essener im Spiel, als er Futkeus Schuss entschärfte.

Ärger über Futkeu

Den Superstürmer der Fürther hatten die Essener in dieser Phase längst gefressen. Schon im Hinspiel hatte er die Wut auf sich gezogen, als er früh im Duell mit Ben Hüning die Hüfte hart rausknallte und dafür nicht verwarnt worden war. Ein Gelbe Karte hätte ihn für das Rückspiel gesperrt. Nun machte er mit, traf und provozierte. "Für mich komplett daneben, komplett lächerlich, das geht einfach nicht", schimpfte Hüning bei Sky. "Es ist einfach unsportlich." Gegenseitiger Respekt sei im Fußball "immer nötig und wichtig." Futkeu hatte Hüning nach seinem Treffer zum 1:0 wohl etwas entgegengerufen, anschließend war er an der Essener Bank entlanggelaufen.

"Wir haben uns ein super Duell, ein hartes Duell geliefert", befand Hüning, der aber alles Weitere von Futkeu als völlig daneben auffasste. Der Torschützenkönig wollte lieber nicht zu viel über seinen Kontrahenten sagen. "Ich gehe nicht auf ihn ein, möchte ich nicht. Wir haben gewonnen, Klassenerhalt, fertig. Er weiß genau, was er im Hinspiel gemacht hat. Die wissen genau, was sie im Hinspiel gemacht haben. Mehr brauche ich nicht sagen." Schon nach dem ersten Duell hatte sich Superstürmer Futkeu darüber beklagt, dass die Essener alles versucht hätten, ihm die Sperre für das Rückspiel anzuhängen.

Ausgerechnet der Pfosten

Die Rot-Weissen kämpften weiter verbissen um ihren Traum. In der 68. Minute war er plötzlich wieder nah. Cuber Potocnik drückte eine Flanke von Jannik Hofmann ins Tor. 1:2, Essener Ekstase, Pyro im Block - und VAR, Abseits. Fassungslosigkeit. Zum zweiten Mal an diesem Abend war ihnen ein Treffer aberkannt worden. Schon nach 36 Minuten war Potocnik als Vorarbeiter in der verbotenen Zone unterwegs gewesen. Dann die 81. Minute und der Pfosten. Ausgerechnet. Im Hinspiel hatten die Essener mit einer Pfostenklau-Aktion für großen Wirbel gesorgt. Aus dem Duisburger Stadion hatten sie ihn entfernt und auf der Tribüne gezeigt. Erzrivale MSV war am letzten Drittliga-Spieltag in der 97. Minute an eben jenem gescheitert. Hätte Rasim Bulic getroffen, wäre RWE nicht in der Relegation gelandet. Das Karma schlug nun zurück.

Es blieb derweil hitzig am Ronhof. Bis zur letzten Sekunde und darüber hinaus. Nach dem Schlusspfiff gab es noch eine Rudelbildung unter anderem um den Essener Ruben Reisig. Der heranstürmende Abiama stieß dann auch Paul Will, der zu Boden fiel. Dort lagen viele rot-weisse. Sie weinten. Torwart Golz befand: "Es tut unfassbar weh." Trainer Uwe Koschinat war ebenfalls tief getroffen. "Es war ein großer Kampf. Wir haben alles auf dem Platz gelassen." Es sei sehr ärgerlich, "herausragende" Möglichkeiten ausgelassen zu haben. Er empfand aber auch viel Stolz: "RWE hat Eindruck in Deutschland hinterlassen. Das bleibt irgendwann, wenn der Schmerz vorbei ist." Aufgefangen wurden die Gäste von ihren 2300 Fans im Stadion. Es waren große Momente der Fankultur.

Wie es weitergeht, unklar. Einige Spieler werden den Verein verlassen, werden höhere Ziele verfolgen. Gerüchte gibt es unter anderem um Müsel, den Schlüsselspieler der vergangenen Wochen. Der 1. FC Magdeburg soll sehr interessiert sein, womöglich auch Absteiger Fortuna Düsseldorf.

Stimmung kippt in Fürth

Auch in Fürth werden sich die Dinge drehen. In die Freude über den abgewendeten Totalschaden mischte sich die Wut über die in weiten Teilen katastrophale Saison des nicht schlecht bestückten Kaders. "Auf dem Platz und in den Gremien: Versager raus! Neuanfang jetzt!", stand auf einem Banner vor der Kurve der Fans. Immer wieder wurde auch lautstark das Aus von Geschäftsführer Holger Schwiewagner gefordert. "Ich kann den Frust der Fans nachvollziehen", sagte der sichtlich mitgenommene Trainer Heiko Vogel über das Plakat. "Ich glaube, dass der Verein das schon im Vorfeld wahrgenommen hat. Wir wissen, dass wir Hausaufgaben haben. Es bedarf viel Arbeit und Analyse. Man kann sich sicher sein, dass wir das auch machen."

Der Abschied der beiden Topstürmer steht schon fest, weitere Umbauarbeiten sind dringend nötig. "Ich habe mich brutalst über die zwei Tore gefreut", meinte Vogel. "Nach dem Spiel wird einem bewusst: Oh, hoppala, das sind die zwei letzten Tore, die sie für dich schießen. Neben der Erleichterung wegen der geschafften Relegation ist da auch Wehmut." Nach den gescheiterten Experimenten mit Leonhard Haas, Jan Siewert und Thomas Kleine soll in Vogel endlich mal wieder ein Trainer längerfristig in Fürth arbeiten. Aber erst mal Klassenerhalt-Party und abschalten. "Sie sollen es krachen lassen. Das haben sie verdient", sagte Vogel.

Quelle: ntv.de

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