Wirtschaft

Trump-Welle erfasst Italien Europa droht der Italexit

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Donald Trump, der Hoffnungsträger Millionen Abgehängter in den USA.

REUTERS

Nach Brexit und Trump-Sieg könnte der Italexit der nächste Schock für Europa werden. Italiens Populisten haben Oberwasser. Gelingt den "Trumpisti" der Sturz von Regierungschef Renzi, ist der Euro-Austritt nicht mehr weit.

Amerikanische und italienische Wähler haben überraschende Gemeinsamkeiten. Auch wenn die Wirtschaften beider Nationen völlig unterschiedlich dastehen, sind die meisten Wähler Globalisierungsgegner. Außerdem sind sie anfällig für Populisten.

Der ehemalige italienische Premier Silvio Berlusconi sprach am Wochenende von der gleichen Anti-Eliten-Stimmung wie in Amerika. Und Beppe Grillo, Gründer der populistischen Fünf-Sterne Bewegung, lobte Trumps Sieg als Triumph gegen die intellektuelle Elite: "Diejenigen, die sich wagen, die Unbeugsamen, die Barbaren, werden die Welt nach vorn bringen, und wir sind die Barbaren", schrieb Grillo. Die italienischen Barbaren auf den Spuren der wütenden weißen Männer der USA, denen der Trump-Triumph zugeschrieben wird?

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Italiens Regierungschef Matteo Renzi kämpft um seine Verfassungsreform.

(Foto: REUTERS)

Am 4. Dezember dürfen die Bürger in Italien über eine Verfassungsreform abstimmen. Das Zwei-Kammern-System in Italien soll verschlankt und damit effektiver werden. Der Senat wird damit praktisch abgeschafft. Wichtig ist das Referendum besonders deshalb, weil Regierungschef Matteo Renzi sein politisches Schicksal an ein "Ja" geknüpft hat.

Die Chancen, dass der Sozialist den Rechtgerichteten - den Trumpisti - unterliegt, sind groß. Das Verfassungsreferendum ist in der Bevölkerung höchst umstritten. Morgan Stanley schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass Renzi gewinnt, auf lediglich 35 Prozent. Selbst im Renzi-Lager nehmen die Nein-Stimmen angeblich zu. Nach der US-Wahl könnte das italienische Referendum zur nächsten Abrechnung mit dem Establishment werden. Scheitert Renzi wird es wohl Neuwahlen geben.

"Nach dem Brexit und Trump ist es nicht mehr an der Zeit, Angst zu haben", feuerte der Chef der ausländerfeindlichen Oppositionspartei Lega Nord, Matteo Salvini, die Wähler kürzlich an. "Sollte es zu Neuwahlen kommen, könnte die Fünf-Sterne-Bewegung des Ex-Komikers Beppe Grillo Umfragen zufolge die stärkste politische Kraft werden. Dank der Bonussitze verfügte sie dann eine absolute Mehrheit im Abgeordnetenhaus und könnte Grillo zum Premierminister wählen", kalkuliert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Folgen dürften Europa in seinen Grundfesten erschüttern.

Die Eurokrise ist zuletzt in Vergessenheit geraten. Nach dem Trump-Sieg und wichtigen Wahlen in Europa werden die Stimmen, die vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion warnen, wieder lauter. Viele Analysten erwarten, dass nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum eine Abstimmung über Italiens Mitgliedschaft im Euro anstehen dürfte. Genau das hat die eurokritische Fünf-Sterne-Bewegung bereits angekündigt.

Die Rache der Abgehängten

Für die Südstaaten ist die Euromitgliedschaft immer mehr zu einem Schrecken ohne Ende geworden. Den Anschluss an Wirtschaftskraft der nördlichen Euroländer zu schaffen, scheint kaum mehr möglich. Jahrelanges Sparen scheint vor allem populistischen Parteien Wähler zuzutreiben. Fällt Renzi bei seinem Stimmungstest durch, könnte das langfristig "der Anfang vom Ende Italiens in der EU und im Euro sein", befürchtet deshalb der Chef für Staatenratings bei der Ratingagentur Fitch, James McCormack.

