Wirtschaft

Manipulation im Devisenhandel Banken büßen für Chatrooms der Schande

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Über Jahre verschoben Händler in der Londoner City die weltweiten Wechselkurse.

(Foto: REUTERS)

Jahrelang manipulierten Top-Trader von Großbanken systematisch die globalen Wechselkurse. Den Chatrooms, in denen sie den Währungs-Schwindel koordinierten, gaben sie bezeichnende Namen: Die EU rechnet nun mit dem "Klub der Banditen" ab.

Dass Gelegenheit Diebe macht, müssen die Männer, die sich vor fast zehn Jahren in einem Pendlerzug nach London kennenlernten, ziemlich schnell begriffen haben. Sie alle arbeiteten als Devisentrader bei verschiedenen Großbanken in der City. Und bis auf einen Kollegen namens Jimmy lebten sie alle in der Grafschaft Essex im Osten der Finanzmetropole. Was lag da näher, als den gemeinsamen Arbeitsweg zu nutzen, um aus der privaten Bekanntschaft Profit zu ziehen?

Für die Trader und ihre Banken hatte es sich zunächst mächtig gelohnt. Obwohl sie direkte Konkurrenten waren, tauschten sie sich über ihre Bloomberg-Terminals aus: Sie teilten eigentlich geheime Informationen über Kundenaufträge, welche Währungen sie kaufen und verkaufen wollten und koordinierten ihr Timing. So manipulierten sie über Jahre die wichtigsten Wechselkurse der Welt zum eigenen Vorteil - und zockten ihre Kunden ab. "Essex Express 'n the Jimmy" nannte die Truppe ihren Chatroom in Anlehnung an ihre Kennenlern-Geschichte.

Die EU hat die beteiligten Banken - Citigroup, JPMorgan, Barclays, Royal Bank of Scotland (RBS) und Mitsubishi UFJ Financial Group (MUFG) - am Donnerstag zu einer Strafe von 1,07 Milliarden Euro verdonnert. Die Schweizer UBS kam als Kronzeuge in dem Verfahren ohne Geldbuße davon, weil sie die illegalen Absprachen als erste angezeigt hatte - so wie bereits im Verfahren um die Manipulation der Libor-Referenzzinsen.

Die Kartellstrafe der Brüsseler Wettbewerbshüter ist der vorläufige Abschluss einer globalen Jagd der Aufseher auf Devisenhändler, die schon seit 2013 läuft. Es dürfte einer der größten Finanzskandale aller Zeiten sein: Internationale Großbanken manipulierten über Jahre systematisch den billionenschweren Währungsmarkt, von dem Firmen und Privatleute rund um den Globus abhängig sind. Inzwischen hat die Affäre die Geldhäuser schon mehr als 11 Milliarden Dollar Strafe gekostet. Und wie schon in der Vergangenheit sind die Enthüllungen mehr als unrühmlich.

"Two and a half men" bitten zum Chat

Da ist zunächst der schiere Umfang des Betrugs: Die beiden illegalen Kartelle, die die EU nun aufgedeckt hat, liefen zwischen 2007 und 2013 und betrafen insgesamt elf Währungen: Euro, Pfund, Yen, Schweizer Franken, amerikanische, kanadische, neuseeländische und australische Dollar sowie dänische, schwedische und norwegische Krone - die laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich meistgehandelten Devisen der Welt. "Das Verhalten dieser Banken hat die Integrität des Sektors zum Nachteil der EU-Wirtschaft und der Verbraucher untergraben", sagte EU-Wettbewerbskommissarin Magrethe Vestager. "Die Kommission wird kollusives Verhalten in keinem Bereich der Finanzmärkte dulden."

Die Namen der Chatrooms zeigen, dass die Händler offenbar überhaupt keine Skrupel hatten, sich auf Kosten anderer zu bereichern und sich aus ihrer Abzocke auch noch einen Spaß machten. Bei der Namensfindung verballhornten sie bekannte Filme, Serien und Drinks: Die Trader vom "Sussex Express"-Kartell sprachen sich auch noch in einer Chatgruppe namens "Semi-Grumpy Old Men" ab. Und die Händler vom zweiten Kartell, an dem UBS, Barclays, RBS, Citigroup und JPMorgan beteiligt waren, nannten ihr virtuelles Hinterzimmer erst "Three Way Banana Split", dann "Two and a half men" und schließlich "Only Marge".

