Fußball

Mausetote Bayern wundern sichWas war das? PSG-Coach hat so etwas "noch nie gesehen"

29.04.2026, 06:59 Uhr
imageVon Tobias Nordmann
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Joshua Kimmich (M.) wusste phasenweise gar nicht, was los ist. (Foto: dpa)

Dem FC Bayern droht im Halbfinal-Hinspiel der Champions League ein Debakel. In absurd wilden Minuten nimmt PSG die Münchner auseinander. Die aber wehren sich und sind nachher verwundert.

Eigentlich beginnt alles mit einer kleinen Trottelei. Abwehrspieler Willian Pacho stellt sich im Zweikampf mit Luis Diaz so ungeschickt an, dass der FC Bayern nach 17 Minuten einen Elfmeter bekommt. Harry Kane erledigt die Dinge auf seine Weise und die Münchner führen im Prinzenpark bei Titelverteidiger Paris St. Germain. Sie führen im ersten Halbfinale der Champions League und leben ihren Traum vom Königsklassen-Triumph in Budapest.

Spät am Dienstagabend ist dieser Traum immer noch lebendig. Aber das Schicksal hatte zuvor alles versucht, den Münchnern alle Henkelpott-Fantasien auszutreiben. Die Münchner purzelten rasant von Wolke sieben in einen denkwürdigen Horrorfilm. Nach 58 Minuten lagen sie 2:5 hinten. Sie waren mausetot, überfordert, verzweifelt. "Man stand auf dem Platz und dachte: Boah, was ist denn hier los? Weil drei Tore schlechter waren wir auf gar keinen Fall", befand Mittelfeldspieler Joshua Kimmich.

Schema: Paris Saint-Germain - FC Bayern 5:4 (3:2)

Tore: 0:1 Kane (17., Foulelfmeter), 1:1 Kwarazchelia (24.), 2:1 Neves (33.), 2:2 Olise (41.), 3:2 Dembelé (45.+5, Handelfmeter nach Videobeweis), 4:2 Kwarazchelia (56.), 5:2 Dembelé (58.), 5:3 Upamecano (65.), 5:4 Diaz (68.)

Paris: Safonow - Hakimi, Marquinhos, Pacho, Nuno Mendes (84. Hernandez) - Zaire-Emery (64. Ruiz), Vitinha, Joao Neves - Doué (70. Barcola), Dembelé, Kwarazchelia (84. Mayulu). Trainer: Enrique

München: Neuer - Stanisic, Upamecano, Tah, Davies (46. Laimer) - Kimmich, Pavlovic (90.+3 Jackson) - Olise, Musiala (79. Goretzka), Díaz - Kane. - Trainer: Danks

Schiedsrichter: Sandro Schärer (Schweiz)

Gelbe Karten: Marquinhos, Ruiz, Hakimi

Zuschauer: 48.583 (ausverkauft)

Paris St. Germain rannte die Münchner in Grund und Boden. Wann hatte man das schon mal gesehen? Ohne Trainer Vincent Kompany, der wegen seiner Gelbsperre nur auf der Tribüne sitzen durfte, waren die Bayern minutenlang ein führungsloses Schiff in einer Sturmflut. Auf das 2:1 durch Khvicha Kvaratskhelia (24.) und Joao Neves (33.) fanden sie noch eine Antwort. Michael Olise, der derzeit vielleicht beste Fußballer der Welt, lief einfach durch die Pariser Abwehr und hämmerte den Ball unter die Latte (41.).

"Beste Spiel, das ich als Trainer erlebt habe"

Das Spiel hatte längst alle Hemmungen abgelegt, mit denen es sich bis zum Foul an Diaz herumgeplagt hatte. Doch was war das nun? Fußball? Geniales Chaos? Ein Aberwitz? Oder vielleicht einfach nur das Größte, was die Champions League zu bieten hat. Vielleicht sogar jemals? "Es war das beste Spiel, das ich als Trainer erlebt habe", fand PSG-Coach Luis Enrique. Bis zur 58. Minute mag man ihm das bedenkenlos abkaufen.

Ousmane Dembélé traf vor der Pause zum 3:2. Per perfektem Elfmeter. Der Ball war Alphonso Davies an die Hand gesprungen. Das Spiel war im Ausnahmezustand. Was hatten beide Teams auch noch liegenlassen? Dembéle und Desire Doue für die Gastgeber, Jamal Musiala und Josip Stanisic für die Münchner. An einem epischen Abend mit offensiver Wut und schwarzen Löchern in beiden Abwehrreihen schien alles möglich, sogar ein zweistelliges Ergebnis. "Ich habe noch nie eine solche Intensität, ein solches Tempo und ein solches physisches Niveau gesehen. Wir müssen allen gratulieren", sagte Enrique: "Wir haben heute den Sieg verdient, wir haben ein Unentschieden verdient und wir haben die Niederlage verdient. Es war ein fantastisches Spiel."

