Fußball-WM 2018

Sechs Lehren des DFB-Fiaskos Die fetten Fußballjahre sind vorbei

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Sami Khedira steht für das maue Team: zu alt, zu langsam, zu satt?

(Foto: AP)

Sind die deutschen Fußball-Weltmeister zu alt, zu satt, zu langsam? Ganz so einfach ist es nicht. Derzeit aber herrscht "Schland unter". Bundestrainer Löw muss sich was einfallen lassen. Ein Joker trägt die Hoffnung.

1. Die WM beginnt nicht im Achtelfinale

"Eines mache ich jetzt natürlich nicht: Darüber nachzudenken, wer der Gegner im Achtelfinale ist. Warum sollte ich das tun?" Sehr guter Konter, Herr Bundestrainer, der beste an einem irritierenden deutschen Fußballabend. Klar könnte jetzt, da der Gruppensieg nach dem Fiasko Mexicano erstmal nicht mehr in deutscher Hand liegt, zum Start in die K.-o.-Runde gleich Rekord-Weltmeister Brasilien auf Joachim Löws Titelverteidiger warten. Nur: Erstmal muss Deutschland überhaupt diese K.o.-Runde erreichen. Bislang begann eine Weltmeisterschaft für Deutschland strenggenommen immer erst im Viertelfinale, zuletzt scheiterte ein DFB-Team 1938 früher. Aber: Optimismustechnisch herrscht, um es mit einer schönen Schlagzeile der "Süddeutschen Zeitung" zu sagen, im Moment "Schland unter".

Denn genau so, als ob es erst in der K.-o.-Runde richtig losgeht, spielte Deutschland am Sonntag in Moskau in der ersten Halbzeit gegen Mexiko auch, während Löw an der Seitenlinie verzweifelte: null Ordnung, null Absicherung, null Körperspannung. Null WM-Feeling. Löws "Wir werden es schaffen!" wirkte dahingemerkelt, nicht überzeugt und nicht überzeugend. Schweden und Südkorea sind laut Fußball-Elorating zwar leichtere Gegner als Mexiko. Aber auch sie haben gesehen: Dieses Deutschland bei dieser WM ist schlagbar. Denn:

2. Weltmeister bleibt nicht ewig Weltmeister

Oliver Bierhoff wollte hinterher nichts von einer Diskussion um die Etablierten im Team wissen. "Wir dürfen jetzt nicht den Stab über irgendwelche Weltmeister brechen", sagte der Manager der DFB-Elf am späten Sonntagabend im Bauch des Moskauer Luschniki-Stadions auf die Frage, wie das denn alles sein kann. Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira, Toni Kroos, Thomas Müller, Mesut Özil und Julian Draxler - mit acht Weltmeistern als Gerüst in der Startelf hatte es gegen Mexiko nicht gereicht. Sind die Sieger von gestern inzwischen zu alt, zu satt, zu langsam? Sind die fetten Fußballjahre schon vorbei? So einfach ist das nicht. Und doch muss konstatiert werden, dass einige von ihnen den Eindruck erwecken, den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten zu haben. Das gilt ausdrücklich nicht für Manuel Neuer. Der Torwart und Kapitän ist auch mit seinen 32 Jahren nach langer Verletzung sofort wieder voll da, auch gegen Mexiko hielt er, was es zu halten gab. Und Julian Draxler, 2014 in Brasilien nur sporadisch Ergänzungsspieler, ist mit 24 Jahren einer der Jüngeren, der im besten Fall das Beste noch vor sich hat. Insgesamt aber scheint es, dass die Sieger von Rio zwar vier Jahre älter, aber nicht unbedingt vier Jahre besser geworden sind. Gegen Mexiko ließen sie, in unterschiedlichem Maße, Präzision, Tempo und Zweikampfstärke vermissen. Oder ist das die Arroganz einer Mannschaft, die glaubt, jeden Gegner im Vorbeigehen schlagen zu können? Welche Möglichkeiten hat der Bundestrainer?

3. Löw muss jetzt zeigen, was in seinem Kader steckt

Gehen wir die Sache mal konstruktiv an: Was könnten die deutschen Fußballer denn besser machen? Und in welcher Besetzung sollten sie das tun, wenn sie am Samstag (ab 20 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in Sotschi gegen Schweden darum spielen, nicht schon in der Gruppenphase dieser WM auszuscheiden? Löw hatte nach der Auftaktniederlage gesagt, dass es durchaus einen Kampf um die Plätze in der Mannschaft gebe. Den Eindruck hatten Außenstehende allerdings eher weniger, die Startelf gegen Mexiko stand im Grunde seit Wochen fest. Dennoch behauptete auch der junge Joshua Kimmich: "Ich denke schon, dass jeder weiß: Wenn er nicht liefert, sitzt ihm einer im Nacken." Kimmich sagte auch: "Das ist jetzt eine Mentalitätsfrage. Da muss jeder für den anderen da sein, jeder den anderen pushen." Wer also bietet sich an? Vielleicht Ilkay Gündogan für Khedira im defensiven Mittelfeld? Das wäre einen Versuch wert. Eventuell Julian Brandt mal von Anfang an spielen lassen? Könnte klappen. Vielleicht eine Dreierabwehr, die im wiederholten Konterfall zur Fünferkette wird? Klingt plausibel. Dann noch Leroy Sané eine Chance als Flügelflitzer geben? Ach nee, den wollte der Bundestrainer ja nicht mitnehmen. Löw jedenfalls wird sich was einfallen lassen müssen. Ein Kandidat trägt jetzt mehr denn je die Hoffnung:

4. Der "Rolls Reus" muss aus der WM-Garage

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Ausparken, bitte!

