Mega-Ärger nach Deadline Day

Wegen Transferchaos: Fans des FC Everton ziehen sich zurück

imageVon Julian Cantzler
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Trainer David Moyes (links) spricht mit dem jetzt bei Florenz spielenden Beto (rechts). (Foto: IMAGO/Sebastian Frej)
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04.09.2026 | 07:05 Uhr
Der FC Everton geht mit dem kleinsten Kader der Premier League in die Saison. Nach einem chaotischen letzten Transfertag setzt eine einflussreiche Fangruppe als Reaktion darauf ihre Choreografien aus.

Obwohl der FC Everton erst seit einer Saison im neuen Hill Dickinson Stadium spielt, erinnert die Stimmung vor Ort bereits an die alte Heimat im Goodison Park - immerhin 138 Jahre lang das Zuhause der sogenannten "Toffees". Einen großen Anteil daran hat die Fangruppe "The 1878s", die mit ihren aufwendigen Choreografien regelmäßig für besondere Bilder auf den Rängen sorgt. Während solche organisierten Choreografien in deutschen Stadien längst zum Fußball-Alltag gehören, sind sie in England deutlich seltener zu sehen.

Umso schwerer wiegt jetzt die Ankündigung der "1878s", Choreografien und weitere organisierte Stadionaktionen auf "absehbare Zeit" einzustellen. Hintergrund der folgenschweren Entscheidung ist die am Dienstag zu Ende gegangene Transferperiode, die die Gruppe als "grobe Fahrlässigkeit" bezeichnet.

Besonders der letzte Tag des Transferfensters hatte für viel Unmut gesorgt. Fünf Spieler verließen den Klub und nur zwei kamen hinzu. Everton stehen damit nach Transferschluss nur 18 Feldspieler zur Verfügung. Dazu kommt: Im Angriff steht mit Thierno Barry nur ein gelernter Mittelstürmer im Kader. Auch in der Defensive fehlt es an Alternativen. Für eine Saison mit 38 Ligaspielen sowie FA Cup und Ligapokal ein erhebliches Risiko. Dabei ist Everton mit vier Punkten aus den ersten zwei Ligaspielen ordentlich in die Saison gestartet. Nach dem Chaos der letzten Tage richtet sich der Blick vieler Anhänger nun jedoch eher in Richtung Tabellenende. 

"Genau wie der Rest unserer Fangemeinde sind wir zutiefst enttäuscht und empört darüber, wie dieses Transferfenster verlaufen ist, insbesondere am Ende". Die Entscheidung der Gruppe spiegelt die tiefe und weit verbreitete Unzufriedenheit innerhalb der Anhängerschaft wider, erklärte "The 1878s" in einem Statement. Die Gruppe sorgt vor Heimspielen regelmäßig mit Fahnen, Bannern und Choreografien für Stimmung.  

Proteste schon beim letzten Spiel  

Dass die Stimmung zwischen Fans und Verein angespannt ist, war bereits vor dem Deadline Day zu erkennen. Everton hatte ein Angebot von Nottingham Forest für Harrison Armstrong akzeptiert, zog den geplanten Verkauf nach erheblichen Fan-Protesten jedoch zurück. Der 19 Jahre alte Mittelfeldspieler gilt als eines der größten Talente des Vereins, mit dem sich die Fans stark identifizieren. Nach dem 1:1 beim AFC Bournemouth drohten die Everton-Anhänger mit Krawallen, sollte Armstrong verkauft werden. Trainer David Moyes zeigte Verständnis: "Ich finde, man muss die Anhänger immer berücksichtigen; sie liegen nicht immer falsch."  

"Wir dachten, der mögliche Verkauf unseres größten Nachwuchstalents sei schon schlimm genug, aber die letzten 24 Stunden haben das noch übertroffen", schrieb die Gruppe als alles vorbei war. Besonders schwer wiegt in ihren Augen das Scheitern des angedachten Last-Minute-Transfers von Folarin Balogun. Der US-Stürmer der AS Monaco war bereits auf dem Trainingsgelände. 45 Millionen Euro sollte er kosten. 

