Panorama

Nur Spanien kann mithalten Schwedens Inzidenz immer noch niedrig

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Schweden ist aktuell ein Corona-Inzidenz-Champion.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Obwohl es seit Oktober keine Corona-Restriktionen in Schweden mehr gibt, hat es zusammen mit Spanien aktuell die niedrigste Inzidenz Europas. Der Chef-Epidemiologe des Landes erwartet nicht unbedingt, dass dies so bleibt, will aber von seiner bisherigen Linie auch nicht abweichen.

In Deutschland liegt die 7-Tage-Inzidenz über 300, in den Niederlanden und in Belgien ist sie rund doppelt so hoch. Tschechien zählt bereits mehr als 700 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, Österreich und die Schweiz um die 900. Auch in Dänemark, das lange als Corona-Vorzeigeland galt, beträgt die Inzidenz bereits fast 400. Frankreich und Portugal stehen mit etwas mehr als 100 Ansteckungen schon besser da, echte Ausnahmen sind aber bisher nur Spanien und Schweden mit weniger als 60 Neuinfektionen, wobei vor allem das skandinavische Land eine Überraschung ist.

Wenig Schwerkranke und Tote

Seit Ende September die Restriktionen beendet wurden, stagnieren in Schweden die Fallzahlen nahezu. Die höchste Inzidenz seit Ende der Frühjahrs-Welle verzeichnete das Land am 15. September mit rund 80 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Die positive Entwicklung spiegelt sich auch in einer sehr entspannten Situation in den Krankenhäusern wider. Der schwedischen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten zufolge kamen seit Oktober nie mehr als sechs neue Patienten auf die Intensivstationen, im November weniger als fünf.

Entsprechend niedrig ist auch die Zahl der Corona-Toten des Landes. In den vergangenen vier Wochen registrierte das Land etwa fünf Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 pro Tag, seit Juni waren es nie mehr als zwölf.

Mit einem 7-Tage-Schnitt von 0,35 Corona-Toten pro eine Million Einwohner hat Schweden derzeit eine sehr niedrige Todesrate. In Spanien beträgt sie 0,48, in Frankreich 0,54, in Portugal 0,79, in Dänemark 0,89. Deutschland zählt aktuell 2,14 Tote pro 1 Million Einwohner und Woche, Österreich sogar 3,65. Dabei steigen die Kurven außer der schwedischen und spanischen deutlich an.

Hohe Impfquoten bei Älteren

Die Gründe für die gute Corona-Lage in Schweden sind nicht ganz klar, es kommen vermutlich mehrere Faktoren zusammen. Die Impfquote alleine kann es jedenfalls nicht sein. Rund 70 Prozent aller Einwohner haben wenigstens die erste Dosis erhalten, womit Schweden gleichauf mit Deutschland liegt. Portugal, Spanien, Dänemark oder Frankreich stehen mit 89, 82, 78 und 76 Prozent wesentlich besser da.

Die wenigen Hospitalisierungen und Todesfälle lassen sich in Schweden allerdings zumindest teilweise auf die Impfungen zurückführen, denn alle Altersgruppen über 60 Jahren haben zu über 90 Prozent bereits zwei Impfdosen erhalten, bei den 70- bis 89-Jährigen rund 93 Prozent. Auch die 50- bis 59-Jährigen sind zu 87 Prozent doppelt geimpft.

Junge Bevölkerung

Außerdem hat Schweden mit einem Altersmedian von 40,5 Jahren eine der jüngsten Bevölkerungen Europas. In Deutschland beträgt das Durchschnittsalter 45,9, nur Italien ist mit einem Median von 47,2 noch älter. Auch Portugal und Spanien liegen mit 45,5 und 44,3 Jahren über dem EU-Schnitt von 43,9.

