Wirtschaft

Fair-Trade-Boom in Deutschland "Geiz ist geil" war gestern

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(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als eine Milliarde Euro setzt die Fair-Trade-Branche in Deutschland um. Viele Menschen wollen mit ihrem Einkauf etwas Gutes tun – doch die Realität entspricht nicht immer den hohen Erwartungen.

Das Pfund Kaffee für zwölf Euro, das Päckchen Tee für sechs Euro. Der Contigo Fairtrade Shop in Leipzig ist keine billige Adresse, trotzdem geben die Kunden hier immer mehr Geld aus. Das Erfolgsrezept: Hinter jedem Produkt steckt eine Geschichte, die Kunden können sich online ansehen, wer ihr Tasche oder ihr Portemonnaie genäht hat und wie viel er dafür im Monat durchschnittlich verdient. Ein Viertel des meist recht hohen Verkaufspreises geht direkt an die Hersteller in Entwicklungsländern, zum Beispiel in Indien, Nepal oder Thailand.

Beim Einkaufen etwas Gutes tun – das kommt gut an bei den Deutschen. Während früher vor allem betuchte Weltverbesserer Fair-Trade-Produkte gekauft hätten, stöberten mittlerweile auch Studenten in den Regalen oder tränken Fair-Trade-Kaffee, sagte Geschäftsführerin Anica Deckert n-tv.

Die Branche hat in Deutschland im vergangenen Jahr gut eine Milliarde Euro umgesetzt. Im Schnitt gibt jeder Deutsche 13 Euro pro Jahr für fair gehandelte Produkte aus. Das klingt nicht nach viel - das Umsatzwachstum von 31 Prozent verrät aber, dass die Branche auf dem besten Weg ist, dem Nischen-Dasein zu entwachsen. Auch Discounter wie Aldi und Kaufland haben den Fair-Trade-Trend entdeckt und verkaufen fair gehandelte Bananen, Kaffee oder Schokolade.

Der Trendforscher Sven Gabor Jánszky hat analysiert, warum Fair Trade seit einigen Jahren konstant zweistellige Wachstumszahlen verzeichnet: "Die Zielgruppe hat es schon lange gegeben, sie wurde nur nicht ausreichend mit Produkten bedient. Der Preis spielt bei Fair Trade keine Rolle, denn da geht es nicht um das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern darum, sich und andere davon zu überzeugen, ein fairer Mensch zu sein", sagte er n-tv.

System hat Schwächen

Die Idee von Fair Trade ist einfach: Die Hersteller erhalten für ihre Produkten einen garantierten Preis und sind deshalb nicht von den Preisbewegungen auf dem Weltmarkt abhängig. So soll in Schnitt mehr Geld bei den Produzenten in den armen Ländern hängen bleiben und deren Ausbeutung verhindert werden. Das System hat allerdings seine Schwächen - nicht nur für die Hersteller sondern auch für die Konsumenten: Steigen auf dem Weltmarkt zum Beispiel die Preise für Kaffee, bekommen die Bauern teilweise mehr Geld durch dessen freien Verkauf als durch den preisgebundenen fairen Handel. Da sie für hochwertige Bohnen besonders viel Geld bekommen, verkaufen sie ihre gute Ernte auf dem freien Markt. Für Fair Trade bleibt dann nur noch die minderwertige B-Ware übrig. Bei hohen Weltmarktpreisen bekommen die Konsumenten also ein teures, aber zum Teil minderwertiges Produkt, während die Hersteller durch dessen Verkauf kaum einen Mehrwert haben.

Für den Kunden ist es bei der Vielzahl von Fair-Trade-Labels meist überhaupt nicht nachvollziehbar, wen er beim Kauf von fair gehandelten Produkten eigentlich unterstützt. Einheitlich Regeln für soziale Standards, Löhne und Anbaumethoden gibt es kaum. Außerdem stecken in vielen vermeintlichen Fair-Trade-Produkten nur ein kleiner Teil fairer gehandelter Zutaten. Um ein Produkt mit einem Fair-Trade-Siegel zu versehen, reicht oft schon ein Anteil von 20 Prozent. Aufgrund des Label-Wirrwarrs verzichten manche Fair-Trade-Läden paradoxerweise weitestgehend auf Fair-Trade-Siegel. Stattdessen gehen sie selbst Partnerschaften mit den Herstellern in den Entwicklungsländern ein, um Arbeitsbedingungen und Qualität besser kontrollieren zu können.

Bei aller Kritik, der faire Handel hat auch Erfolge vorzuweisen. Denn um überhaupt ausreichend produzieren zu können, erhalten die Hersteller oft Vorauszahlungen, Schulungen und Förderungen. Außerdem wurden von den Einnahmen in vielen armen Regionen soziale Einrichtungen und Schulen gebaut. Und wenn der Marktpreis für ein Produkt ins Bodenlose stürzt, rettet der stabile Fair-Trade-Preis die Bauern vor dem Ruin.

Quelle: ntv.de

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