Wirtschaft

Impfpflicht für Pflegekräfte "Nur etwa Hälfte der Altenpfleger im Osten geimpft"

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Der Vorwurf, wer sich als Pfleger nicht impfen lasse, sei falsch im Beruf, ärgert deren größten Verband.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Die Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen nehmen wieder zu, die Ampel-Parteien erwägen eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Damit müssten sich jede Menge Pfleger doch impfen lassen. Dabei ist die Wut unter den Pflegekräften schon jetzt groß.

In dem Brandenburger Seniorenheim, in dem nach einem Corona-Ausbruch vor kurzem 16 Menschen starben, war nur die Hälfte des Personals geimpft. Was einen Aufschrei in ganz Deutschland auslöste, ist keineswegs eine Ausnahme, wie Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBFK), ntv.de berichtet. Für die ostdeutschen Altenheime werde von einer Impfquote von etwa 50 Prozent der Beschäftigten ausgegangen, also noch weniger als in der Gesamtbevölkerung. Die niedrige Quote habe viel damit zu tun, dass in den Heimen zahlreiche Helfer und Assistenten ohne umfängliche Ausbildung arbeiteten - die sich nicht ausreichend informierten.

"Wie in allen Bevölkerungsgruppen gibt es außerdem Ängste vor der Impfung, die vor allem durch soziale Medien verbreitet werden", berichtet Bienstein. Die Lösung sieht sie allerdings nicht in einer Impfpflicht, wie sie die Ampel-Parteien zurzeit diskutieren, sondern in der direkten Ansprache der Ungeimpften, um aufzuklären, etwa durch Ärzte und geimpfte Kollegen. "Wir müssen diese Menschen einzeln ansprechen." Die Verbandschefin fordert zudem, die Impfung direkt am Arbeitsplatz anzubieten, damit sich Pfleger nicht stundenlang anstellen müssen.

Auf der anderen Seite würden zahlreiche Pflegekräfte in Sachsen ihren Schutz gern durch eine Booster-Impfung auffrischen lassen, erzählt Bienstein. Sie bekämen aber keine, weil keine Dosen zur Verfügung stünden. Gleichzeitig seien die Pfleger völlig überlastet, und nun würden sie auch noch stigmatisiert als diejenigen, die das Virus weitertragen. "Dabei ist es genau umgekehrt", findet die Verbandspräsidentin: Ungeimpfte Patienten trügen Corona auf die Stationen. Dabei müsse die Gesamtbevölkerung durch die Impfung dazu beitragen, dass die Pflegekräfte nicht überlastet werden.

Covid-Patienten leugnen Covid

Deren Belastung durch die Pandemie nimmt Bienstein zufolge immer weiter zu, die Stimmung sei "ganz schlecht". Der Unmut unter Pflegenden wachse in mehrere Richtungen. So steige die Arbeitsbelastung zusätzlich, wenn ungeimpfte Kollegen in andere Bereiche versetzt werden; auch ihnen gegenüber wachse also bei manchen die Wut. Darüber hinaus nehme die Verärgerung zu, dass zunehmend Patienten in die Krankenhäuser kommen, die nicht geimpft sind - und zum Teil sogar auf der Intensivstation noch behaupteten, Covid-19 gebe es gar nicht, erzählt die Verbandschefin. Woran sie stattdessen erkrankt seien, werde ihnen verschwiegen, so die Verschwörungstheorie.

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Christel Bienstein

(Foto: Gudrun Arndt)

In den Krankenhäusern und in Westdeutschland ist die Impfquote unter den Beschäftigten laut Bienstein höher. Für die Krankenpfleger werde sie auf 80 bis 90 Prozent geschätzt. Konkrete Daten zur Impfquote unter Pflegenden und zu ihren Beweggründen gibt es Bienstein zufolge nicht. Diese müssten ihrer Meinung nach aber erst einmal vorliegen, bevor eine Impfpflicht eingeführt wird. "Es ist ein Unding, eine Impfpflicht zu fordern, wenn man nicht über die Daten verfügt", findet die Pflege-Vertreterin. Den Einwand, dass dies weitere Zeit kosten würde, lässt sie nicht gelten: "Auch die Impfung frisst Zeit."

Bienstein befürchtet, dass bei einer Impfpflicht weitere Pfleger dem Beruf den Rücken kehren würden. "Das wäre ganz dramatisch." Allein in Nordrhein-Westfalen hätten wegen der Überlastung durch die Pandemie mehr als 1000 Intensivpfleger ihren Beruf verlassen. In anderen Bundesländern sehe es ähnlich aus. Wegen des Personalmangels müssten 22 Prozent der Intensivstationen täglich Betten schließen.

Vorwurf, falsch im Beruf zu sein, empört

Auch andere Stimmen warnen vor einer Abwanderung von Pflegekräften im Falle einer Impfpflicht. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz etwa, Eugen Brysch, rechnet auf Basis von Zahlen aus Großbritannien bei 1,2 Millionen Altenpflegern in Deutschland mit mindestens 100.000 Beschäftigten, die sich trotz Pflicht nicht impfen lassen würden. Würden sie nicht mehr eingesetzt, könnte bis zu 200.000 Pflegebedürftigen kein Pflegeangebot mehr gemacht werden, so Brysch. Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, warnte im Deutschlandfunk zudem vor einer Verweigerungshaltung, dass sich das Personal etwa verstärkt krankschreiben lassen könnte.

Doch es gibt auch zahlreiche Befürworter einer Impfpflicht für die Pflege, wie etwa die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina oder den Marburger Bund. Auch 71 Prozent der Bevölkerung sind laut "Politbarometer" für eine solche Pflicht. Der Vorwurf, wer sich als Pfleger nicht impfen lasse, sei falsch im Beruf, ärgert Bienstein allerdings sehr. Das Personal leiste seit zwei Jahren "so furchtbar viel", schon seit 20 Jahren herrsche Pflegenotstand.

Die Strukturen des deutschen Gesundheitssystems müssten geändert werden, so die Verbandschefin. Denn eine Pflegekraft im Krankenhaus habe bis zu 13 Patienten pro Schicht zu versorgen, in Norwegen hingegen 4,5. In einem deutschen Altenheim sei ein Pfleger nachts sogar für 52 Bewohner verantwortlich. Dass ausgerechnet diese Menschen nun noch mehr Gutes tun sollten als der Rest der Bevölkerung, empört Bienstein. Es gebe einen Ethikkodex für die Branche, "die Kollegen wissen, dass sie verantwortlich sind".

Quelle: ntv.de, mit dpa

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