Namhafte Ökonomen teilen die Sorge: Für Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist längst nur eine kleinere Eurozone, zu der Italien nicht dazugehört, überlebensfähig. Auch Star-Ökonom Hans-Werner Sinn rechnet über kurz oder lang mit einem Euro-Austritt Italiens. Laut Daten des Analysehauses Sentix wird das Risiko eines Italexit von Investoren inzwischen mit 9,9 Prozent und damit höher eingeschätzt als die Gefahr eines Grexit (8,5 Prozent).

In Italien hat sich in den vergangenen Jahren nichts verbessert. Die Wirtschaft, die lange stagnierte, wächst inzwischen zwar minimal. Aber die Industrie produziert immer noch 22 Prozent weniger als vor der Finanzkrise. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei knapp unter 40 Prozent. Die Schulden steigen immer weiter. Gleichzeitig hat sich zuletzt die Kapitalflucht aus Italien markant beschleunigt. Einen derartigen Abfluss liquider Mittel hat es seit 2012 nicht mehr gegeben. Sechs Euro-Staaten könnten nach Einschätzung der EU-Kommission verbindliche europäische Defizitziele verfehlen: Belgien, Finnland, Italien, Litauen, Slowenien und Zypern. Heikel ist vor allem der Fall Italien.

Donalds Dollar als Krisen-Barometer

Denn in keinem anderen Land ist der Euro so unbeliebt, wie in der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone: "Die Hälfte der Italiener will aus dem Euro austreten, das ist der höchste Wert aller europäischer Länder, in denen diese Frage in letzter Zeit gestellt wurde", gab Sinn im Gespräch mit der "Welt" kürzlich zu bedenken. Bis in die neunziger Jahre hinein konnte Italien seine Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung der italienischen Lira sichern. Mit der Einführung des Euro war damit Schluss.   

Euro / US-Dollar
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Great Britain first, America first, und jetzt: Italy first? Die nationalistischen Tendenzen wachsen. Es scheint, als hätten Italiens Populisten nur auf Trump gewartet. Denn der neue US-Präsident und die Euro-Abwertung liefern ihnen neue Argumente für einen Italexit. Plötzlich ist die Parität der Währungen auch wieder ein Thema. Laut den Prognosen der Deutschen Bank steht eine rapide Abwertung bevor. Schon im kommenden Jahr könnte ein Euro weniger wert sein als ein Dollar. Der steigende Dollar wird zum Gradmesser für die Euro-Krise.

Schwacher Euro: Vor- und Nachteile

Die Euro-Abwertung an sich ist für Italien eigentlich ein Vorteil. Wertet der Euro ab, kurbelt er Italiens Exporte an. Ein italienischer Fiat ist so für die Amerikaner billiger. Der schwache Euro macht es den Italienern somit auch leichter, in der Eurozone zu verbleiben.

Aber die Euro-Schwäche hat auch eine Kehrseite: Immer mehr Spekulanten ziehen ihr Geld aus dem Euroraum ab und legen es im Dollarraum an, wenn sie den Eindruck bekommen, der Euro wird zur Weichwährung

Gerade für einen Wackelkandidaten wie Italien ist diese Kapitalflucht kreuzgefährlich. Die Finanzmärkte sind bereits in Alarmbereitschaft. Die Zinsen für zehnjährige italienische Staatsanleihen sind vergangene Woche doppelt so stark gestiegen, wie anderswo in der Eurozone. Das heißt: Wenn sich Italien jetzt Geld am Kapitalmarkt besorgen will, wird es immer teurer. Die Vertrauenskrise ist damit zurück.

Die größten Verlierer des Trump-Triumphs könnten erst Italien und dann die Eurozone werden. Doch Europa kann sich nach dem Brexit keinen weiteren - und vor allem keinen so großen Brandherd - mehr leisten. Der Stiefelstaat ist die drittgrößte Ökonomie der Währungsunion. Ein Italexit würde die Währungsunion ins Mark treffen.

Quelle: n-tv.de

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