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Psychologin Bußmann über Olympia "Da kommt: Ich bin eine Kampfsau"

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1984 Bronzemedaillengewinnerin mit der 4x400-Meter-Staffel: Teampsychologin Gabriele Bußmann kennt den Druck bei Olympischen Wettbewerben aus eigener Erfahrung.

Bei den Olympischen Spielen 1984 gewann Gabriele Bußmann mit der 4-mal-400-Meter-Staffel die Bronzemedaille. Sie weiß sehr genau, wie man Spitzenerfolge im Sport erringt. In Rio de Janeiro betreut Bußmann als eine von mehreren Psychologen die Athleten im deutschen Olympiateam, speziell zuständig ist sie für Reiter und Schwimmer. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt die 56-Jährige, warum man ohne Wollen keine Olympia-Medaille gewinnen wird, wieso dem Kopf im internationalen Wettkampf eine immer größere Bedeutung zukommt, wie man Sportler auch indirekt coachen kann – und warum es sehr positiv ist, eine "Kampfsau" zu sein.

Udo Bölts hat Jan Ulrich 1997 bei der Tour de France mit dem legendären "Quäl dich, du Sau" psychologisch beigestanden. Wie oft ist Ihnen der Satz in Rio schon über die Lippen gekommen?

Bußmann:  Bei den Sportlern, die wir betreuen, achten wir immer sehr genau darauf, welche Begriffe sie selbst verwenden und setzen diese zur Unterstützung im Wettkampf ein. Das kann auch ein Begriff wie "Kampfsau" sein.

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"Man muss nicht als Sportpsychologe selbst Sport gemacht haben, das möchte ich klarstellen. Deshalb ist man kein besserer Sportpsychologe", sagt Gabriele Bußmann.

Athleten stellen sich bei Ihnen als "Kampfsau" vor?

Man fragt ja immer: Was sind deine Stärken, wie beschreiben andere dich, Trainer, Freunde. Daraus erstellt man ein Stärkenprofil. Da kommt von den Athleten auch schon mal: Ich bin eine Kampfsau. In der ordentlichen Übersetzung würde es heißen: Ich gebe alles, ich kämpfe bis zum Umfallen. Die meisten Athleten benutzen auch gerne andere Begriffe, wie zum Beispiel Kampfgeist oder Fighter.

Auf welcher Seite findet man diesen Begriff im großen Lehrbuch der modernen Sportpsychologie?

Also, ich würde ihn nicht in ein Lehrbuch schreiben, auch nicht in eine wissenschaftliche Veröffentlichung von mir. Aber wenn Athleten sich so sehen, dann benutzen wir den Begriff. Im Positiven. Es geht einfach um die Grundhaltung. Der erfolgreiche Sportler will nicht den Misserfolg vermeiden, er will den Erfolg erringen. Der guckt nach vorne und kämpft.

Wie wichtig ist es im Spitzensport, eine Kampfsau zu sein?

Ich nehme immer die Formel LKW: Leistung ist Können mal Wollen. Die ist natürlich sehr vereinfacht. Aber die Multiplikation verdeutlicht: Ich kann noch so viel Können haben – es bringt nichts, wenn das Wollen fehlt. Ich kann aber auch weniger Können durch mehr Wollen kompensieren. Eine schöne Formel, finde ich.

Können oder Wollen – womit gewinnt man bei Olympia eher eine Medaille?

Die Kombination ist schön. Aber letztendlich ist auf Topniveau, wo alle können, das Wollen entscheidend – so wie bei unseren Springreitern, die eine Medaille unbedingt wollten. Das war auch eine Teamkampfmedaille.

Das Wollen können Sie als Psychologin konkret beeinflussen. Gibt es Sportarten, in denen eine psychologische Betreuung wichtiger ist als in anderen?

Am Ende haben wir das Phänomen, und das haben wir auch in Rio nochmal gemerkt: Die Leistungsdichte nimmt zu. Wir haben einen internationalen Wissensaustausch, einen internationalen Traineraustausch, der viel größer ist als vor 30 Jahren. Wir haben eine gewachsene Leistungsdichte, immer mehr gleich gute Teams. Da ist dann die Tagesform entscheidend und dazu gehört auch die mentale Fitness. Auf den Punkt genau die Leistung abzurufen wird immer wichtiger. Das kann die Sportpsychologie sehr gut begleiten.

