Fußball

HSV verpatzt Hochstätter-Wechsel Wie ein dämlicher Discoflirt!

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Er bleibt.

(Foto: imago/Revierfoto)

Der Hamburger SV verbockt's erneut: Bochums Christian Hochstätter wird nicht neuer Sportdirektor beim hart kriselnden Bundesliga-Urgestein. Was alles schief gelaufen ist und was das nun für die Fans bedeutet. Ein Kommentar aus Fan-Sicht.

Es war die Fußball-Meldung des späten Sonntagabends: Der Sportdirektor des VfL Bochum, Christian Hochstätter, sagt dem Hamburger SV ab und teilt gleichzeitig dem Aufsichtsratsvorsitzenden des VfL, Hans-Peter Villis, mit, dass er nun "weiter alles dafür tun (werde), um mit Bochum erfolgreich zu sein und den nächsten Schritt zu gehen." Die Nachricht kam so überraschend, dass nicht nur Fans mit dem Herzen für den VfL und den HSV, sondern auch Millionen anderer Fußballanhänger seit der Verkündung das Thema in hitzigen Diskussionen im Internet aus allen Perspektiven durchkauen. Denn eins ist klar: Es haben sich in der Bundesliga seit ihrer Gründung im Jahre 1963 viele wahrhaft spektakuläre Transfer-Geschichten zugetragen, aber in dieser besonderen Ausprägung ist der misslungene Wechsel von Christian Hochstätter zum HSV beinahe beispiellos!

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Richtig Fahrt aufgenommen hatte der Fall, als die Medien berichteten, dass nach zahllosen Absagen verschiedener anderer Aspiranten für den Posten des HSV-Sportdirektors der aktuelle Vorstand des VfL, Christian Hochstätter, ganz offiziell bei seinem Aufsichtsrat nachgefragt habe, ob er Verhandlungen mit dem Hamburger SV aufnehmen dürfe. Dies wurde ihm vonseiten des VfL gestattet - und man kann im Nachhinein sagen: Ab diesem Moment war das Kind für alle Beteiligten in den Brunnen gefallen!

Alles nur eine Bagatelle?

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Natürlich versuchen jetzt alle Seiten, das Ganze als "marktübliches" Geschehen zu bagatellisieren, aber das ist es mitnichten. Das wäre es auch dann nicht gewesen, wenn es, wie alle es noch gestern Nachmittag gedacht haben, zu einem Wechsel gekommen wäre. Doch nun ist es für alle Beteiligten eine mittelschwere (VfL, Hochstätter) bis schwere (Beiersdorfer, HSV) Katastrophe. Denn bei aller Professionalität und Abgeklärtheit, die das heutige Fußball-Business wie selbstverständlich voraussetzt, darf man eins nicht vergessen: Fußballfans können noch so häufig sagen, dass sie mittlerweile wissen, dass es sich nur noch um ein Geschäft handelt - am Ende jedoch wird der eigene Verein über Gefühle wahrgenommen. Und die sind vor allem auf Seiten der VfL-Anhänger in der letzten Woche mehr als einmal Achterbahn gefahren.

Um es anders auszudrücken: Es ist gefühlsmäßig in etwa so, als ob man seiner Frau gestattet hätte, mit einem heißen Diskoflirt den eigenen "Marktwert" zu testen und dann mit anschauen musste, wie sie großen Gefallen daran fand. Als sie dem Flirtpartner nach ein paar Tagen doch nicht so viel wert war, wie sie gehofft hatte, kam sie reumütig zurück und verkündete tapfer, sie hätte immer gewusst, wie viel ihr der eigene Mann bedeutet ...

Wie eine gläserne Box

Aber auch der Fan des ehemals so ruhmreichen Hamburger SV ist nicht zu beneiden. Immer wieder sickern sehr frühzeitig Informationen zu Interna durch. Der Klub erscheint mittlerweile fast als gläserne Box. Jeder einzelne Schritt wird in den Medien ausgebreitet und man ist als Außenstehender immer wieder aufs Neue erstaunt, wie hoch die Trefferquote der Presse auch bei noch so absurd erscheinenden Spekulationen ist. Und eigentlich hätte man es nach den letzten Jahren nicht für möglich gehalten, aber nun muss man nüchtern feststellen: So katastrophal unprofessionell wie in diesem aktuellen Fall hat sich der HSV wohl noch nie verhalten.

Dietmar Beiersdorfer

Der HSV...

(Foto: dpa)

Gerade erst hatte Christian Hochstätter seinen Vertrag beim VfL bis ins Jahr 2020 verlängert. Was zum Teufel hat man sich aufseiten des HSV dabei gedacht, als man nicht parallel die Gespräche mit Hochstätter und dem VfL über einen möglichen Wechsel geführt hat? Vor allem in dieser speziellen Situation, in der jeder Schritt öffentlich begleitet wurde - egal von wem die Informationen am Ende auch nach außen getragen worden sein mögen.

An dieser Stelle muss man allerdings auch noch einmal kurz nachfragen, wieso es im Vertrag von Christian Hochstätter keine Ausstiegsklausel gab? Immerhin führt der ehemalige BVB-Manager Michael Meier seit Längerem die Verhandlungen für Hochstätter. Hat es der VfL explizit so ausgehandelt - dann Chapeau. Haben es Meier und Hochstätter schlicht vergessen - was man kaum glauben mag - dann gute Nacht.

Besonders tragisch für den VfL

Doch noch einmal zurück zum HSV. Besonders tragisch ist das Verhalten in Bezug auf den VfL und seine Fans zu sehen. Man kann noch gar nicht ermessen, was die Unprofessionalität der Hamburger (ohne natürlich das Agieren des VfL und von Christian Hochstätter außer Acht zu lassen) für den Klub aus dem Ruhrgebiet bedeutet. Denn seitdem klar schien, dass der Sportdirektor Bochum Richtung Hamburg verlässt, schossen sich die heimischen Medien nicht nur auf Hochstätter ein, sondern attackierten zudem ziemlich unverhohlen den nun für "schutzlos" befundenen Trainer Verbeek.

Man muss dazu wissen, dass das Verhältnis des Niederländers zur Presse nicht das Allerbeste ist - um es euphemistisch auszudrücken. Ohne die schützende Hand von Hochstätter gab es nun mehr oder weniger deutliche Bestrebungen, auch die Amtszeit von Verbeek beim VfL zu verkürzen. Nun schaut man in Bochum sehr genau auf die Medien, wie sie mit der neuen, völlig unerwarteten Situation umgehen. Es erinnert ein wenig an den Blick auf die US-Stars, die gesagt haben, dass sie im Falle des Trump-Wahlsiegs auswandern würden. Auch die stehen nun vor einem Dilemma, um das man sie nicht beneidet.

Kurzum: Am Ende bleibt nach einer Woche des öffentlichen Transfer-Schaulaufens erst einmal ein großer Scherbenhaufen auf beiden Seiten zurück. Inwieweit man den entstandenen Schaden noch kitten kann und wie lange anschließend der neu zusammengesetzte "Haufen" hält, wird nur die Zeit zeigen. Man kann den Fans beider Vereine nur das Beste wünschen. Ihre Gefühle wurden in der letzten Woche so oder so mal wieder mit Füßen getreten. Aber so ist nun einmal das Geschäft. Und das ist es - bei aller Liebe - am Ende eben nur noch-

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Quelle: n-tv.de

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