Collinas Erben

"Collinas Erben" sind begeistert Gräfe macht im Topspiel alle Big Points

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Schiedsrichter Manuel Gräfe hat die Partie zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München laut "Collinas Erben" mit bemerkenswerter Sicherheit geleitet.

(Foto: imago/Revierfoto)

Das Spitzenspiel hat auch einen Spitzenschiedsrichter: Manuel Gräfe bringt die Partie zwischen Dortmund und Bayern mit großer Ruhe und Gelassenheit über die Bühne. Zudem liegt er in allen entscheidenden Szenen richtig, obwohl sie äußerst knifflig sind.

Eine alte Fußballweisheit besagt, dass der beste Schiedsrichter derjenige ist, den man während des Spiels gar nicht richtig wahrnimmt, weil er kaum in Erscheinung tritt. Daran ist viel Wahres, auch wenn es auf dem Feld natürlich zu strittigen Situationen kommen kann. Diese sind vom Unparteiischen nicht zu vermeiden und er kann es dabei beim besten Willen nicht allen recht machen. In jedem Fall wird man sagen können: Wenn nach dem Schlusspfiff kaum jemand über den Referee spricht und selbst der Verlierer nichts zu meckern hat, dürfte der Schiedsrichter viel richtig gemacht haben. So wie Manuel Gräfe im Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München (3:2) am Samstagabend.

Es war bereits das sechste Mal, dass der 45-jährige Berliner diese Begegnung in der Bundesliga oder im DFB-Pokal zu leiten hatte. Bei der Schiedsrichterkommission des DFB wissen sie genau, was sie an ihm haben und welch starke, akzeptierte Persönlichkeit er ist. Gräfe, der seit 14 Jahren in der Bundesliga pfeift, kennt seine Pappenheimer ganz genau. Mit Robert Kovac, dem Co-Trainer des FC Bayern, hat er in der Jugend sogar zusammen bei Rapide Wedding gespielt. Die Markenzeichen des 1,96 Meter großen Sportwissenschaftlers sind seine minimalistische Gestik und seine stoische Ruhe, die das Fußballmagazin "11 Freunde" launig so beschrieben hat: "Spieler meckern, Leute pfeifen, ihm alles latte. Egal was er tut, er wirkt dabei immer, als würde er sich gerade zufrieden an einen Esstisch setzen, auf dem ein großer Topf Eintopf dampft."

In Dortmund kommt Gräfe gut in die Partie, er lässt viel laufen, ignoriert allzu freiwillige Faller und greift nur bei klaren Vergehen ein. Diese Vorgabe nehmen beide Mannschaften an. Als Robert Lewandowski nach elf Minuten im Zweikampf mit Julian Weigl im Dortmunder Strafraum zu Boden geht, ist der Unparteiische perfekt positioniert und lässt zu Recht weiterspielen. In der nächsten Unterbrechung zeigt er dem protestierenden Bayern-Stürmer gestisch an, warum er nicht auf Elfmeter entschieden hat: Der Kontakt war minimal und nicht ursächlich für den Sturz. Auch nach 27 Minuten, die Bayern führen inzwischen mit 1:0, bleibt Gräfes Pfeife berechtigterweise stumm: Dan-Axel Zagadou berührt den Ball im eigenen Strafraum zwar kurz mit dem Arm, doch der ist am Körper angelegt. Zudem ist der Dortmunder Verteidiger unmittelbar zuvor von Lewandowski leicht geschubst worden, was überhaupt erst zum Handspiel geführt hat.

Richtige Entscheidungen in spielrelevanten Szenen

Stark ist zwei Minuten später auch der Einstieg des Referees in die persönlichen Strafen, der besonders wichtig ist, weil von ihm eine Signalwirkung für das gesamte Spiel ausgeht. Julian Weigl räumt nach einem Ballverlust im Mittelfeld rücksichtslos Javi Martínez ab, Gräfe wartet einen Moment und lässt dann den Vorteil laufen, weil sich für die Münchner eine gute Angriffsmöglichkeit ergibt. Die Gelbe Karte gibt es in der folgenden Spielunterbrechung. Der gleiche Ablauf ergibt sich in der 36. Minute, als Manuel Akanji zu spät kommt und Lewandowski von hinten zu Fall bringt, als der Ball schon nicht mehr spielbar ist: Die Bayern erarbeiten sich trotzdem den Vorteil, der Schiedsrichter zögert deshalb die Verwarnung hinaus, bis der Ball aus dem Spiel ist.

