Fußball-WM 2018

DFB-Fehlstart im Schnellcheck Fiasko Mexicana

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Bundestrainer Joachim Löw und seine deutsche Nationalmannschaft erlebten ein Fiasko Mexicana.

(Foto: imago/ActionPictures)

Oha! Zum ersten Mal seit 1986 gewinnt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Auftaktspiel bei einer Weltmeisterschaft nicht. Gegen Mexiko stürzt die Elf von Bundestrainer Joachim Löw in die vorhergesagte "Chaos-Falle".

Was ist im Moskauer Luschniki-Stadion passiert?

Tja, ein krachendes "Fiasko Mexicana". Eines mit tüchtig Anlauf über Klagenfurt und Leverkusen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vergeigt den WM-Auftakt 2018. Und das so richtig. Wir würden ja sagen, dass das Spiel gegen Mexiko genauso schlecht war wie der Testkick gegen Saudi-Arabien vor gut einer Woche. Nur halt gegen einen besseren Gegner. Oh, hat Mats Hummels gerade selbst gesagt. Na, dann scheinen wir nicht so falsch zu liegen. Anders als noch im Achtelfinale bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich gelang es Deutschland dieses Mal nicht, einen 0:1-Rückstand gegen "El Tri" zu drehen. Und so gewinnt eine DFB-Elf erstmals seit 1986 nicht ihr erstes WM-Spiel.

Den Spielbericht finden Sie hier. Die Einzelkritik gibt's hier.

Teams & Tore

Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Plattenhardt (79. Gomez) - Kroos, Khedira (60. Reus) - Müller, Özil, Draxler - Werner (86. Brandt); Trainer: Löw.
Mexiko: Ochoa - Salcedo, Ayala, Moreno, Gallardo - Herrera - Layun, Guardado (73. Marquez) - Vela (58. Alvarez), Hernandez, Lozano (66. Raul); Trainer: Osorio.
Tore: 0:1 Lozano (35.)
Schiedsrichter: Faghani (Iran)
Zuschauer: 78.000 im Luschniki-Stadion

Das Fiasko Mexicana im Spielfilm

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Erfolgreicher Stresstest für den Oberschenkel.

(Foto: AP)

1. und 2. Minute: Haste Schnappatmung, brauchste Jérôme Boateng. Der ersilberte Abwehrkoloss gönnt sich und seinem Problem-Oberschenkel kein WM-Warmlaufen und heldengrätscht einen wuchtigen Schuss von Hirving Lozano last second zum Eckball. Der (also der Eckball) stresst im Fünfmeterraum zunächst das Knie von Marvin Plattenhardt und dann die Reflexe von Manuel Neuer.
16. Minute: Wenn die deutsche Mannschaft mit ihren hohen Flanken schon Stoßsturm-Zwerg Timo Werner nicht findet, dann macht's halt ein Mexikaner gefährlich. Der Frankfurter Carlos Salcedo lümmelt eine von Sami Khedira abgefälschte Hereingabe von Joshua Kimmich mit ganz viel Glück hauchzart neben den Pfosten.
36. Minute, TOOOOOOOORRRRRR FÜR MEXIKO, 0:1 Lozano: Khedira in verkehrter Rolle. Statt den Ball zu erobern und Räume zu schließen, verliert er die Kugel und öffnet das Feld. Die Mexikaner rennen los wie auf der Flucht vor der nordamerikanischen Einsiedlerspinne, Hernandez passt perfekt auf Lozano, der den mitgesprinteten Özil als Ersatzrechtsverteidiger auswackelt und Manuel Neuer im kurzen Eck überwindet.
39. Minute: Joshua Kimmich wird kurz vor dem Strafraum gelegt. Toni Kroos legt sich den Ball zurecht und knallt das Spielgerät Richtung rechter oberer Torwinkel - dort sind aber die offenen Hände von Guillermo Ochoa und die Latte.
65. Minute: So, jetzt wird's richtig wild. Boateng flankt von rechts (ungewöhnlich) auf Kimmich im Strafraum (noch ungewöhnlicher) und der versucht (das richtige Wort) sich mit einem Fallrückzieher (unfassbar ungewöhnlich). Das Ergebnis: Knapp drüber, ein zerknirscht guckender Kimmich und ein noch zerknirscht guckender Bundestrainer.
89. Minute: "Aus dem Hintergrund müsste (Julian) Brandt schießen, Brandt schießt ..." aber so was von um einen Millimeter vorbei. Letzte Chance. "Aus, aus, aus, das Spiel ist aus".

Was war gut?

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Superschnell und supergefährlich waren die Mexikaner um den Torschützen Lozano.

(Foto: imago/Schüler)

Als Fan der deutschen Nationalmannschaft sollten Sie diesen Absatz eigentlich besser überspringen. Wenn Sie dagegen wissbegierig sind sowie leiden können und wollen, dann bitte: Denn das Einzige, was wirklich gut war, waren das Pressing und das Umschaltspiel der Mexikaner. Der Bundestrainer hatte ihnen noch vor dem Spiel attestiert, dass sie den Gegner vehement anlaufen und Chaos verursachen wollen. Das war prima analysiert von Löw. Und hat auch prima geklappt bei den Mexikanern. Was wiederum nicht so prima für Löw und seine Crew war. Gerade in den ersten 45 Minuten kamen die Deutschen mit der mexikanischen Anlauf-Wut überhaupt nicht klar. Selbst so erfahrene Weltmeister wie Khedira oder Kroos, der noch vor wenigen Wochen vom kroatischen Fußball-Mozart Luka Modric für seine Gelassenheit und Coolness selbst in Stresssituationen geadelt worden war, stürzten ins Chaos. Mexiko hatte Räume, in denen sich selbst Thomas Müller verirrt hätte.