Die niedrige Inzidenz kann aber nur zum Teil auf die Impfungen und das jüngere Durchschnittsalter zurückzuführen sein, da Schweden hier bei den jüngeren Altersgruppen zwischen 16 und 39 Jahren nur auf Quoten zwischen 58 und 72 Prozent kommt. Die höchsten Inzidenzen teils über 200 zählt die Gesundheitsbehörde bei den 10- bis 15-Jährigen, von denen bisher nur 35 Prozent die erste Dosis erhalten haben.

Hinzu kommt, dass der Schutz vor einer Ansteckung im Laufe der Monate nachlässt und Schweden erst Ende Oktober die Booster-Impfungen auf die über 65-Jährigen ausgedehnt hat. Zuvor blieben die Auffrischungen den über 80-Jährigen vorbehalten.

Geringe Bevölkerungsdichte

Eine Rolle dürften geografische beziehungsweise bevölkerungsgeografische Vorteile Schwedens spielen, die die Virus-Ausbreitung abbremsen. Da sich gerade mal 10,3 Millionen Einwohner auf 447.000 Quadratkilometer verteilen, ist seine Bevölkerungsdichte viel geringer als die Deutschlands, wo sich 83,1 Millionen Menschen auf 358.000 Quadratkilometern drängen.

Stockholm ist mit 1,76 Millionen Einwohnern die größte schwedische Stadt, die zweitgrößte Göteborg hat bereits nur 655.000. In Berlin leben fast 3,7 Millionen Menschen, mit Hamburg, München und Köln gibt es drei weitere deutsche Millionenstädte. Hinzu kommen Ballungsräume wie das Ruhrgebiet, wo 5,1 Millionen auf engem Raum zusammenleben.

Schweden hat nur zwei Landgrenzen zu Finnland und Norwegen, die jeweils nur rund 5,5 Millionen Einwohner haben. Deutschland liegt im Herzen Mitteleuropas und grenzt an neun Länder, unter anderem Frankreich und Polen, wo 67,4 beziehungsweise 38 Millionen Menschen leben.

Modernes Gesundheitssystem und ein Plan

Die Schweden haben außerdem gute Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht, das weit moderner als das deutsche arbeitet. Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung liegt Schweden mit 68 Punkten unter 17 Ländern auf Rang sieben, Spitzenreiter ist Estland mit 81,9 Punkten. Deutschland ist mit 30 Punkten Vorletzter, nur Polens Gesundheitssystem (28,5) ist noch veralteter.

Entscheidend für die niedrige Inzidenz könnte letztendlich ein größeres Vertrauen der Bevölkerung in Entscheidungen der Regierenden sein. Diese wiederum können sich weitgehend darauf verlassen, dass die Menschen auch ohne Zwang Maßnahmen befolgen. So hielt sich ein großer Teil der Schweden freiwillig an Empfehlungen wie beispielsweise, im Homeoffice zu arbeiten. Nur die "großen Brocken" wie Zugangsbeschränkungen wurden von der Regierung vorgeschrieben.

Kommission kritisiert Prinzip Eigenverantwortung

Das gilt allerdings nur für die zweite Hälfte der Pandemie. Zu Beginn agierten die Verantwortlichen in Stockholm und den Regionen chaotisch, was zu sehr vielen Toten vor allem in Pflegeeinrichtungen führte. Die eingesetzte Untersuchungskommission kommt daher in einem Zwischenbericht zu einem harschen Urteil über die schwedische Corona-Politik in den ersten Monaten der Pandemie.

Die Reaktion sei zu schleppend ausgefallen, die anfänglichen Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen seien nicht ausreichend gewesen, um die Ausbreitung des Virus im Land zu stoppen oder auch nur deutlich einzuschränken, heißt es darin unter anderem.

Viele Todesfälle hätten vermieden werden können

Der Ansatz, auf Eigenverantwortung und Freiwilligkeit statt auf einschneidende Maßnahmen zu setzen, sei nicht angemessen gewesen. Die bestehenden Rechtsgrundlagen reichten nicht aus, um auf eine schwere Pandemie oder Epidemie zu reagieren, so die Kommission. Das dezentrale System führe dazu, dass nicht klar sei, wer letztendlich die Verantwortung trage.

