Die Rückkehr des Heiligen

Jürgen Klopps perfekte Exit-Strategie

imageVon Till Erdenberger
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24.07.2026 | 16:12 Uhr
Jürgen Klopp wird Bundestrainer. Es ist ein logischer Schritt und für Klopp die große Chance, einen Fehltritt zu korrigieren. Besser hätte es gar nicht kommen können.

Im Herbst 2024 beginnt eine große Revitalisierungsmaßnahme. Am 9. Oktober verkündet Red Bull, dass künftig Jürgen Klopp die Geschicke der Fußballsparte des Brausekonzerns verantworten wird. "I am running out of energy", hatte er nur wenige Monate zuvor in einer Botschaft verkündet, mit der er sich nach neun wilden, intensiven Jahren vom FC Liverpool verabschiedete.

Der Säulenheilige des deutschen Fußballs, der in Mainz, Dortmund und Liverpool den Erfolg brachte und dann allerorten unter Tränen verabschiedet wurde, fiel tief von seinem Sockel, auf den ihn Fußballromantiker und Experten gehievt hatten. So schnell konnten ihm von seinem neuen Arbeitgeber gar keine Flügel verliehen werden.

Zuvor, als Bundestrainer Hansi Flick die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit dem Vorrundenaus bei der WM in Katar wieder in den Trümmern abgeliefert hatte, aus denen er sie eigentlich wieder auferstehen lassen sollte, wollte das Volk Klopp im höchsten Amt des deutschen Sports sehen.

Umfragen, wen sich die Menschen nach der völlig verkorksten Ära Flick wünschten, brachten für Klopp damals nordkoreanische Zustimmungswerte. Das Problem: Der Wunschbundestrainer der Deutschen stand 2023 noch beim FC Liverpool unter Vertrag und damit nicht zur Verfügung.

Die dunkle Seite

Später, als er Liverpool dann verlassen hatte, ermattet, ausgebrannt, dünnhäutig und von neun Jahren im Stahlbad Premier League schwer mitgenommen, heuerte er dann eben bei Red Bull an - und zerstörte damit in den Augen vieler den Nimbus, wonach der ehemalige Profi ausschließlich blendende Karriereentscheidungen trifft und sie an den romantischsten Plätzen der Fußballwelt zu großen Geschichten veredelt.

Klopp, der Heilige, der den Menschen Erfolg und Tränen und den Glauben an die Aufrichtigkeit im Sport brachte, verabschiedete sich für die Romantiker auf die dunkle Seite der Macht.

Red Bull ist außer sich

"Nach fast 25 Jahren an der Seitenlinie könnte ich nicht aufgeregter sein, mich an einem Projekt wie diesem zu beteiligen", verriet der vom "Pöhler" zum Projektmanager gewandelte Klopp in einer klebrigen Pressemitteilung. Red-Bull-Boss Oliver Mintzlaff war damals außer sich vor Freude: "Wir sind sehr stolz auf diese herausragende und sicherlich stärkste Verpflichtung in der Fußball-Historie von Red Bull", ließ er aus der Konzernzentrale funken. "Für uns ist er in seiner Rolle als Global Head of Soccer daher so etwas wie ein Gamechanger für unsere Engagements im internationalen Fußball und deren stetiger Weiterentwicklung."

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Neue Klopp-Doku bei RTL - Das ist unser Bundestrainer

Doch relativ schnell sollten sie merken, dass Charismatiker Klopp nicht automatisch Glanz, Gloria und explodierende KPI bringen würde. Die Entwicklung der Fußballsparte stagniert weltweit. Der Imagetransfer des deutschen Fußballlieblings, den man sich in der Konzernzentrale in Fuschl am See für das eigene Produkt erhofft hatte, gelang nicht. In seiner Rolle als "Global Head of Soccer" sorgte Klopp kaum für globalen Glanz.