Zwei Minuten danach hätte mit Mats Hummels eigentlich auch ein Münchner die Gelbe Karte sehen müssen. Doch als der Ex-Dortmunder kurz vor dem eigenen Strafraum bei seiner Grätsche von hinten das Sprunggelenk von Mario Götze trifft, aber nicht den Ball, belässt es Gräfe bei einem Freistoß. Kurz darauf übersieht er bei einem Luftzweikampf ein Foulspiel von Akanji an Martínez. Es sind zwei der ganz wenigen Fehler des Unparteiischen an diesem Abend. Dafür liegen Manuel Gräfe und seine Assistenten nach der Pause in allen spielrelevanten Situationen mit ihren Entscheidungen richtig - und das, obwohl diese allesamt nicht leicht zu treffen sind.

So wie beispielsweise kurz nach dem Wiederanpfiff, als der Münchner Torhüter Manuel Neuer bei einem Zuspiel in den Strafraum auf Marco Reus einen Moment lang mit dem Hinauslaufen zögert, dadurch den Ball, den Reus an ihm vorbeispitzelt, im Fallen mit den Händen knapp verfehlt und den Dortmunder Kapitän schließlich zu Fall bringt. Gräfe erkennt richtigerweise ohne jedes Zögern auf Elfmeter, Reus nutzt die Chance zum Ausgleichstreffer. Auch dass Neuer keine Karte sieht, ist korrekt: Eine "Notbremse" liegt nicht vor, sondern lediglich die Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs. Diese wird seit der vergangenen Saison nicht mehr mit einer Verwarnung bestraft, wenn sie im Strafraum geschieht und der Ball dabei gespielt werden konnte und sollte.

Bis zum Schlusspfiff werden Gräfe und sein Team dann immer wieder mit dem Thema Abseits zu tun haben, vor allem bei den drei Toren, die noch fallen. Jedes Mal liegen die Unparteiischen richtig: Als die Gäste erneut durch Lewandowski in Führung gehen, befindet sich Vorlagengeber Kimmich beim Zuspiel von Serge Gnabry nicht im Abseits, obwohl nur der Dortmunder Torwart Marwin Hitz der Torlinie näher ist als er. Doch Zagadou, der beim vorangegangenen Zweikampf mit Thomas Müller hinter diese Linie geraten ist, wird als Verteidiger in dieser Situation laut den Regeln gewertet, als stünde er auf der Torlinie. Damit ist der Treffer regulär.

Souverän und auf Augenhöhe mit den Stars

Auch beim Dortmunder Ausgleich geht alles mit rechten Dingen zu. Zwar ist Paco Alcácer bei Reus' erfolgreichem Torschuss im Abseits, doch greift er weder ins Spiel ein noch behindert er die Sicht von Manuel Neuer auf den Ball. Ebenfalls korrekt verhält sich der Schiedsrichter-Assistent vor dem Siegtreffer des BVB, als er beim Zuspiel von Axel Witsel auf Alcácer, der mutterseelenallein auf Manuel Neuer zulaufen kann und den Ball schließlich in dessen Gehäuse unterbringt, die Fahne unten lässt. Die Zeitlupe zeigt, dass der Torschütze ganz knapp nicht im Abseits war.

Zwei weiteren Toren nach einer Stunde und in der fünften Minute der Nachspielzeit, beide wiederum durch Robert Lewandowski erzielt, wird wegen Abseits die Anerkennung versagt. Auch hier machen die Referees alles richtig. Gleich sechsmal in der zweiten Hälfte sind sie also gefordert gewesen, ein mögliches Abseits im Zusammenhang mit einer Torerzielung oder ein potenziell elfmeterwürdiges Strafraumvergehen zu beurteilen, sechsmal hat die Entscheidung gestimmt. Gewiss: In allen diesen Fällen hätte der Video-Assistent bei einem Fehler korrigierend eingreifen können. Aber er musste es gar nicht, weil Manuel Gräfe und seine Helfer an den Seitenlinien die "Big Points" mit bemerkenswerter Sicherheit auch ohne seine Unterstützung machten.

Das Gespann ist exzellent aufeinander abgestimmt gewesen und hat ein intensives Spiel mit zahlreichen Herausforderungen vorzüglich gemeistert. Manuel Gräfe hat eine Linie vorgegeben, die perfekt zum Charakter des Spiels und zu beiden Teams gepasst hat, und damit zur Attraktivität der Partie beigetragen. Er hat mit großer Gelassenheit amtiert und in jeder Sekunde der Begegnung absolute Souveränität ausgestrahlt. Das ist ihm auch deshalb so gut gelungen, weil er sich nicht nur wegen seiner Körpergröße auf Augenhöhe mit den Superstars befindet. Bei so jemandem akzeptieren diese auch mal eine fragwürdige oder falsche Entscheidung ohne größeres Lamento. Das Spitzenspiel, das seinen Namen in jeder Minute verdiente, hatte auch einen Spitzenschiedsrichter.

Quelle: n-tv.de

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