Zwar folgte ein neues Pandemiegesetz und die Regierung setzte auch einschränkende Maßnahmen um. Letztendlich bildeten die Basis der Pandemiebekämpfung aber weiter Empfehlungen. Eine Studie der Universität Tübingen bestätigt die Ansicht der Kommission, dass härtere Restriktionen auch in Schweden bei Ausbruch der Pandemie angemessen gewesen wären. Ein Lockdown für neun Wochen hätte 75 Prozent weniger Infektionen und 38 Prozent weniger Tote zur Folge gehabt, sagte Mitautor Gernot Müller dem DLF.

Die schwedische Corona-Politik seit dem Frühjahr dieses Jahres hat die Kommission noch nicht abschließend beurteilt, der Erfolg gibt der Regierung allerdings weitgehend recht. Sie gab der Bevölkerung im Mai ein Ziel, indem sie einen fünfstufigen Plan vorlegte, dessen Umsetzung mit Schritt 1 am 1. Juni begann.

Mit dem vierten Schritt wurden quasi alle restriktiven Maßnahmen beendet, lediglich bei Großveranstaltungen werden noch Auflagen erteilt. Zuletzt soll die Pandemie für beendet erklärt werden, was aber noch lange nicht passieren wird.

Chef-Epidemiologe bereitet sich vor

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Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell.

(Foto: picture alliance / TT NYHETSBYR?N)

Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell rechnet damit, dass die Winterwelle sein Land letztendlich auch treffen wird. Dabei blickt er unter anderem auf die Entwicklung in Dänemark und Deutschland. Der starke Anstieg dort, insbesondere bei den Ungeimpften, sei "sehr besorgniserregend und wir nehmen das wirklich sehr ernst", sagte er der Financial Times.

Außerdem sei es wichtig, zu verstehen, warum auch in Ländern mit hohen Impfquoten die Fallzahlen stark ansteigen, sagte Tegnell laut "The Local" der schwedischen Nachrichtenagentur TT. Es sei zwar schwierig, Länder miteinander zu vergleichen, ein Szenario wie in Dänemark sei aber auch in Schweden vorstellbar. Er hoffe, dass es nicht so schlimm kommen und das Gesundheitssystem nicht so hart getroffen werde, "aber wir müssen darauf vorbereitet sein, dass es so kommen könnte."

Es bleibt bei Empfehlungen

Als Reaktion erwägt er aber keine Vorschriften, sondern lediglich weitere Empfehlungen. Man könne der Bevölkerung beispielsweise wieder raten, im Homeoffice zu arbeiten oder größere Veranstaltungen zu vermeiden, sagte er. Was genau empfohlen werde, hänge von der jeweiligen Situation ab. Konkreter wurde der Chef-Epidemiologe gegenüber TT nicht.

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Von Lockdowns oder ähnlichen Maßnahmen hält Tegnell jedenfalls nach wie vor nichts. Schweden gehöre mit seinem Weg in der Pandemie nicht zu den Besten, "aber definitiv auch nicht zu den Schlechtesten", sagte er der "Financial Times". "Was haben all diese drakonischen Maßnahmen irgendjemandem genützt?"

Man wisse immer noch nicht wirklich, welche Mittel einen Unterschied ausmachten, so Tegnell. Manche wirkten an der einen Stelle, an der anderen aber nicht. Die Behörden müssten in diesem Winter genau beobachten, wo und warum Ausbrüche stattfinden und spezifisch darauf reagieren. Pauschale Schließungen von Restaurants, Bars oder Kultureinrichtungen hält er nicht für zielführend und glaubt auch nicht, dass die Bevölkerung dies akzeptieren würde.

Quelle: ntv.de

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