Genie-Momente statt HämeWie Bayern-Star Luis Diaz die Fußballwelt verzaubert
Luis Diaz dreht in den entscheidenden Wochen der Superlativ-Saison des FC Bayern mächtig auf. Der Kolumbianer, der im Sommer quasi als dritte Wahl nach München kam, hat sich zum wichtigsten Mann entwickelt.
Dass die Fußballer des FC Bayern unersättliche Mentalitätsmonster sind, ist längst bekannt. Aber wer unbedingt nochmal eine nachdrückliche Bestätigung brauchte, musste am jetzt schon legendären Dienstagabend im Pariser Prinzenpark nur Luis Diaz zuschauen.
Der 29-Jährige riss mit seiner intensiven Spielweise das atemberaubenden Halbfinal-Hinspiel der Champions League (4:5) von Beginn an sich. Diaz ackerte wie ein wilder Stier, schnappte sich Bälle, ging mutig ins Dribbling. Passenderweise holte er mit einem starken Einsatz den Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:0 heraus und erzielte den wichtigen 4:5-Treffer in der 68. Minute. Gerade im Eins-zu-eins ist der quirlige Offensivspieler kaum zu stoppen. Kurzum: Diaz ist der entscheidende Transfer der Saison.
Ein wilder Transfersommer und die Folgen
Wir spulen einmal kurz zurück ins vergangene Jahr, zum Transfer-Sommer des FC Bayern? Es war wild.
Wunschspieler Florian Wirtz? Ging lieber zum FC Liverpool.
Wunschspieler II Nick Woltemade? Wollte, durfte aber nicht - dann legte Newcastle United so viel Kohle auf den Tisch, dass ihn der VfB Stuttgart mit besten Grüßen nach England schickte.
Nationalspieler Leroy Sané? Durfte den FC Bayern gen Istanbul verlassen.
Auch Klub-Ikone Thomas Müller sagte ein wenig verbittert Servus und wechselte nach Kanada zu Vancouver.
Es klaffte also eine größere Baustelle im offensiven Maschinenraum des FC Bayern. Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund zauberten infolgedessen Luis Diaz aus dem Hut. Für rund 70 Millionen Euro kam der kolumbianische Nationalspieler vom FC Liverpool an die Isar. Die Reds kauften ihrerseits kräftig ein und holten neben Wirtz auch die Offensivkräfte Hugo Ekitiké und Alexander Isak. Da brauchte man keinen Diaz mehr. Die Bayern freut's, während Liverpool abrutschte.
Der drittteuerste Transfer der Vereinsgeschichte war zwar für seine Offensiv-Power bekannt, der Wechsel wurde aber auch kritisch beäugt und mit gewohntem Getöse begleitet. Das relativ hohe Fußballeralter von 28 gepaart mit der ohne Zweifel hohen Ablösesumme gefiel nicht allen Experten. Manch einer fühlte sich an den Transfer von Sadio Mané erinnert, der bei den Bayern 2022 nicht wirklich einschlug und schnell wieder weg war.
Soforthilfe schlägt ein
Manager Eberl verteidigte den Transfer vehement. Diaz habe alles, was die Bayern brauchen: "Tempo, Tore, Assists, Qualität im Eins-gegen-eins und eine hohe Verlässlichkeit." Sportdirektor Christoph Freund argumentierte, dass man nach zwei schwierigen Jahren eher auf eine Sofortverstärkung setze.
Was soll man sagen: Der "Dritte-Wahl"-Mann entpuppte sich als Sofortverstärkung deluxe. Schon im ersten Einsatz (Supercup) traf er auf Anhieb, auch an den ersten drei Bundesliga-Spieltagen. Das ist wohl die Definition von "sofort". Auch eine etwas wilde Diskussion um den "Chancentod" Diaz im Oktober (die Statistik bestätigte dies sogar) wurde von Eberl souverän abmoderiert, der Spieler gestärkt. Trotzdem steht Diaz mitunter etwas im Schatten von Tore-Gigant Harry Kane und dem ebenfalls formstarken Michael Olise. Zusammen formen sie den famosen 100-Tore-Sturm der Münchner, der nicht nur die Liga, sondern auch die Königsklasse eingenommen hat.