Was war nicht gut?

Das Umschaltspiel der Deutschen - weder offensiv noch defensiv. Bis zur Einwechslung von Marco Reus (siehe unten) war das Angriffsspiel planlos und uninspiriert. Die kaiserlichen Diagonalbälle von Boateng als Aufbau-Stilmittel waren so schlecht platziert wie Herrenwitze in der feministische Zeitschrift "Emma" und das fast fehlerfreie Passspiel von Mesut Özil so risikofrei wie der Kauf einer Bundesanleihe. Kreative Impulse? Höchstens bei Twitter. Und das Umschalten nach hinten? Nun das Wort A-B-W-E-H-R-A-R-B-E-I-T nach Ballverlusten - davon gab's überraschend reichlich - müssen Hummels und Boateng ihren Mitspielern vielleicht noch einmal erläutern. Wie schon gegen Saudi-Arabien wurden die beiden Bayern-Verteidiger fürchterlich oft in Eins-gegen-eins-Duelle gezwungen - was sie während und nach dem Spiel wort- und gestenreich monierten. Die beiden Außenverteidiger Kimmich und Plattenhardt waren entweder positionsabwesend oder überfordert, das zentrale Mittelfeld nur auf dem Aufstellungsbogen besetzt.

Das emotionale WM-Debüt

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Bester Deutscher: Marco Reus.

(Foto: imago/Schüler)

Fünf deutsche Spieler feierten im Luschniki-Stadion ihr WM-Debüt: Kimmich (erwartet), Werner (erwartet), Plattenhardt (überraschend, weil Jonas Hector als Linksverteidiger ausgefallen war), Brandt und Reus (sehnsüchtig erwartet). In der 60. Minute kam der Dortmunder für Khedira. Und mit ihm ein Ruck ins deutsche Spiel. Endlich gab's Tempo und kreative Ideen. Immer, wenn der 29-Jährige am Ball war, gab's einen Einfall, der Sinn ergab. Sinn ergab auch die Frage: Warum kam Reus nicht früher? Oder gar von Beginn an?

Wie war der Schiedsrichter?

Exzellenter, couragierter Auftritt des 40-jährigen Alireza Faghani ohne falschen Respekt vor großen Namen. So urteilt unser "Collinas Erben"-Experte Alex Feuerherdt. Manche deutsche Spieler schienen auf einen Weltmeisterbonus beim Schiedsrichter zu hoffen, besonders in engen Zweikämpfen, doch den bekamen sie nicht. Nach 14 Minuten beispielsweise ging Toni Kroos nach einem harmlosen Körperkontakt zu Boden und hielt den Ball in der Erwartung eines Freistoßes mit der Hand fest. Den Freistoß gab es dann auch – allerdings für Mexiko, wegen Handspiels. Fünf Minuten später pfiff Faghani einen falschen Einwurf gegen Jérôme Boateng. Doch auch auf der anderen Seite ahndete der iranische Referee überflüssige Mätzchen, etwa das frühe Zeitspiel von Verteidiger Hector Moreno (40. Minute). So verschaffte sich der Unparteiische die nötige Akzeptanz. Angenehm großzügige Zweikampfbeurteilung, konsequent und kommunikativ, gutes Auge für den Vorteil. Auch die Gelben Karten in der Schlussphase für Thomas Müller wegen eines taktischen Fouls und für Mats Hummels wegen einer rücksichtslosen Grätsche waren korrekt. Ebenso ging es in Ordnung, Mario Gomez in der Nachspielzeit keinen Strafstoß zuzusprechen. Lediglich bei den Laufwegen manchmal etwas unorthodox und dadurch bisweilen hinderlich.

Und wie war's im Stadion?

Unser Spielbeobachter Stefan Giannakoulis schreibt: Bienvenido a Mexico! "Ra! Ra! Ra!" Das war der Spieltag in Moskau: viele mexikanische Fans am Roten Platz, viele mexikanische Fans auf dem Platz vor dem Bolschoi-Theater, viele mexikanische Fans in der U-Bahn - und sehr viele mexikanische Fans im Luschniki-Stadion. Frauen und Männer, alle laut und fröhlich. Da konnten die Kollegen aus Deutschland nicht mithalten, so eifrig sie auch ihre schwarz-rot-güldenen Fähnchen schwenkten. Präludischer Höhepunkt: die Hymne. "Mexicanos, al grito de guerra el acero aprestad y el bridón - Mexikaner, beim Ruf zur Schlacht das Schwert und das Zaumzeug bereit." So gingen die Fußballer auf dem Rasen die Partie dann auch an. Und wenn Sie jetzt unbedingt wissen wollen, ob irgendjemand von den deutschen Fans Mesut Özil ausgepfiffen hat, dann können wir Ihnen das nicht so genau sagen. Denn die Anhänger aus Mexiko pfiffen einfach jeden Spieler der DFB-Elf aus, der gerade am Ball war. Und das so laut, dass sie alles andere übertönten - wenn sie nicht geradezu frenetisch einen der zahlreichen Angriffe ihres Teams bejubelten. Jetzt mal unter uns Fußballfreunden: Nicht nur unter akustischen Aspekten war ihnen das Tor von Hirving Lozano zehn Minute vor der Pause mehr als zu gönnen. Natürlich ist die Tribüne nicht explodiert. Aber es hörte sich so an.

Der Tweet zum Spiel

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

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