Wirtschaft

Pille bald Geschichte? Junge Frauen setzen bei Sex auf Zyklus-Apps

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Der Weltverherhütungstag soll die Bedeutung von geschütztem Sex hervorheben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Millionen Frauen weltweit setzen bis heute auf die Antibabypille. Doch das Image des Präparats hat in den vergangenen Jahren gelitten. Immer mehr wollen hormonfrei leben und keine Gesundheitsrisiken eingehen. Das hat einen ganz neuen Markt entstehen lassen.

Als vor 60 Jahren in den USA die erste Antibabybille auf den Markt kam, hat das Präparat für viele Frauen die Empfängnisverhütung revolutioniert. Spätestens in den 1970er-Jahren wurde die Pille mit der Studentenbewegung und der sexuellen Revolution zu einem Symbol des gesellschaftlichen Wandels. Inzwischen hat sich die Euphorie über die Selbstbestimmung allerdings gelegt. Studien zeigen: Immer mehr Frauen verzichten auf die Pille.

Auch wenn sich die Pillen von damals und heute unterscheiden: Die Debatte über Risiken und Nebenwirkungen verebbt nicht. Die Begeisterung über das Präparat erhielt schon kurz nach der Markteinführung einen Dämpfer. Durch die hohe Östrogendosis sei schon damals nicht nur das Risiko für Thrombosen und Lungenembolien etwas höher gewesen, sagt Christian Albrig, Präsident des Verbandes für Frauenärzte, sondern auch das für Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Wassereinlagerungen oder Zwischenblutungen.

Besonders junge Frauen machen sich immer mehr Gedanken darüber, dass die Antibabypille auch negative Auswirkungen auf Körper und Seele haben kann. In einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2019 erkennt die Behörde einen "Verhaltenswandel": Im Vergleich zur Vorgängerstudie von 2011 nahm die Kondomnutzung zu, während die Pille an Zuspruch verlor, vor allem bei Frauen zwischen 18 und 29 Jahren. Bei ihnen ist der Anteil derjenigen, die die Pille nehmen, innerhalb der vergangenen sieben Jahre um 16 Prozentpunkte gesunken.

Bayer verdient jetzt an Hormonspiralen

Dass immer mehr Frauen auf die Pille verzichten, zeigen aber nicht nur Umfragewerte, sondern auch sinkende Verkaufszahlen. Für den weltweit größten Antibabypillen-Anbieter Bayer hat wohl auch das schlechte Image der Pille unmittelbare wirtschaftliche Konsequenzen: In den vergangenen zehn Jahren ist der Umsatz des Pharmariesen mit den Präparaten Yaz, Yasmin und Yasminelle kontinuierlich gesunken und erreichte 2018 mit 639 Millionen Euro seinen vorläufigen Tiefpunkt, bevor er im vergangenen Jahr wieder etwas auf 681 Millionen Euro anstieg.

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Einen signifikanten Einbruch der Verkaufszahlen der Antibabypille verzeichnet das Unternehmen aus Leverkusen 2013. In diesem Jahr sank der Umsatz nicht nur zum ersten Mal unter die Marke von einer Milliarde Euro, sondern er verzeichnet mit minus 12,5 Prozent auch den größten Einbruch in den vergangenen zehn Jahren.

Während immer weniger Frauen also die Pille nehmen, verdient der Pharmariese inzwischen seit 2014 mehr Geld mit der Hormonspirale Mirena als mit der Antibabypille - und sogar mehr als mit Aspirin. Der Umsatz liegt auf dem Niveau, auf dem die Pille vor zehn Jahren lag: nämlich bei knapp mehr als einer Milliarde Euro. Doch auch die Hormonspirale steht längst im Verdacht, schwere Nebenwirkungen zu haben und Frauen psychisch krankzumachen.

Zyklus-Apps auf dem Vormarsch

Die Skepsis gegenüber jeglicher Art hormoneller Verhütung hat einen ganz neuen Markt entstehen lassen: Inzwischen tracken viele Frauen ihren Zyklus mit speziellen Apps, die durch die Bestimmung des Eisprungs bei der Verhütung helfen sollen. In digitalen Kalendern können Frauen den Beginn ihrer Periode so einigermaßen planen und auch Unregelmäßigkeiten und Beschwerden festhalten.

Damit genaue Vorhersagen getroffen werden können, brauchen Apps wie Lady Cycle, Flo, Ovy oder Maya allerdings sensible Daten. Zykluslänge, Stärke der Periode, Stimmungsschwankungen, wie lange ist der letzte Sex her und wie oft wird Alkohol konsumiert - all das und noch viel mehr sollen Nutzerinnen am besten von sich preisgeben.

Viele Apps fragen zusätzlich überflüssige private Informationen wie etwa den echten Namen oder Angaben zur Gesundheit ab, warnt Stiftung Warentest. Einige würden sogar die Smartphone-Geräteidentifikationsnummer an dritte Unternehmen wie Facebook übermitteln, die dann gezielt Werbung schalten können. Denn aus den sensiblen Daten lässt sich viel ableiten: Krankheiten, ein unerfüllter Kinderwunsch oder eine mögliche Schwangerschaft etwa.

Unabhängig von den Sicherheitsrisiken hält auch Frauenarzt Albring Zyklus-Apps für wenig sinnvoll: Insgesamt sehe er zwar ein großes Interesse an natürlicher Verhütung. "Aber in der Praxis ist das nur für ganz wenige Paare ein sinnvoller Weg, meist wenn schon ein bisschen ein Kinderwunsch besteht und es nicht schlimm ist, wenn dann doch eine Schwangerschaft eintritt." Ähnlich sieht das auch Stiftung Warentest. Die meisten der 23 getesteten Anbieter fallen durch, denn sie bestimmen weder die fruchtbaren Tage noch die Regelblutung zuverlässig. Die Berechnungen erfolgen laut Stiftung Warentest nur mathematisch und liefern somit nichts weiter als reine Durchschnittswerte. Verlassen sollte man sich darauf besser nicht.

Quelle: ntv.de, mit dpa