Die EU-Kommission ist die letzte globale Aufsichtsinstanz, die die Großbanken nun vergleichsweise spät für den Währungsschwindel zur Rechenschaft zieht. Schon 2015 hatte das US-Justizministerium Barclays, Citigroup, JPMorgan, RBS und UBS mit Strafen von insgesamt 5,6 Milliarden Dollar belegt. Und bereits 2014 hatten Citigroup, HSBC, JPMorgan, RBS, Bank of America und UBS rund 4,3 Milliarden Dollar Buße an die Aufseher in den USA, Großbritannien und der Schweiz gezahlt.

Der "Klub der Banditen" zapfte die Goldader an

Die Chatrooms dieser Devisen-Betrüger hatten noch klangvollere Namen: Sie nannten sich "Die Mafia", "Klub der Banditen" oder einfach "Das Kartell". Schon bei den Strafprozessen, die US-Ermittler ab 2017 gegen diese Kartelle führten, wurde öffentlich, wie die Trader nach Gewinnen lechzten und wie diebisch sie sich über ihre illegalen Profite freuten. "Nein, du verarschst micht? Ohhh verdammt, Weihnachten" jubelte ein Händler laut einem Chatprotokoll, das vor Gericht ans Licht kam, über den Betrag, den er dank des Betrugs abkassierte.  

Dass die Trader so abgebrüht vorgingen, lag vielleicht auch am Devisenmarkt selbst. Er ist das wohl größte Casino der Welt: Währungen für mehr als fünf Billionen Dollar täglich werden hier gehandelt, rund um die Uhr, von Sydney bis New York. Eine einheitliche Aufsicht gibt es praktisch nicht, weil der Handel dezentral zwischen Banken an vielen Finanzplätzen läuft. Und nur zehn Geldhäuser kontrollieren laut Euromoney zwei Drittel des Markts. Eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen wollten: Sie mussten sich nur absprechen und zugreifen.

Über die Chatrooms trieben sie die Wechselkurse künstlich in die Höhe und verkauften die Devisen an ihre Kunden danach teurer, als sie sie eingekauft hatten. Und dann strickten sie sich auch noch todsichere Wetten auf die manipulierten Kurse, indem sie das Insiderwissen darüber, wann ihre Kunden handelten, ausnutzten: Sie setzten vorher einfach noch selbst auf steigende Kurse.

Der Betrug funktionierte verlockend einfach: Jeden Tag um 16 Uhr werden beim Londoner "Fixing" die Wechselkurse festgesetzt, zu denen die meisten Kunden ihre Devisen dann bei ihren Banken eintauschen. Ein Dienstleister zeichnet dafür eine Minute lang die Preise auf, zu denen die Geldhäuser gerade Euro, Dollar, Yen und Franken handeln, und berechnet den Durchschnitt. Den verzerrten die Trader mit hohen Scheingeboten. Für die Eingeweihten in den Chatrooms öffnete sich täglich eine Minute lang eine geheime Goldader.

Die Banken geloben nun Besserung: "Wir haben seitdem unsere Kontrollen merklich verbessert", zitiert das Wall Street Journal (WSJ) einen Sprecher von JPMorgan. Man habe "eine Reihe von Maßnahmen unternommen, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert", sagt auch MUFG dem Blatt. Die EU-Kommission gibt sich kämpferisch: Man werde "andere laufende Verfahren bezüglich vergangenem Fehlverhalten auf dem Devisenmarkt weiter verfolgen." Laut "WSJ" läuft noch eine Untersuchung zum Handel von Devisenoptionen. Und im Dezember hat Brüssel eine weitere Ermittlung zum Handel mit Anleihen der Weltbank und anderer supranationaler und staatsnaher Institutionen eingeleitet.

Quelle: n-tv.de