Wirtschaft

Impfpflicht in der Pflege "Da entsteht auch eine Trotzhaltung bei Pflegern"

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Dass gegenüber Pflegern nun auch noch die Moralkeule geschwungen wird, ärgert Silvia Habekost.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Silvia Habekost arbeitet als Krankenpflegerin in Berlin. Für Impfverweigerer hat sie null Verständnis. Doch ihrer Meinung nach sind nicht ungeimpfte Pflegekräfte das Problem in der Branche, sondern ein Versagen der Politik. Die 59-Jährige ist bei Verdi aktiv und Teil der Berliner Krankenhausbewegung. Eine Impfpflicht, wie sie nun auch die Bundesländer fordern, ist in ihren Augen nicht die Lösung.

ntv.de: Wissen Sie, wie viele Ihrer Kollegen geimpft sind?

Silvia Habekost: Wir haben eine hohe Quote. Ich arbeite in der Anästhesie im OP-Bereich, also im Atemwegsbereich, über den das Coronavirus ja übertragen wird. Deshalb ist die Ansteckungsgefahr sehr hoch. Manche haben sich tatsächlich angesteckt, und manche leiden heute unter Long Covid, auch junge Kollegen. Ich habe deshalb überhaupt kein Verständnis, wenn man sich nicht impfen lässt. Auch ein Mitarbeiter in unserem Bereich will nicht, da ist kein Herankommen. Das wird respektiert, aber ich frage immer wieder nach.

Sind Sie wütend, dass sich manche Pflegekräfte nicht impfen lassen wollen?

Ich verstehe es einfach nicht. Denn das Impfen ist der Weg aus der Pandemie, und wir könnten schon raus sein. Gucken Sie zum Beispiel nach Schweden, wo wegen der hohen Impfquote fast wieder ein normales Leben möglich ist. Die Folgen einer Erkrankung sind viel schlimmer als Impfnebenwirkungen! Das betrifft aber alle, nicht nur Pflegekräfte.

Aber ist jemand, der sich nicht impfen lassen möchte, in Ihrem Beruf überhaupt richtig?

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Silva Habekost

Für Pfleger herrscht so eine mangelnde Wertschätzung! Irgendwann haben wir niemanden mehr, der den Job macht. Gerade in den Altenheimen wird so schlecht bezahlt, bei so schlechten Arbeitsbedingungen - und dann kommt auch noch die Moralkeule. Dagegen gibt es wenig Protest, weil wir einfach keine Energie mehr dafür haben. Ich bin sicher, dass sich alle Mühe geben, Heimbewohner zu schützen. Die Politiker sollten mal die alten Herrschaften schützen! Sie wissen nicht erst seit einem Monat, dass die Impfwirkung nachlässt. Doch dafür gab es keinen Plan, sondern Wahlkampf. Zusätzlich wird das Testen von Besuchern auch noch den Mitarbeitern überlassen, dabei müsste es an Eingängen von Krankenhäusern und Heimen Teststationen geben.

Sind Sie also gegen eine Impfpflicht für Pflegekräfte?

Ich habe nichts gegen eine Impfpflicht, die gilt für uns ja schon bei Masern und Hepatitis. Aber ich glaube, es ist nicht die Lösung - wenn überhaupt, sollte eine Impfpflicht für alle gelten. Wer jetzt etwas von uns verlangt, muss uns auch mal zuhören. Unsere Arbeitssituation war schon vor Corona belastend. Das Klatschen können diejenigen sich sonst wo hinstecken. Wir brauchen eine höhere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Ich kann doch nicht in der Pandemie auch noch die Arbeitszeit erhöhen, wie geschehen. Doch statt einer Verbesserung schreien sie nach einer Impfpflicht. Da entsteht auch eine Trotzhaltung: Die Politik hört uns nicht zu! Dabei hätte sie uns auf eine Pandemie vorbereiten können. Stattdessen wurde ein System installiert, in dem nicht der Mensch, sondern nur Profit zählt. Und jetzt sollen sich die Pflegekräfte impfen lassen - für mich ist das ein Widerspruch. Schon spätestens nach der dritten Welle hätte die Politik dafür sorgen können, dass wir die Patienten gut versorgen können. Das hat sie nicht verstanden und deshalb noch mehr Pfleger aus dem Beruf vertrieben.

Das ist ja das Hauptargument gegen eine Impfpflicht, dass dann noch mehr Pflegerinnen und Pfleger hinschmeißen - wie naheliegend ist das?

Pflegekräfte verlassen den Beruf wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, so dass die Patientensicherheit gefährdet ist. Das wurde in der Pandemie nochmal verstärkt.

