Der Druck auf FIFA-Präsident Gianni Infantino wird von Tag zu Tag größer. Steht der Schweizer vor dem Aus an der Spitze des Fußball-Weltverbands? Ex-FIFA-Berater Mark Pieth hält das für "realistisch", geht aber auch davon aus, dass Infantino "nicht kampflos" die Segel streicht, sagt der Jurist in der aktuellen Folge des Podcasts "ntv Sport". Pieth hält die FIFA für "eigentlich nicht reformierbar", setzt aber Hoffnungen in die UEFA und macht einen Vorschlag, wie das Präsidentenamt in einer Zeit nach Infantino besetzt werden sollte.
ntv.de: Herr Pieth, Sie waren von 2011 bis 2013 beratend für die FIFA tätig. Welchen genauen Auftrag hatten Sie?
Mark Pieth: Ich sollte dabei helfen, die FIFA zu reformieren. Wir waren ein unabhängiges Gremium aus 13 Personen. Damals war die FIFA schon in einer heftigen Krise. Kurz nachdem die WM 2022 an Katar gegeben wurde. Es war höchst unsicher, ob das mit rechten Dingen zugegangen ist.
Hat das mit der Reform in irgendeiner Art und Weise geklappt?
Wir haben das ganz gut hinbekommen. So gut, dass führende FIFA-Leute, zum Beispiel Theo Zwanziger (damals DFB-Präsident; Anm. d. Red.), damals gesagt haben: Wir können mit den Vorschlägen eigentlich leben. Das Problem war allerdings, dass die FIFA solche Papiere zur Kenntnis nimmt, dann aber nicht umsetzt. Das haben wir im Anschluss deutlich gesehen.
Welche konkreten Vorschläge haben Sie gemacht?
Zum Beispiel haben wir empfohlen, Amtszeitbeschränkungen für FIFA-Präsidenten einzuführen (wurde 2016 doch noch eingeführt; Anm. d. Red.). Interessanterweise hat sich die UEFA, damals mit Michel Platini und Gianni Infantino an der Spitze, erfolgreich dagegen gestemmt. Unser Eindruck: Na ja, das ist der Platini, der sich seine Pfründe organisieren will, weil er Nachfolger von Sepp Blatter (damals FIFA-Chef; Anm. d. Red.) werden wollte. Wir sind gar nicht darauf gekommen, dass Infantino eine Rolle spielen könnte.
Damals war Gianni Infantino UEFA-Generalsekretär.
Genau, das ist quasi der CEO-Posten beim Europäischen Fußballverband. Aber der Präsident steht noch darüber. Deshalb war Infantino eher eine unbekannte Person außerhalb der UEFA.
Wie ist Infantino aus dieser Lage heraus FIFA-Präsident geworden?
Sepp Blatter hat uns damals gesagt, er wolle sich einen ehrenvollen Abschied organisieren und zum Schluss seiner Amtszeit den Laden für den Nachfolger aufräumen. Das ist dramatisch schiefgelaufen. Was Blatter geritten hat, sich 2015 nochmal zur Wahl zu stellen, kann ich nicht sagen. Wir haben ihm 2013 gesagt, das wäre der größte Blödsinn. Deshalb haben wir dann auch das Handtuch geworfen.