Trainer fliegen in Serie

Als eine seiner ersten großen Amtshandlungen half er, seinen einstigen Kumpel und Spieler Marco Rose zu rasieren. Der Trainer des Fußballflaggschiffs RB Leipzig hatte dem Kickteil des Konzerns erstmals ein menschliches Antlitz verpasst. Der Ex-Profi fand oft die richtigen Worte nicht nur zum Sport und verlieh der Marke im feindseligen Umfeld wenigstens eine Idee von Glanz. Rose musste gehen, weil ein von Verletzungen geplagter Kader nach brillantem Saisonstart im Laufe der Runde die Champions-League-Qualifikation in Gefahr brachte.

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Klopp an der Seitenlinie: Auf diese Bilder wartet Deutschland

Nach und nach folgten die Cheftrainer der Red-Bull-Fußballdependancen rund um die Welt. Es erwischte Klopps Ex-Spieler Sandro Schwarz in New York genauso wie nun überraschend Ole Werner, der RB Leipzig als Rose-Nachfolger immerhin relativ souverän in die Champions League geführt hat.

In den sechs Red-Bull-Klubs zwischen Paris und Saitama flogen in 16 Monaten Klopp neun Trainer. Zahlreiche Positionen hat Klopp in seinen kaum zwei Jahren im Konzern mit eigenen Vertrauten besetzt.

Liebe ist erkaltet

Innerhalb der Sportstrukturen des Konzerns gibt es wohl inzwischen unterhalb der Führungsriege nicht mehr wenige Menschen, die der Abgang Klopps nicht ins Unglück stürzt, heißt es süffisant aus dem Umfeld. Es gab Zweifel daran, dass Jürgen Klopp wirklich als Unterstützer der Trainer wirkte, wie er es einst verkündete.

Dazu gab es beim Konzern offenbar Unmut über die jüngsten Auftritte als Werbegesicht für den Getränkekonzern Anheuser-Busch und als WM-Experte für MagentaTV, wie der österreichische "Standard" berichtet. In beiden Sparten - Getränke und Medien - hat Red Bull eigene Formate parat.

Die illustre Bundestrainer-Riege in Bildern

Schon Anfang des Jahres hatten die "Salzburger Nachrichten" geraunt, dass man bei Red Bull mit Klopps Performance nicht übermäßig glücklich sei - und ihm keine Steine in den Weg legen werde, wenn er sich im Sommer noch einmal beruflich verändern wolle. Vom Konzern und aus dem Klopp-Lager wurde das scharf dementiert.

Der Tausendsassa Klopp, der in jeder dunklen Stunde auf dem Rasen zu großen, erhellenden Worten im Stande war, der in der tiefsten Enttäuschung Kraft und Zuversicht beschwören könnte, dass Undenkbares erst möglich und dann wahr wurde, wirkte in seiner Rolle im Brausekonzern allerdings selbst nie wirklich emotional ausgelastet.

Alles fügt sich

Dass er seinen Sprung zum DFB mit dem flapsigen, heftig kritisierten "Noch"-Spruch in Richtung des damaligen Noch-Bundestrainers Nagelsmann selbst anmoderiert haben könnte, ist natürlich Quatsch. Dennoch dürfte sich der innere Widerstand des leidenschaftlichen Trainers und begnadeten Menschenfängers in engsten Grenzen gehalten haben, als sich die Tür in Richtung DFB-Campus immer schneller und weiter öffnete.

Nun, zwei Jahre, nachdem er sich mit leeren Augen und leeren Akkus aus Liverpool verabschiedet hatte, vermeldete Klopp - ganz im Sinne des Markenversprechens seines Übergangs-Arbeitgebers - dass er "mehr als aufgetankt" sei.

Noch bevor Klopp sich nach wilden, teils magischen Jahren in Liverpool erst in den Ruhestand und dann weiter zu Red Bull verabschiedet hatte, hatte er den Bau eines neuen Familiendomizils angeschoben. Inzwischen ist das Haus von der Größe einer mittleren Galeria-Kaufhof-Filiale in Wiesbaden weitestgehend fertig. Von Wiesbaden ist der Weg in die Welt weit, in die DFB-Zentrale nach Frankfurt allerdings überaus kurz. Alles fügt sich doch noch.