Sie waren selbst erfolgreiche Leichtathletin, haben 1984 in Los Angeles mit der Staffel die Bronzemedaille gewonnen. Wie sehr hilft Ihnen das bei Ihrer Arbeit?

Es ist ja keine Fachkompetenz, aber ich sehe es als ein Stück von dualer Ausbildung. Man kennt das Gefühl. Gestern war ich bei den Radfahrern, durfte mir das anschauen. Und dann weiß ich ganz genau, wie sich das anfühlt. Man muss nicht als Sportpsychologe selbst Sport gemacht haben, das möchte ich klarstellen. Deshalb ist man kein besserer Sportpsychologe. Aber für mich persönlich ist es schon ein kleiner Joker.

Neben den Reitern, die auch in Rio erneut Medaillengaranten waren, haben Sie noch die Schwimmer betreut – die wie in London erneut ohne Medaille geblieben sind. Wie haben Sie diese Situation erlebt?

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Erfolgreiche Arbeit bei den Reitern.

(Foto: imago/Stefan Lafrentz)

Das war schon ein Kontrastprogramm. Bei den Reitern habe ich 13 Jahre Vorarbeit, das hat sich bewährt. Die Schwimmer betreue ich noch nicht so lange. Wir werden unsere Hausaufgaben machen und alles sorgfältig nachbereiten.

Die Schwimmer haben unfreiwillig gezeigt: im Spitzensport entscheiden oft Nuancen. Ist das eine besondere Herausforderung, eh schon Gutes noch besser zu machen?

Wir nennen das auch Optimierungspsychologie. In der klassischen Psychologie arbeiten wir mit Menschen, die eine schwierige Phase verarbeiten müssen. Hier im Spitzensport arbeiten wir mit Menschen, die sich einen Traum erfüllen wollen.

Manche Sportler waren in Rio nach geplatzten Medaillenchancen am Boden zerstört, andere Goldfavoriten wirkten nach Platz sieben total entspannt. Überraschen Sie manche Reaktionen?

Jeder hat seine individuelle Verarbeitungsform. Gesund für den Kopf ist auf jeden Fall eine gute und sorgfältige Nachbereitung – beim Misserfolg, aber genauso auch beim Erfolg.

Bahnradsportlerin Kristina Vogel hat zur Stresssituation bei Olympia gesagt, sie sei irgendwann "Matsche in der Birne" gewesen. Welche besonderen Herausforderungen stellt Olympia psychologisch an Sportler und auch an Sie?

In den meisten Sportarten kann man sagen: Das Becken bleibt gleich lang, das Reit-Viereck bleibt gleich. Aber wir haben größere Stadien, mehr Zuschauer, ein größeres Drumherum, mehr Sicherheitsvorkehrungen. In der Mensa gucken die Sportler staunend: Wer ist denn alles da? Das lenkt natürlich ab. Es gibt auch mehr Druck, weil man den direkten Vergleich mit den anderen Disziplinen und Sportarten hat. Das ist schon besonders.

Wie haben Sie die Athleten darauf vorbereitet?

Wir gehen die Details vorher durch. Wir antizipieren, was bei Olympischen Spielen passieren kann. 2008 bei den Reitwettkämpfen hieß es vorher: Es kommt zu Taifunwarnungen, was Wettkampfverschiebungen bedeuten würde. Das gibt es im Springreiten praktisch nie, also haben wir vorher gefragt: Ist dir so etwas schon mal passiert? Was würdest du dann tun? Einfach um sie vorzubereiten, falls es eintritt. So etwas Ähnliches hatten wir in Rio auch im Rudern, wo zwei Wettkampftage verschoben wurden.

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Bei den enttäuschenden Schwimmern gibt's dagegen noch einiges zu tun.

(Foto: dpa)

In Rio gab es viele Sportlerklagen über den Baustellencharme im Olympischen Dorf und vielen Wettkampfstätten. Das landet dann also auch bei Ihnen?