Welche Gründe haben Kollegen, sich nicht impfen zu lassen?

Ich weiß es nicht. Wir hatten auch Impfdurchbrüche unter den Kollegen, aber eben keine schweren Verläufe mehr. Inzwischen haben auch schon ein paar die Booster-Impfung bekommen, das ist bei uns gut organisiert und während der Arbeitszeit vor Ort möglich. Auch Reinigungskräfte können sich zum Beispiel impfen lassen. Viele Kollegen haben Kinder, bei denen man ja nicht Abstand halten kann - die müssen besonders aufpassen, dass sie das Virus nicht auf Station bringen.

Welche Schutzmaßnahmen gelten bei Ihnen im Haus?

Patienten, die zur Rettungsstelle kommen, bekommen einen Schnelltest und einen PCR-Test. Wenn es ganz dringend ist, warten wir nicht auf das Ergebnis und behandeln diejenigen so, als hätten sie das Coronavirus. Von den Mitarbeitern machen die geimpften einmal pro Woche einen Schnelltest, ungeimpfte vor jeder Schicht. Getestet arbeiten wir auch bei Erkältungssymptomen - wenn wir dann immer zuhause bleiben würden, wäre niemand mehr bei der Arbeit. Wir tragen aber immer FFP2-Masken. Es ärgert mich, wenn sich andere über eine FFP2-Pflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln beschweren, wir halten das den ganzen Tag aus.

Wie viele Patienten kommen ungeimpft, und wie gehen Sie damit um?

Viele in unserem Bereich sind ja gar nicht in der Lage zu sagen, ob sie geimpft sind. Wir lassen es den einzelnen Patienten auch nicht spüren, wenn er krank ist, weil er nicht geimpft ist - wir behandeln alle gleich. Aber es macht mich wütend, Verständnis kann man da nicht erwarten. Denn es müsste nicht sein, die Betroffenen sind auch selbst schuld. Die Zahl der Intensivpatienten steigt so, weil sich viele nicht impfen lassen. Dabei gibt es keinen Grund dafür, sondern Impfen dient dem Schutz der Allgemeinheit. Das gilt nicht nur für Mitarbeiter im Gesundheitsbereich, sondern für alle. Ich lasse mich auch seit Jahren gegen Grippe impfen, nicht wegen mir, sondern wegen der Patienten.

Wie geht es Ihnen zurzeit persönlich?

Persönlich ganz gut. Im Moment können wir noch fast das volle OP-Programm machen, weil wir noch nicht so viele Covid-Patienten haben wie im vergangenen Winter. Damals mussten einige unserer Kollegen auf die Intensivstation wechseln, es kann bald wieder so weit sein. Das führt auch in unserem Bereich zu einer Mehrbelastung. Weil die Intensivkapazitäten knapp waren, mussten wir bei uns im Aufwachraum Patienten mitversorgen, die auch dort übernachtet haben. Deshalb mussten die Kollegen im Bereitschaftsdienst zum Teil durcharbeiten.

Wie sagen Ihre Kollegen dazu?

So richtig freiwillig war die Versetzung auf die Intensivstation nicht, nicht nur wegen der hohen Belastung. Damals gab es ja noch keinen Impfstoff, die Kollegen hatten Angst, sich anzustecken. Sie mussten außerdem mitansehen, wie viele Patienten gestorben sind. Das waren echt harte Monate, die niemand zurück will. Doch bald könnte es wieder so weit sein. Impfen ist der Ausweg! Es muss den Menschen so einfach wie möglich gemacht werden, sie sollten sich überall, wo sie hinkommen, impfen lassen können.

Welche Maßnahmen würden Sie verhängen, wenn Sie entscheiden könnten?

Es hätte nicht so weit kommen dürfen. In Deutschland wird immer alles breit beredet, die sollen doch mal machen, was die Wissenschaft empfiehlt. Österreichs Lockdown für Ungeimpfte ist richtig. Ich hoffe, dass es auch hierzulande weitere Einschränkungen für Ungeimpfte gibt, am besten bundesweit 2G plus. Ich bin allerdings für regionale Unterscheidungen - warum sollten in Schleswig-Holstein die gleichen Einschränkungen gelten? Die Schulen sollten aber bundesweit offen bleiben, die Kinder dürfen nicht noch einmal so leiden. Warum in Firmen nicht die gleichen Regeln galten wie in Schulen, ist mir unverständlich. Die Entscheidungen wurden offensichtlich von Lobbyisten beeinflusst.

Mit Silvia Habekost sprach Christina Lohner

Quelle: ntv.de

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