Wirtschaft

Angst vor kommenden Wintern Europas Alternativen zu Russlands Gas reichen nicht

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Europas LNG-Terminals sind bei Weitem nicht ausgelastet.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Für die kommenden Wochen und Monate müssen wir uns kaum Sorgen machen, auch wenn Russland seine Gaslieferungen einstellen sollte. Hält der Konflikt aber länger an, eventuell über Jahre, droht Europa eine schwere Krise mit weltweiten Auswirkungen.

Dieser Winter ist nahezu überstanden: Selbst wenn Russland im Falle einer weiteren Eskalation des Konflikts mit dem Westen seine Gaslieferungen nach Europa ganz einstellen sollte, dürften die Europäer die verbleibenden Monate der Heizperiode gut überstehen. Im Vergleich zu den Vorjahren stark erhöhte Flüssiggasimporte und das Ausbleiben größerer Kältewellen haben verhindert, dass Erdgas in Europa trotz verringerter russischer Lieferungen und niedriger Reserven knapp wurde. In den Gasspeichern der EU befinden sich derzeit noch gut 340 Terrawattstunden (TWh) Gas. Das ist weniger als in den Vorjahren zu diesem Zeitpunkt. Aber bleiben Nachfrage und Importe von außerhalb Russlands auf dem Niveau der vergangenen Wochen, reicht diese Menge bis zum Beginn des Sommers aus, auch wenn der Kreml den Gashahn ganz zudrehen sollte.

Doch was ist danach? Damit ist nur eine unmittelbare Kältekatastrophe in Europa abgewendet. Sollte sich dann keine Lösung in der Ukrainekrise finden, der Gasimport aus Russland für längere Zeit ausbleiben, stünden Deutschland und die EU vor einer langen, schweren Energiekrise, die Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft haben könnte. "Durch einen halben Winter zu kommen ohne russische Importe, könnte schwierig sein", heißt es in einer Analyse des Brüsseler Thinktanks Bruegel, "doch die europäische Wirtschaft über Jahre in Gang zu halten ohne russisches Gas wäre eine gigantische Herausforderung."

Die Menge Gas, die zu ersetzen wäre, ist riesig. Circa 1700 TWh lieferte Russland im vergangenen Jahr an Europa. Das sind knapp 40 Prozent des hiesigen Verbrauchs. Die einzig nennenswerten Produzenten innerhalb Europas, Norwegen und die Niederlande, können ihre Förderung nach eigenen Angaben kaum steigern. Dagegen verfügte die EU über erhebliche ungenutzte Importkapazitäten von außerhalb des Kontinents. Platz wäre unter anderem in Pipelines, die algerisches Gas nach Spanien und Italien transportieren und insgesamt im vergangenen Jahr nur zur Hälfte ausgelastet waren. Vor allem aber ist über die Infrastruktur über 1100 TWh Flüssiggas per Schiff zusätzlich zu importieren.

Selbst wenn die EU-Staaten alle verfügbaren zusätzlichen Importkapazitäten voll ausnutzen könnten, würde dies nur theoretisch gerade eben so ausreichen, um einen Ausfall russischer Lieferungen zu ersetzen. Praktisch ist Europas internes Gasnetz nicht dafür ausgelegt, so große Mengen von Flüssiggasterminals etwa in Spanien, Frankreich oder Belgien Richtung Osten zu transportieren.

Im Notfall müssten Industriebetriebe schließen

Die größte Hürde wäre aber wohl, das zusätzliche Gas überhaupt zu beschaffen. Das Volumen des Flüssiggasmarktes beträgt weltweit etwa 5000 TWh jährlich. Die meisten Förderländer produzieren bereits an ihrer Kapazitätsgrenze. Einige große Produzenten haben sich zudem mit langfristigen Lieferverträgen schon an andere Abnehmer gebunden. Das Angebot durch die Erschließung neuer Gasfelder zu erhöhen, würde Jahre in Anspruch nehmen. Sollte die EU versuchen, mehr als 1000 TWh Flüssiggas zusätzlich zu importieren, würde das diesen Markt völlig aus den Angeln heben. Das könnte zu einer Explosion der Energiepreise weltweit mit entsprechenden Folgen für die globale Wirtschaft führen.

Um ohne russisches Gas eine Katastrophe im kommenden Winter zu vermeiden, müssten die EU-Staaten versuchen, den Gasverbrauch deutlich zu senken. Doch das ist teuer und schwierig. So könnten einige Gaskraftwerke auf Öl umgestellt werden. Der Effekt würde aber wohl bei Weitem nicht ausreichen. Maßnahmen zur Energieeinsparung, etwa durch Dämmung alter Gebäude, oder der Ausbau erneuerbarer Energien haben zwar großes Potenzial, dauern aber viele Jahre, selbst wenn die aktuellen Anstrengungen und die Investitionen noch erhöht würden. Unausweichlich würde wohl die Rationierung von Gaslieferungen an Industrieunternehmen oder gar die Einstellung des Betriebs in manchen Fabriken, um zu vermeiden, dass privaten Haushalten das Gas zum Heizen ausgeht. Deutschland hat für den Fall einer akuten Knappheit einen "Notfallplan Gas", in dessen Rahmen der Staat die Verteilung des Energieträges an besonders "geschützte Kunden", Privathaushalte und systemrelevante Betriebe, im Extremfall direkt regeln würde.

Wahrscheinlich müssten die Behörden die Schließung von Unternehmen gar nicht ausdrücklich verordnen. Bereits in den vergangenen Monaten schlossen in Europa erste energieintensive Unternehmen wie Düngemittelfabriken oder Stahl- und Aluminiumhütten, da sich der Betrieb angesichts der gestiegenen Energiekosten nicht mehr lohnte. Bei einem weiteren drastischen Anstieg des Gaspreises dürften viele andere Industriebetriebe folgen.

Die Auswirkungen auf die Wirtschaft wären drastisch. Das könnte Deutschland und Europa wieder in eine Rezession treiben und wäre wirtschaftlich gesehen "dann wirklich der Super-GAU", warnte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Gleichzeitig würden die steigenden Gaspreise die Inflation noch einmal deutlich in die Höhe treiben.

Quelle: ntv.de

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