Für Spieler wie Diaz wurde wohl der Begriff MVP ausgerufen. Most Valuable Player. Der wertvollste Spieler. Zumindest gegen Paris. Hinter Kane und Olise ist er spätestens in den vergangenen Wochen zum Helden aufgestiegen. Schon gegen Real Madrid machte er in Hin- und Rückspiel den Unterschied und hievte den Deutschen Meister mit seinen Toren ins Halbfinale. Dort macht er nun genauso weiter.
Weltmeister verneigt sich vor Diaz-Leistung
Sein Auftritt gegen PSG entlockte auch TV-Experte Mats Hummels das höchste Lob. "Das war das beste Spiel, das ich je von ihm gesehen hab", schwärmte der Ex-Nationalspieler bei Prime Video. "Das war unglaublich."
Bestes Beispiel für seine offensiven Künste ist das wichtige 4:5 im Prinzenpark. Die Ballannahme nach einem Sensationszuspiel von Kane, Wackel-Körpertäuschung und dann die eiskalte Veredelung ins Eck. Kolumbianische Kunst in Fußball verpackt.
Diaz ist aber wichtig, nicht nur weil er traumhaft trifft, sondern auch weil er viel arbeitet, ackert, sich nicht zu schade ist für Arbeit nach hinten, weil er die tiefen Laufwege abspult - er ist gallige Zähigkeit in Person.
Wettbewerbsübergreifend hat Diaz schon 26 Tore erzielt und 21 Assists gesammelt. In der Königsklasse steht Diaz nun schon bei sieben Toren und vier Vorbereitungen. Auf ihn und seine kongenialen Partner Kane/Olise sind die Bayern auch im Rückspiel angewiesen. Nach vier K.-o.-Spiel-Treffern in Serie könnte in der Allianz-Arena die nächste Diaz-Show abgehen.
Den 72-maligen Nationalspieler bringt wenig aus der Fassung, Diaz blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück.
Zu wenige Kilos: Diaz musste Pasta zum Frühstück verdrücken
Er entstammt dem indigenen Volk der Wayuu und wuchs in schwierigen sozialen Verhältnissen in Barrancas nahe der Grenze zu Venezuela auf. Weil er zeitweise mangelernährt war, fiel er durch seinen schmächtigen Körperbau auf, wurde etwas unschön "die Nudel" genannt. Es gab durchaus in jener Zeit Zweifel an einer möglichen Profikarriere. Diaz musste zehn Kilogramm zunehmen, zum Frühstück gab's plötzlich Pasta.
Scouts entdeckten ihn bei einem Turnier südamerikanischer indigener Völker. Über das Farmteam Barranquilla ging es zum Erstligisten Atletico Junior in den kolumbianischen Profifußball und dann über den Atlantik. Beim FC Porto, bekannt als Ausbildungsstätte südamerikanischer Talente, gelang ihm der Durchbruch in Europa. Liverpool biss für 40 Millionen Euro an.
In dieser Zeit in England folgte eine traurige Episode. Bewaffnete Guerillas in Kolumbien entführten seine Eltern, Vater Luis Manuel geriet fast zwei Wochen in Gefangenschaft, ehe er freigelassen wurde. Mit einer emotionalen Geste sendete Diaz nach einem Treffer eine Freiheitsbotschaft für seinen Vater. Anschließend ging sein Aufstieg weiter. Hinter Mohamed Salah erhob er sich zum zweitgefährlichsten Angreifer der Reds.
Dann klingelte die Bayern durch. An die Kritik von damals denkt heute vermutlich keiner mehr. Dafür an Auftritte wie gegen Paris.
