Fußball-WM 2018

WM-Analyse mit Borowka "Eines der schlimmsten Spiele unter Löw"

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Khedira war gegen Mexiko ein Totalausfall.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

Der WM-Auftakt endet für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im "Fiasko Mexicana". Ohne Esprit und mit einfachsten Mitteln wird die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw zerlegt. Unser n-tv.de-WM-Experte Uli Borowka findet die Gründe für den "katastophalen" und "blutleeren" Auftritt nicht nur auf dem Platz. Der ehemalige Nationalspieler sieht die Fotoaffäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan als noch nicht ausgestanden und fürchtet einen Riss innerhalb der Mannschaft.

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Unser WM-Experte: Uli Borowka.

(Foto: imago/Horst Galuschka)

n-tv.de: Herr Borowka, wie haben Sie eigentlich getippt?
Uli Borowka: 3:0.

Oh.
Ja, ich war wirklich guter Dinge. Aber dann habe ich einen blutleeren Auftritt und eine katastrophale Leistung gesehen.

Was hat Ihnen denn besonders missfallen?
Unsere Spieler waren immer zu langsam. Sie waren schwach im Zweikampf und hatten überhaupt keine Spritzigkeit. Sie konnten auf nichts reagieren. Das hat mich ratlos gemacht. Ich glaube, die Mannschaft ist belastet. Es kann doch nicht sein, das plötzlich alle so schlecht spielen? Für mich war das eines der schlimmsten Spiele der Ära Joachim Löw.

Belastet wovon? Immer noch von der Fotoaffäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan?
Ja, ganz genau. Ich denke, das spielt bei vielen noch eine Rolle. Das ist ein Problem, was immer noch nicht ausgeräumt ist. Die Spieler wirken gehemmt. Es gibt einfach keine klare Statements, nur die, die mir vom DFB vorgegeben scheinen. Normalerweise musst du so etwas schnell und klar klären.

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Die Fotoaffäre um Özil und seinen DFB-Kollegen Gündogan setzt dem Team noch zu, meint der Experte.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Immerhin hat Manuel Neuer vor dem Spiel zugegeben, dass das am Anfang schon belastend für die Mannschaft gewesen sei...
Ich denke, dass ist nur abgemildert. Mein Gefühl sagt mir, dass ein viel größer Riss in der Mannschaft ist. Ich wiederhole mich: Aber ich kann mir nicht erklären, warum sonst alle so schlecht spielen?

Dann kommen wir mal zur Analyse. Was war denn besonders schlecht?
Zum Beispiel Sami Khedira. Der war ein Totalausfall. Der war mal links, mal rechts. Dabei soll der doch eigentlich in der Mitte die Räume zustellen. Aber die Mexikaner haben das auch gut gemacht.

Was genau?
Sie haben einen cleveren Schachzug gegen Toni Kroos gewählt. Sie haben mit Vela einen Spieler abgestellt, der ihn die ganze Zeit beackert hat. Die Mexikaner wussten genau um die Qualität von Kroos, ein Spiel zu lesen und aufzubauen. Khedira kann das dagegen nicht. Den haben sie laufen und machen lassen. Und Özil hat auch nur Dienst nach Vorschrift gemacht.

Uli Borowka

Ulrich "Uli" Borowka ist ein ehemaliger deutscher Fußballprofi und -trainer sowie Autor des Buches "Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker", in dem er seinen Weg aus der Drogensucht beschreibt. In der Bundesliga kickte Borowka für Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen und Hannover 96. Für n-tv.de ist er nun als WM-Experte im Einsatz.

Wer auch kaum etwas gemacht hat, war WM-Debütant Marvin Plattenhardt?
Ja, aber der wurde ignoriert. Es wirkte fast so, als habe die Mannschaft kein Vertrauen in ihn. Die sind nach links gegangen. Haben auf den Ball getreten und haben dann wieder nach rechts gespielt.

Dort sollte ja eigentlich Joshua Kimmich spielen, aber da waren ja oft Lücken...
Kimmich ist sehr viel marschiert. Dann muss aber klar sein, dass sich ein Mitspieler bei den schnellen und immer gleichen Kontern der Mexikaner fallen lässt. Für so etwas gibt es doch eine Ordnung. Und für so etwas wird das Taktische doch besprochen.

Muss Joachim Löw sich etwas vorwerfen lassen?
Er muss sich zumindest mal hinterfragen, wieso und weshalb die Mannschaft keine Einstellung gefunden hat. Und ja, vielleicht muss er sich auch fragen, ob er die richtige Aufstellung gewählt hat.

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Was hat er denn falsch gemacht?
So ein Marco Reus, der sprüht doch vor Spielfreude, der will unbedingt in die Mannschaft. Als er eingewechselt wurde, war er eine positive Erscheinung. Der hat alleine mehr gezeigt als die fünf im Mittelfeld um Julian Draxler und Stürmer Timo Werner zusammen. Aber für seine Bälle gab's keinen Abnehmer. Dabei waren wir da gerade ins Spiel gekommen, auch aber weil die Mexikaner einfach platt waren.

Brauchen wir also doch einen Sandro Wagner?
Nein, wir haben doch Mario Gomez. Aber den musst du dann eben auch parallel bringen. Timo Werner ist kein Kopfballungeheuer. Wenn du auf Flanken setzt, dann muss das eben auch zusammenpassen.

Zusammengepasst hat beim Pressing der Mexikaner auch die Abstimmung zwischen Mittelfeld und Abwehr nicht. Mats Hummels war entsprechend sauer und hat die Mannschaft kritisiert...
Das zeigt für mich einmal mehr, dass die Mannschaft belastet ist.

Und nun? Können Sie den Fans Hoffnung machen, dass es im nächsten Spiel besser wird?
Ja klar. Es kann ja nur besser werden. Wir haben sechs Tage Zeit und wir werden gegen Schweden gewinnen.

Warum?
Weil wir immer gegen Schweden gewinnen (lacht). Sie spielen immer nur in ihrem 4-4-2-System. Das ist für uns leicht auszurechnen. Und ich weiß, dass unsere Jungs mannsgenug sind, die Probleme anzugehen und auszumerzen.

Also müssen wir bei unserem nächsten Telefonat am Samstag nicht über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft reden?
Nein.

Mit Uli Borowka sprach Tobias Nordmann.

Quelle: n-tv.de

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