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Plötzlich fragt Klopp bei Rudi Völler nach einem Bundestrainer-Parkplatz

Vielleicht der Beginn von etwas Großem?

Nun wird Klopp halt doch noch Bundestrainer, wie von weiterhin vielen Fans erträumt und von zahlreichen Experten gefordert. Der DFB hatte sich Klopp ohnehin vom ersten Tag an vor die Füße geworfen. Zu eindeutig waren die Signale aus allen Richtungen, als dass ein anderer als Klopp nicht als Notlösung gegolten hätte.

Dass Klopp ein großer Trainer ist, ist unbestreitbar. Er kann mit seinem Team Visionen entwickeln und den Weg bis ans Ziel gehen. Er kann Umgebungen schaffen, in denen Fußballer gemeinsam zu mehr werden als die Summe der eigenen Teile. Ob er Bundestrainer kann, muss sich zeigen.

Vom Mainzer Idol zum Bundestrainer Jürgen Klopp

Es ist eine ganz andere Aufgabe, als er sie bisher kannte: An seinen bisherigen Stationen baute er sich über Jahre seine Teams, mit akribischer Arbeit und vor allem in Liverpool auch mit viel Geld. In Dortmund und Liverpool dauerte es Jahre, bis die großen Erfolge kamen.

Als Bundestrainer muss er nehmen, was da ist. Der Zugriff auf die Spieler ist begrenzt. Der nun wieder unter Strom stehende Klopp muss moderieren - in Richtung der DFB-Gremien, in Richtung der Bundesliga. Rückschläge lassen sich nicht so schnell reparieren. Klopp muss sich Resilienz angewöhnen. Auch wenn die Verbandsspitze sich ihm ausgeliefert hat. Es wird eine Herausforderung für alle.

Wenn jemand die Strahlkraft hat ...

Wahrscheinlich ist Klopp eine gute Wahl, tatsächlich war er nach den gescheiterten Versuchen mit Flick und Nagelsmann die einzige wirkliche Option. Der deutsche Fußball liegt nach dem WM-Desaster mit dem schändlichen Aus im Sechzehntelfinale mal wieder am Boden, ein paar Flügel können dem noch in Nagelsmanns Asche kauernden Phoenix DFB-Team nicht schaden.

Der Job des Bundestrainers steht in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwo zwischen Bundespräsident, "Wetten dass …?"-Moderator und Papst. Je nachdem, ob die Religionszugehörigkeit Schalke ist oder katholisch.

Klopps Glanz war ein wenig ermattet, aber wenn jemand die Strahlkraft für die Position hat, dann der einstige Fußballarbeiter, der zum Trainergott aufstieg, um sich als hochdekorierter Projektmanager ein wenig zu verlieren. Jetzt kann der gestolperte Heilige einen neuen großen Schritt auf der Karriereleiter machen.

Als Bundestrainer, der den Deutschen den schwarz-rot-goldenen Jubel zurückbringt, würde er seinen ohnehin schon glänzenden Werbewert quer durch alle Branchen und Dienstleistungen in schwindelerregende Höhen treiben. Das Bundestrainergehalt über wohl etwas mehr als sieben Millionen Euro pro Jahr dürfte fast ein nettes Zubrot sein.

Für Klopp ist der Weg ins Bundestraineramt die perfekte Exitstrategie. Bundestrainer zu sein, daraus hat er nie einen Hehl gemacht, ist für ihn eine Ehre und eine Auszeichnung. Dort kann er Menschen bewegen, nicht nur Entscheider. Nur Trainer kann er jetzt nicht mehr feuern. Er ist selbst zurück auf dem heißen Stuhl. Und genau dort - so sind sich die meisten einig - gehört er hin.

Verwendete Quelle: ntv.de