Normale Fußballer würden sich in der 61. Minute die Beine brechen. Oder vielleicht stolpern. Oder gar nicht erst auf diese Idee kommen. Aber Florian Wirtz ist nun mal kein normaler Spieler, das war in den vergangenen 15 Monaten etwas in Vergessenheit geraten. In München erinnert er die Öffentlichkeit gleich mehrfach, warum ihm eigentlich das Prädikat "Ausnahmefußballer" umhängt.
Es läuft die zweite Hälfte. Wirtz hatte als dienstältester DFB-Spieler die Kapitänsbinde des ausgewechselten Serge Gnabry geerbt. Er befindet sich an der Strafraumkante. Der Ball kommt von der linken Seite genau auf seinen rechten Fuß. Wirtz spürt seinen serbischen Gegenspieler im Rücken - und macht mit einer Bewegung etwas, was nicht viele können. Mit der Annahme schiebt er den Ball unter seinem Körper hinter sich und seinen Gegenspieler, der dabei natürlich nicht hinterherkommt. Der Weg zum Tor ist plötzlich frei, der 23-Jährige zieht ab. Es steht 2:0.
Der (fürs Erste) geplatzte Knoten von Wirtz, der erste Sieg im dritten Anlauf: Der 2:0 (1:0)-Erfolg des DFB-Teams über Serbien ist exakt das, was Jürgen Klopp und seine Mannschaft gebraucht haben. Zum genau richtigen Moment. Das weiß auch der neue Bundestrainer. Nach Abpfiff läuft er die Ehrenrunde mit seiner Mannschaft, winkt, klatscht, herzt jeden einzelnen seiner Spieler, lässt sie manchmal gar nicht erst los. Als er im ZDF den Treffer zur 1:0-Führung erstmals aus einer anderen Perspektive sieht, wirkt er fast selbst überrascht. "Die ganze Positionierung war unglaublich."
Gleich drei Vorteile
Wenige Tage zuvor sah das noch anders aus: Das zähe 0:1 gegen Griechenland am vergangenen Sonntag hatte Zweifel gesät, an ihm, an seinem Projekt. Unter der Woche regten sich schon die ersten Debatten, weil Fußballdeutschland gerade nun einmal sehr nervös ist. Ist das DFB-Team jetzt endgültig in der Mittelklasse angekommen? Wo sind die Unterschiedsspieler? Und wie viel Zeit braucht Klopp denn jetzt eigentlich? Geht das alles nicht schneller?
Es ist der geheime Trick seines 44er-Doppelkaders, dass diese ganzen Themen an Klopp derzeit noch abprallen. Nach den ersten beiden Spielen gegen die Niederlande und eben Griechenland drückte der Bundestrainer wie geplant den Resetknopf und startete die zweite Phase seines großangelegten Feldversuchs. In den letzten beiden Spielen der XXL-Länderspielpause bekommt "Kader II" seine Chance, der nur wenig mit dem ersten Aufgebot zu tun hat - und damit nicht dessen Probleme mit sich herumschleppt.
"Kader II" hat zudem drei Vorteile, die den Vergleich mit "Kader I" fast schon unfair machen. Er spielte mit Serbien gegen den fußballerisch schwächsten Gegner der Gruppe. Er hatte einen Tag mehr zur Vorbereitung - und damit mehr Zeit fürs Training. Und er konnte aus den Fehlern seines Vorgängers lernen. Aus dem Griechenlandspiel gab es ja reichlich Videomaterial, das noch Raum für Verbesserungen zeigte.
Und so wurde von Beginn an deutlich, dass dieser Abend hier in München anders ablaufen würde als noch wenige Tage zuvor in Augsburg. Dafür hatte die Stadt auch einen ziemlich chaotischen Tag auf sich genommen. Die Verwaltung war eher mittel-begeistert, zusätzlich zum Oktoberfest nun auch noch ein Länderspiel ausrichten zu müssen. Die Entscheidung fiel schon vor Monaten, jetzt war es zu spät, daran etwas zu ändern.
Die Folge: Am Hauptbahnhof gab es am frühen Nachmittag schon praktisch nur zwei Outfits: entweder Lederhose und Dirndl oder ein DFB-Trikot. Manchmal wurde beides auch kombiniert. Auf dem Weg zum Stadion merkte man manchen torkelnden Fans an, dass sie ihren Tag auf der Wiesn begonnen hatten und planten, ihn in der Allianz Arena zu beenden.
Kapitän Wirtz belohnt sich, Gnabry vergibt Riesen-Chance
Ein neues Zentrum
Aber sie wurden belohnt: Das nicht ganz ausverkaufte Stadion sah eine DFB-Elf, die ihre Gegenspieler vom Anstoß weg jagte. Es sind die ersten zarten Zeichen des Klopp-Fußballs. Anfangs versuchten die Serben noch, ihre Abstöße nicht einfach nach vorne zu dreschen, sondern sich aus der eigenen Hälfte herauszukombinieren. Doch das wurde wegen des kloppschen Gegenpressings im weiteren Spielverlauf so wackelig wie ein Wiesn-Besucher nach der vierten Maß Bier.