Posse um Balogun

Beide Vereine hatten bereits die notwendigen Dokumente eingereicht. Nach Problemen beim Medizincheck verhandelten Everton und Monaco erneut über die Zahlungsmodalitäten. Wohl zu viel für Balogun. Der entschied sich daraufhin gegen einen Wechsel und verließ das Trainingsgelände Evertons ohne Unterschrift. Monacos Sportdirektor Thiago Scuro sagte später, der Spieler habe sich mit Evertons Umgang nicht mehr wohlgefühlt. Everton wies diese Darstellung zurück. Schnelle Alternativen wie Ex-Bayern-Spieler Joshua Zirkzee von Manchester United oder Tammy Abraham von Aston Villa ließen sich nicht mehr realisieren.  

Währenddessen verkaufte Everton unter anderem Stürmer Beto für knapp 18 Millionen Euro nach Florenz, sowie den besten Offensivspieler der Vorsaison, Iliman Ndiaye, für 70 Millionen Euro an Man City. Auf der anderen Seite kamen nur Rückkehrer Jack Grealish für die Offensive und Rechtsverteidiger Ainsley Maitland-Niles. Beide gelten nicht als direkter Ersatz für die Abgänge. Die Fans kritisieren dabei vor allem die Reihenfolge: Der Klub gab zuerst die wichtigen Spieler ab, ohne Ersatz verpflichtet zu haben. Im offiziellen Fan-Forum wurde klargestellt, dass es den Anhängern dabei besonders um die Planungssicherheit des Vereins gehe. Es gehe nicht um rücksichtslose Ausgaben oder Star-Transfers. Die Anhänger verlangen "Kompetenz, Vorbereitung und Verantwortlichkeit."

Kader fehlt es an Qualität 

Auch Trainer Moyes hat allen Grund, enttäuscht zu sein. Bereits vor Wochen hatte er weitere Verstärkungen gefordert: "Unser Kader ist nicht groß genug, und wir brauchen in einigen Bereichen mehr Qualität", sagte er nach dem 4:0-Pokal-Erfolg gegen Preston North End.

Dass die Dinge sich so entwickelt haben, hat auch mit Evertons jüngerer Vergangenheit zu tun. Weil der Klub gegen die Finanzregeln der Liga verstoßen hatte, wurden dem Verein in der Saison 2023/ 2024 acht Punkte abgezogen. Die amerikanische Friedkin Group, seit Dezember 2024 neuer Eigentümer, hatte den finanziell angeschlagenen Klub daraufhin stabilisiert, agiert aber sehr vorsichtig und setzt auf strenge Kostendisziplin.

Die letzten fünf Jahre betrachtet, ist Everton neben Brighton nur einer von zwei Vereinen mit einer positiven Transferbilanz. Auch in diesem Sommer hat sich das durchgesetzt. Ausgaben von rund 102 Millionen Euro, stehen Einnahmen von knapp 129 Millionen Euro gegenüber. Macht ein Transferplus von etwa 26 Millionen Euro. Zu den kostspieligsten Neuverpflichtungen gehört der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler Merlin Röhl, der für 25 Millionen Euro aus Freiburg gekommen ist.

In der Premier League, wo seit Jahren nur so mit Geld um sich geschmissen wird, ist eine positive Transferbilanz eine absolute Seltenheit. Dennoch wäre Spielraum für weitere Verstärkungen da gewesen - siehe Balogun.

Neue Saison, altes Problem? 

Zusätzlich deutet sich schon seit längerer Zeit ein Konflikt zwischen Moyes und der Klubführung an, der nochmal neue Brisanz erhalten dürfte. Geschäftsführer Angus Kinnear erklärte nach der Vorsaison, die Eigentümer hätten das Verpassen des Europapokals als "Misserfolg" bewertet. Moyes reagierte überrascht: Ein konkretes Ziel sei ihm nie vorgegeben worden. Für ihn ging es allein darum, die Saison ohne Abstiegskampf zu bestreiten. 

Moyes will den Verein in Ruhe entwickeln. Die Führung verlangt offenbar schneller sichtbare Ergebnisse. Nach dem chaotischen Deadline Day ist der Druck auf die Vereinsführung nun deutlich angestiegen. Sowohl sportlich, organisatorisch sowie im Verhältnis zur eigenen Fanszene, die dem Klub vorerst ihre sichtbarste Unterstützung entzieht. Der Anspruch der Klubführung, Everton in den Europapokal zu führen, könnte angesichts des dünnen Kaders und der Unruhe im Umfeld schnell dem Kampf gegen den Abstieg weichen.

Verwendete Quelle: ntv.de