Schnelle Zeiten, weite Würfe - Freude einerseits, Enttäuschungen andererseits. All das wird bei den Deutschen Meisterschaften der Leichtathleten am Wochenende wohl in den Hintergrund rücken. Der Fall Owen Ansah überschattet die Titelkämpfe in Wattenscheid.
"Ich werde alles dafür tun, um den Sachverhalt aufzuklären", versprach Ansah über seinen "möglichen Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen", weswegen gegen ihn ein Verfahren eröffnet wurde. In der Causa des 100-Meter-Primus hat sich aber bis kurz vor DM-Beginn wenig geklärt. Der Hamburger, seit 2025 schnellster Deutscher der Geschichte, ist im Grenzbereich zwischen Starterlaubnis und Suspendierung gelandet, damit gewissermaßen Schrödingers Sprinter.
In der vergangenen Woche hatten der Deutsche Leichtathletik-Verband, die Nationale Anti Doping Agentur und Ansah den Fall öffentlich gemacht. Ansah, der Anfang Juni seinen Rekord auf 9,98 gedrückt hatte, wird vorgeworfen, eine Dopingkontrolle verweigert zu haben. Er sei Anfang Juli vor der Abreise zum Diamond-League-Wettkampf in Monaco von einem Kontrolleur überrascht worden, der "außerhalb meines Zeitfensters" geklingelt und "um die Abgabe einer Dopingprobe" gebeten habe. "Ich war spät dran und konnte so kurzfristig die Probe nicht abgeben", sagte der Sprinter: "Dies habe ich mit dem Kontrolleur besprochen. (...) Zudem wurden keinerlei Konsequenzen aufgezeigt." Ansah reiste ab, lief am Folgetag in Monaco, wurde dort auch getestet.
Vier Jahre Sperre drohen
Die NADA führte auf Anfrage der "Süddeutschen Zeitung" aus, "dass (...) die Aufklärung des Athleten über die Konsequenzen einer Verweigerung nach den Vorgaben des Anti-Doping-Regelwerks erfolgte(n)." Eine verweigerte Probe wird wie eine positive Probe behandelt. Bedeutet: bis zu vier Jahre Sperre, wie bei der tschechischen Tennisspielerin Marketa Vondrousova. Ansah bleibt nur, "zwingende Gründe" nachzuweisen - Wettkampftermine fallen nicht darunter.
Der Sportrechtler Paul Lambertz sieht Versäumnisse beiderseits. "Teil des Profitums ist auch das Auseinandersetzen mit Regeln. Die Athleten müssen den NADA-Code kennen", sagte Lambertz dem NDR. Aber auch der Kontrolleur hätte sich anders verhalten, Ansah beispielsweise zur Probeentnahme zum Flughafen begleiten können.
Was wird aus EM-Start?
Ansah wurde gemäß der Richtlinien nicht suspendiert, er darf also am Samstagabend im Lohrheidestadion um den 100-Meter-Titel sprinten. Wie es dann aber weitergeht und ob ihn der DLV bedenkenlos bei der EM in Birmingham laufen lassen kann, vor allem in der Staffel? Völlig offen.
Laut Lambertz könne des Verfahren mindestens ein paar Wochen dauern, die Chancen Ansahs stünden aber nicht schlecht, weil "hier nicht der Wille, sich dem Test zu entziehen im Vordergrund stand." Lambertz erläuterte: "Wenn er sich in diesem ganzen Verfahren clever anstellt, denke ich, dass wir sehr wahrscheinlich über eine Reduzierung der Strafe sprechen. Wenn nicht sogar festgestellt wird, dass der sachliche Grund vorliegt." Die DM dürfte weitere Erkenntnisse in Sachen Ansah bringen.