(Foto: AP)

Es war leider fast alles schlecht gegen Mexiko, aber halt nur fast. Denn: Neuer spielte im Tor wie Neuer - und Marco Reus ist jetzt tatsächlich weltmeisterlich. In der 60. Minute holte Löw den "Rolls Reus" aus der WM-Garage und dürfte innerlich hocherfreut gewesen sein, wie schnell der Vollgas gab. Der 29-jährige Dortmunder war sofort im Spiel. Tatsächlich, nicht nur gefühlt, weil er den komplett indisponierten Sami Khedira ersetzte. Reus war kaum auf dem Platz, da ging er bereits in die Tiefe und bot sich frei im mexikanischen Strafraum an, die Kollegen Draxler und Kroos übersahen ihn trotz türkisfarbener Schuhe allerdings. Trotzdem: Mit Reus gewann die deutsche Offensive an Tempo, Gefahr, Kombinationssicherheit, mit ihm kam sie zum Abschluss. "Der hat alleine mehr gezeigt als die fünf im Mittelfeld um Julian Draxler und Stürmer Timo Werner zusammen", lobte Uli Borowka in seiner WM-Analyse für n-tv.de. Dass Reus nur als Joker kam, war kein missglückter Löw-Schachzug, sondern laut Reus ein spezieller Plan. Grund sei gewesen, "weil wir davon ausgehen, dass das Turnier sehr lang geht" und er "vor allem in den wichtigen Spielen" gebraucht würde. Heißt: Gegen Schweden muss er in die Startelf. Ist ja jetzt ein Endspiel.

5. Zwei Verteidiger sind keine Abwehrkette

Innenverteidiger Hummels war hinterher richtig sauer. Die Kollegen hätten ihn und Boateng im Stich gelassen. "Ich glaube, es ist einfach heute: Wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt, aber gegen einen besseren Gegner. Wir hatten Dinge angesprochen, wie leichte Ballverluste und Absicherung, die wir nicht umgesetzt haben", sagte er im ZDF. "Wir haben, wie soll man sagen, wir haben es ihnen viel zu leicht gemacht, obwohl wir das hätten nicht zulassen dürfen." Aber damit nicht genug. Mit der Taktik des Bundestrainers war Hummels auch nicht einverstanden. "Wenn sieben oder acht Mann offensiv spielen, ist die defensive Stabilität hinfällig. Das spreche ich oft intern an, das fruchtet aber offenbar nicht. Jérôme und ich stehen oft alleine hinten." Zwei Verteidiger ergeben eben noch keine Abwehrkette. Auch Boateng monierte nach der Pleite gegen Mexiko in der Mixed Zone: "Wir hatten keine Absicherung, die Abstimmung passte nicht. Du kannst nicht in der erste Halbzeit in fünf Konter laufen." Vor allen die mit Khedira und Kroos prominent besetzte Doppelsechs war der Abwehr keine große Hilfe. Und Kimmich, der rechte Außenverteidiger, war halt anweisungsgemäß sehr oft sehr offensiv unterwegs. Kurzum: Mats Hummels hat recht.

6. Reden reicht nicht

Der Bundestrainer hatte ein "Zeichen" gegen Mexiko angekündigt. Boateng hatte erklärt: "Freundschaftsspiele sind etwas anderes als WM-Spiele." Und Kroos war überzeugt: "Wir haben es oft genug bewiesen, dass wir dann da sind." Ohne eine holprige WM-Vorbereitung, diesen Eindruck hatte das DFB-Team nach den österreichisch-saudischen Grotten-Testkicks zu vermitteln versucht, kann es ja gar nichts werden. Khedira ("Ich kann den Rundumblick haben") hatte sich sogar selbst im Sandro-Wagner-Style in die WM-Startelf gelobt. Dort stand er gegen Mexiko dann auch - und war, fand nicht nur Uli Borowka, "ein Totalausfall". Wenn die DFB-Elf gegen Mexiko etwas bewies, dann: Reden reicht nicht. Trotzdem besteht intern erheblicher Redebedarf. Die große Frage angesichts der Abwesenheit Löw'scher Fußball-Basics wie Positionsspiel, tiefe Laufwege, Abschlüsse ist nur: Hört auch jemand zu?

Quelle: n-tv.de

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