Vier Tage nach seiner Wiederwahl ist Blatter zurückgetreten. Platini kam wegen Korruptionsverdachts nicht als Nachfolger infrage.
Genau. Und Infantino ist innerhalb weniger Tage zu einer dominanten Machtfigur geworden. Er muss vorher Trockenübungen gemacht haben, er muss sich auf diese Chance eingestellt haben. Nach dem Motto: Wenn ich an der Macht bin, dann geht es ab. Er ist dann praktisch von null auf hundert durchgestartet. Infantino hat bestätigt, was der ehemalige Vizepräsident der Boca Juniors (Traditionsklub aus Buenos Aires; Anm. d. Red.), Carlos Heller, ein Mitglied meiner Reformkommission, mir damals gesagt hat.
Nämlich?
Fußball hat nichts mit Sport zu tun. Es geht um Macht, Einfluss und Geld. Und genau so ist es eingetreten. Infantino ist von einem Tag auf den anderen zum großen Powerplayer geworden. Ihm ging es vor allem ums Geld. Das hat man sofort gemerkt. Infantino soll damals in einer der ersten Präsidiumssitzungen gesagt haben: Man gibt mir nur zwei Millionen Franken Gehalt. Davon kann ja niemand leben. Ich muss bei euch bald einen Kredit aufnehmen.
Laut FIFA bekommt Infantino inzwischen etwa 2,6 Millionen Franken Grundgehalt, hinzu kommen 2,2 Millionen Bonus.
CEOs großer Unternehmen bekommen auch hohe Gehälter. Man darf nicht aus Neid auf so ein Gehalt blicken und sagen: Da muss ja etwas nicht mit rechten Dingen gelaufen sein. Aber, was er jetzt offensichtlich vorhatte, ist etwas vollkommen anderes. Die Pferde sind mit ihm durchgegangen. Er hat mit der WM viel Geld in die FIFA geholt und dann hat er diese verrückte Idee, die FIFA teilweise zu privatisieren und an Investoren zu verkaufen und sich anschließend möglicherweise selbst zum Chef dieses Unternehmens zu machen, sollte er irgendwann nicht mehr FIFA-Präsident sein. Das alles hat mich sehr an Trumps Friedensrat erinnert, der praktisch eine Alternative zu den UN sein soll, mit Trump als Chef auf Lebenszeit.
Die UEFA, der asiatische und der nordamerikanische Verband CONCACAF haben unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne lautstark protestiert. Infantino hat kurze Zeit später den Rückzieher gemacht. Der Druck auf ihn wird jetzt immer größer. Aber er scheint noch nicht aufgeben zu wollen.
Nein. Es gibt auch einige Länder, die weiter zu Infantino halten. Vor allem in Afrika. Das Problem ist allerdings: Das sind Länder, die Korruption im politischen Rahmen gewohnt sind. Da erstaunt es nicht, dass die Fußballverbände ähnlich ticken. Es haben sich aber auch Leute kritisch zu Wort gemeldet, von denen man gedacht hat, dass sie empfänglich sind für das System Infantino. Ich denke an den jordanischen Verbandschef Ali. Das ist ein sehr mutiger Mann, der mal gegen Blatter bei einer Präsidentschaftswahl einen Achtungserfolg erzielt hat. Ali wirft Infantino Erpressung vor. Jetzt geht es für den FIFA-Präsidenten wirklich ans Eingemachte.

Wie die UEFA Gianni Infantino loswerden will
Wird sich Infantino im Amt halten können?
Das hängt davon ab, wie viele Länder sich weiter hinter ihn stellen und wie hart die UEFA pokert. Wenn die UEFA genügend Unterstützung aus anderen Weltregionen bekommt, könnte Infantino irgendwann zurücktreten. Dass es bald einen neuen Präsidenten an der Spitze der FIFA gibt, halte ich für durchaus realistisch. Aber das wird ein hartes Unterfangen, weil jeder noch so kleine Inselstaat eine Stimme hat. Und Infantino wird lobbyieren, in der ganzen Welt. Er wird nicht kampflos gehen.
Warum sind Sie sich so sicher?
Das entspricht nicht seiner Persönlichkeitsstruktur. Er ist auf die Maximierung von Macht, Einfluss und Geld aus.
Ist die FIFA überhaupt reformierbar?

Infantino steckt in "Schwergewichts-Boxkampf" um seine Macht
Bislang dachte ich, dieser Laden ist nicht reformierbar, weil die entscheidenden Leute nicht wollen. Das ist auch meine Erfahrung gewesen, als wir damals die Reformvorschläge gemacht haben. Interessanterweise sieht die Sache jetzt aber etwas anders aus. Wegen des Aufstands, den die UEFA gemacht hat. Ob die FIFA von innen reformiert werden kann, hängt aber davon ab, wie eine mögliche neue Führung aussieht.
Sie sind vor 15 Jahren angetreten, die FIFA zu reformieren. Wenn Sie jetzt für die Zeit nach Infantino erneut einen Reformvorschlag machen dürften, wie sähe dieser aus?
Ich schlage vor, die Präsidentschaft rotieren zu lassen. Von Konföderation zu Konföderation. Alle zwei Jahre ist ein anderer Kontinentalverband an der Reihe. Es braucht keinen übermächtigen Präsidenten in der FIFA, stattdessen könnte man alle zwei Jahre eine andere Konföderation ins Zentrum rücken, die temporär eine Leitungsfunktion übernimmt.
Mit Mark Pieth sprach Kevin Schulte. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie im Podcast "ntv Sport" hören.
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