Wenn das ein Problem ist, würden wir das auch thematisieren. Bei den Reitern und Schwimmern war das aber nicht nötig. Wir hatten für Rio natürlich vorher besprochen dass wir die Standards ein bisschen runterbrechen müssen. Für mich ist auch wichtig, dass man sich nicht stundenlang darüber aufregt. Problem annehmen, Lösung suchen, fertig. Ich nenne das immer unnötige Energieverluste vermeiden. Die Sache ist: Wenn der Reiter sich aufregt, regt das Pferd sich auch auf und dann wissen wir, was rauskommt: schlechtere Leistung.

Vogel hat auf dem Weg zu ihrem Sprintgold Mandalas gemalt, zur Frustbewältigung und zum Abschalten. Haben Sie das auch schon mal verschrieben?

Malen, auch schreiben zum Abschalten, das ist alles eine gute Form von Psychohygiene. Wenn jemand sagt: Das hat mir schon einmal geholfen, würde ich immer drauf zurückgreifen.

Sie sagen, Sie werden auch proaktiv tätig: Hat schon einmal ein Sportler ein Gesprächsangebot abgelehnt?

In der Beziehung bin ich eher vorsichtig. Manchmal sagen Trainer, Gaby, da musst du dich mal kümmern. Das kann ich aber auch indirekt machen, indem ich mit einem Sportler einen Kaffee trinke - ohne dass er dann hinterher sagt, ich habe jetzt eine Beratung bekommen.

Nehmen auch Trainer selbst Ihre Unterstützung in Anspruch?

Auf jeden Fall. Gemeinsam mit meinen Kollegen hier bei Olympia haben wir eine "Rio Safety Box" rund um das Thema Coaching erstellt: Was kann ich tun, damit der Athlet in seinen ILZ, den Idealen Leistungszustand, kommt? Wie gestalte ich eine Teambesprechung? Wie gehe ich mit Druck um? Wie kann ich motivieren?

Abseits dieser Anleitung zur Selbsthilfe: Wie ist Ihre Arbeit in Rio organisiert? Gibt es Sprechzeiten, müssen die Athleten Termine machen?

Ich habe auch Sprechzeiten, natürlich. Aber als Sportpsychologe muss man auf so einem großen Event permanent alle Fühler aufhaben, muss gucken: Wo kann sich irgendwo was anbahnen, wo gehe ich vielleicht mal vorbei und gucke mal? Man braucht schon den Helikopterblickwinkel auf das System, sonst funktioniert es ist nicht.

Es wird immer viel über den Lagerkoller geredet. Gibt es den wirklich?

Es gibt schon so ein paar Lagerkollerphänomene. Wir gehen damit humorvoll und organisieren zum Beispiel Ausflüge oder gemeinsame Abende als sogenannte "Lagerkollervermeidungsmaßnahme".

Das reicht, um negative Schwingungen in einer Mannschaft zu verhindern?

Wir müssen eine positive Haltung natürlich auch vorleben, in gewisser Hinsicht ein Spiegel sein, den Sportlern signalisieren: Wir wissen, dass ihr es könnt. Wir gehen immer sehr selbstbewusst aus dem Zimmer raus. Im eigenen Zimmer spüren wir dann auch schon mal die eigene Ermüdung. Aber auch das Unterstützungsteam unterstützt sich gut.

Wer ist in puncto Lagerkoller schwieriger: Frauen oder Männer?

Im Reitsport haben wir die besondere Situation, dass wir eine der wenigen Sportarten sind, wo Männer und Frauen in der gleichen Disziplin gegeneinander antreten. Ich finde immer, das macht auch ein gutes Klima. (lacht)

Kommt es vor, dass sich Reiter bei Ihnen über ihr Pferd beschweren?

Die Reiter gehen sehr, sehr wohlwollend mit ihren Pferden um. Wir sind hier auf dem höchsten Level. Da überlegen die Reiter eher, was sie falsch gemacht haben. Und das ist auch der richtige Weg.

Eine psychische Ausnahmesituation war der Tod von Kanutrainer Stefan Henze. Kann man so etwas auffangen?

Der DOSB hat einen Krisenstab eingerichtet, so ein Unglück berührt und trifft die gesamte Olympiamannschaft. Wir haben uns als Gesamtteam professionell gekümmert und waren da. Ich hoffe, dass wir das gut gemacht haben.

Mit Gabriele Bußmann sprach Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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