Es war atemberaubend. Auf allen Ebenen. Kvaratskhelia drischt den Ball ins Tor, 4:2, nach 56 Minuten. Dembélé legt nach, 5:2, nach 58 Minuten. In den Augen der Münchner herrscht Panik. Harry Kane fährt sich mit der Hand durchs Haar, Kimmich schimpft fassungslos vor sich hin. "Wenn du 2:5 hinten bist, dann bist du eigentlich tot. Da sitzt du auf der Tribüne und denkst: oh, oh, oh, wie soll das werden", sagte Bayern-Boss Jan-Christian Dreesen.

Bayern ist doch wirklich alles egal

Aber die Bayern sind in dieser Saison etwas ganz Besonderes. Sie pfeifen auf alles, was sich an Widerständen vor ihnen aufbaut. Gegen den FSV Mainz 05 drehten sie am Wochenende in der Bundesliga ein 0:3 und gewannen noch. Nun ist PSG nicht Mainz, sondern die beste oder zweitbeste Mannschaft in Europa. Je nachdem, wo man den FC Bayern einordnen will. Und an diesem Abend, an dem alles möglich schien, wurde vieles noch möglich. Statt Debakel stand am Ende Versöhnliches. Kimmich tritt einen Freistoß auf Dayot Upamecano, 3:5, nach 65 Minuten. Dann liefert Kane eine der schönsten Vorlagen der gesamten Saison, der magische Diaz trifft brillant, 4:5, nach 68 Minuten. Entsetzen im Prinzenpark, der zehn Minuten zuvor noch vor Eskalation gebebt hatte.

"Alle Fußballfans haben das Spiel sicher genossen", sagte der Pariser Kapitän Marquinhos bei Canal+. "Auf dem Platz war es eine wahre Freude, in diesem Spiel mitzuspielen. Von solchen Spielen träumen wir das ganze Jahr über, schon seit unserer Kindheit."

Mehr ging nicht. Der Fußball verdichtete all seine Geschichten in 15 Minuten. Die Gnadenlosigkeit der Tempo-Monster aus Paris. Die unersättliche Gier der Blaumann-Bayern. Fußball war hier plötzlich wie Tennis. Der Ball flog hin und her. Zwei Giganten suchten den Schlag, der den Gegner fix und fertig macht. Jonathan Tah ließ noch eine Chance für die Bayern liegen, dann hämmerte Senny Mayulu einen Schuss an die Latte. Es war der finale Akt in einem der epischsten Spiele der Champions League. Enthemmt, mitreißend, nie zu fassen, ein Tanz wie in Trance. "Nach 25, 30 Minuten war halt nix mehr mit Kontrolle", analysierte Kimmich. "Es fühlt sich merkwürdig an."

Vor allem für Kompany, den Tribünencoach. Der konnte die ganze Absurdität des Abends ebenfalls nicht fassen: "Wenn du fünf Gegentore bekommst auswärts, dann ist es vorbei im Halbfinale, aber wir schießen ja vier und wir können natürlich noch zwei, drei mehr schießen." Das galt indes auch für Paris.

"Und, hat es dir gefallen?"

Als sich Kompany und Enrique in den Katakomben sahen, fragte der PSG-Coach seinen verhinderten Gegenüber: "Du hast das Spiel von der Tribüne aus verfolgt. Und, hat es dir gefallen?" Der Bayern-Coach antwortete: "Nein!" Und beide lachten. Es sei "richtig schwierig" gewesen da oben unter dem Tribünendach für ihn, gerade beim 2:5. "PSG hat da schon gejubelt. Aber wie meine Mannschaft zurückgekommen ist, das habe ich schon ein bisschen genossen im oberen Stock", erzählte Kompany später bei der Pressekonferenz.

Ob das Rückspiel in der kommenden Woche ebenfalls so eine atemlose Ode an den Fußball wird? Warum nicht? Kompany will am totalen Offensivfußball festhalten. Und er geht fest davon aus, dass auch der Gegner nicht bereit ist, sein Spiel zu verändern: PSG werde "nicht einfach akzeptieren, das anders zu machen". Einen flammenden Appell richtete der Belgier dabei bereits an das Münchner Publikum. Man brauche die gleiche Unterstützung und das "gleiche Feuer" wie beim furiosen 4:3 im Viertelfinale gegen Real Madrid.

Kompany rief die Fans auf, die Allianz Arena beim Rückspiel stimmungsmäßig zu einer uneinnehmbaren Festung zu machen: "Meine einzige Bitte ist: Wenn einer eine Karte gekauft hat und er fühlt sich am Spieltag nicht wohl, dass er zu Hause bleibt. Und seine Karte weitergibt an die fittesten Leute, die diese Wucht der Allianz Arena mit 75.000 Zuschauern mitnehmen können."

Quelle: ntv.de

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