Dem Mann an der Seitenlinie gefiel, was er da sah. Wie begeistert Klopp ist, ließ sich schon in der 29. Minute erahnen. Da drohte vielleicht die einzige gefährliche Situation der Serben in der ersten Hälfte. Es ist ein Konter, aber Gnabry eilt an der Seitenlinie zurück, holt tief in der eigenen Hälfte grätschend den Ball, verhindert, dass der Konter möglicherweise noch gefährlicher wird. Und Klopp? Der jubelt wie bei einem Tor. Er ballt die Faust, schwingt sie nach oben.
Es ließen sich viele solcher kleinen Szenen aufzählen. Trotz einiger Überraschungen (Freiburgs Derry Scherhant in der Startelf) zeigte sich die neu formierte DFB-Elf um einiges griffiger als ihre Vorgängerin. Nicht, dass alles perfekt lief: Manchmal passte die Zuteilung nicht, manchmal rollten Bälle ins Leere. Aber wie bereits gegen die Niederlande ließ sich zumindest schon mal erkennen, wo der vielbeschworene Prozess irgendwann mal landen könnte.
Das lag auch am neuen bayerischen Mittelfeldzentrum aus Tom Bischof und Aleksandar Pavlović. Letzterer dirigierte mit Gestik und seinen fast 150 Ballaktionen das Spiel, Bischof übernahm derweil den Teil des unermüdlichen Arbeiters - und sorgte dafür, dass die Arena in der 39. Minute das erste Mal völlig losgelöst abhob. Der U21-Kapitän staubte zum 1:0 ab, nach unfassbar filigraner Vorarbeit von Wirtz, der sich auf engstem Raum durch den serbischen Strafraum tänzelte.
Während das Mittelfeldzentrum in den ersten beiden Partien noch ein Problem war, funktionierte es nun beeindruckend gut. Klar, anderer Gegner, aber: Felix Nmecha und Joshua Kimmich hatten nach vorne und nach hinten ihre Probleme. Nmecha ließ Kimmich bei gegnerischen Kontern nahezu immer komplett alleine. Kimmich dagegen nahm sich beim Spielaufbau manchmal doch arg viel Zeit.
Und dann kommt die Kimmich-Debatte
Einem waren solche Debatten an diesem Abend komplett egal: dem Bundestrainer. Sein Zustand des Schockverliebtseins hält auch noch bei der obligatorischen Pressekonferenz an. Seine "Jungs" hätten ohne perfekt zu sein, schon ganz viel richtig gemacht. "Das Gegenpressing ist durch die Decke gegangen, dadurch war es außergewöhnlich gut", schwärmt er dort, wo normalerweise der FC Bayern seine Pressekonferenzen abhält. "Gegen den Ball war es herausragend und mit dem Ball haben wir einfach wundervoll Fußball gespielt."
Und dann holen ihn doch noch die Debatten ein. Er hatte die um Kimmich, der in München auf der Tribüne zuguckte, im Vorfeld ja selbst befeuert. Die schwelt schon seit dem WM-Aus: Warum spielt er beim FC Bayern auf Weltklasse-Niveau, aber beim DFB-Team nicht? Reißt er im Nationalteam die Dinge zu sehr an sich? Zur (schon zuvor geplanten) Abreise des Kapitäns hatte Klopp vor dem Anpfiff gesagt: Er wolle die anderen "Jungs mal sehen, wenn die Platzhirsche nicht da sind". Ist es etwa der Abschied auf Raten von Kimmich?
Genau danach wird Klopp dann auch indirekt zu Beginn der Pressekonferenz gefragt: Wie wichtig ist ein stabiles Zentrum für Wirtz? Klopp holt tief Luft. "Heute ist so ein schöner Abend", beginnt er seine Antwort und erklärt: "Florian Wirtz braucht keinen bestimmten Mitspieler." Klopp kennt die Mechanismen der Branche. Am Ende werde aus dieser Frage eine Kimmich-Geschichte gestrickt, unkt der Bundestrainer, schließlich spielte Pavlovic auf der Position des Kapitäns. "Da kann ich leider nicht mitsingen bei diesem Lied", sagt Klopp.
Auch ohne Platzhirsche kann die DFB-Elf gewinnen, darüber will Klopp lieber reden. Und dann gerät er wieder ins Schwärmen. Von Wirtz, Mika Baur, von Bischof, von Pavlovic, von Philipp Treu und den Fans. "Ich fühle mich überragend", sagt der Bundestrainer. Und während er spricht, schleicht sich jemand in die Kabine. Es ist Kapitän Kimmich, der seinen Kollegen gratuliert.



