Wirtschaft

Wie lange sprudeln die Gewinne? Krypto-Goldgrube geht an die Börse

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Krypto-Investor William Quigley fürchtet, Coinbase könne das gleiche Schicksal drohen wie einst dem Internetpionier AOL.

(Foto: STRF/STAR MAX/IPx)

Fast 1,8 Milliarden Dollar kassierte die Kryptobörse allein im vergangenen Quartal von ihren Nutzern. Angesichts des aktuellen Booms bei Bitcoin & Co. scheinen den Anlegern die exorbitanten Gebühren egal zu sein. Doch die Konkurrenz schläft nicht.

Die Erwartung an Coinbase ist riesig: Mit der größten Handelsplattform für Bitcoin und andere digitale Kunstwährungen könnte das Unternehmen nach seinem Börsengang eine größere Marktkapitalisierung erreichen als alle traditionellen Börsenbetreiber der Welt. Die schnell wachsende Konkurrenz in der Kryptowährungsbranche könnte den Ruhm allerdings auch schnell wieder verblassen lassen. Am Mittwoch wird sich zeigen, ob es wie von Investoren erwartet zu einem Blockbuster-Start der neuen Aktie kommt.

Auf Basis der Preise, die Coinbase-Aktien im privaten Handel zu Beginn des Jahres erzielten, kommt das Unternehmen nach Informationen aus dem Börsenprospekt bei vollständig verwässerter Basis auf einen Marktwert von 91,5 Milliarden US-Dollar. Und diese Bewertung wurde noch vor Veröffentlichung der durchschlagenden Zahlen für das erste Quartal erreicht, in dem Coinbase von der enormen Bitcoin-Preisrallye profitierte.

13 Millionen neue Nutzer konnte Coinbase von Januar bis März gewinnen. Bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar dürfte sich der Gewinn zwischen 730 und 800 Millionen Dollar bewegen. Selbst am unteren Ende dieser Spanne wäre das mehr als das Doppelte des Überschusses, der im gesamten Jahr 2020 erzielt wurde.

Nun rätseln Investoren, ob das Ergebnis nur singulärer Natur ist oder Vorbote dessen, was noch kommt. Coinbase wird annähernd mit dem 90-fachen des nachlaufenden Zwölf-Monats-Gewinns bewertet, basierend auf dem unteren Ende der Schätzung für das erste Quartal. Im Vergleich dazu kommt die Intercontinental Exchange Inc. als Eigentümerin der ehrwürdigen New Yorker Börse an der Wall Street auf einen Multiplikator von etwa 31, während die Nasdaq Inc. mit dem 27-fachen der nachlaufenden 12-Monats-Gewinne gehandelt wird.

Noch sprudeln die Gebühren...

Coinbase verdient an den Gebühren, die Nutzern für den Kauf oder Verkauf von Kryptowährungen in Rechnung gestellt werden. Obwohl Coinbase nicht direkt auf den Bitcoin wettet, könnte der Aktienkurs des Unternehmens leiden, wenn der Bitcoin abstürzt und mit ihm das Handelsvolumen. Ein Bitcoin wurde zuletzt bei 60.000 Dollar gehandelt, im Vergleich zu etwa 7000 Dollar vor einem Jahr. In dieser Preissteigerung zeigt sich auch das wachsende Interesse, das Hedge-Fonds und andere institutionelle Investoren den Kryptowährungen inzwischen entgegenbringen.

Aber die Geschichte des Bitcoins ist auch eine Abfolge extremer Preisschwankungen. Ende 2017 zum Beispiel näherte sich Bitcoin der Marke von 20.000 Dollar. Einen Monat später war er auf etwa die Hälfte dieses Preises abgestürzt.

Einige Investoren, aber auch Führungskräfte aus der Krypto-Industrie weisen auf eine weitere große Schwachstelle von Coinbase hin: Weil der Börsenbetreiber so abhängig von Transaktionsgebühren ist, dürfte ihn die zu erwartende wachsende Konkurrenz mit billigeren Angeboten durchaus treffen.

Im vergangenen Jahr stammten 96 Prozent der Nettoeinnahmen von Coinbase aus Transaktionsgebühren. Die Plattform ruft im Vergleich zu anderen Krypto-Börsen saftige Preise auf. Ein Kleinanleger, der für 100 US-Dollar Bitcoin zum aktuellen Marktpreis kaufen möchte, muss bei Coinbase etwa 3,49 Dollar zahlen und beim Einsatz mancher Debitkarten möglicherweise noch mehr. Beim Konkurrenten Kraken würden für diesen Vorgang 1,50 Dollar fällig, bei Bitstamp sogar nur 50 Cent.

Angesichts der Hoffnung, mit dem kometenhaften Aufstieg von Bitcoin ein Vermögen machen zu können, mögen solche Gebühren derzeit unbedeutend erscheinen. "Kleinanleger zahlen viel mehr, als sie müssten", sagt jedoch Scott Knudsen, Geschäftsführer von Cove Markets, einem Startup, das Software für Krypto-Händler anbietet. "Aber die Frage ist, ob es sie wirklich interessiert."

Wettbewerber rechnen mit sinkenden Gebühren

Die Wettbewerber von Coinbase wetten allerdings darauf, dass Krypto-Investoren mit der Zeit gebührenbewusster werden. Sie weisen auf die mit dem zunehmenden Wettbewerb gesunkenen Gebühren in anderen Finanzmärkten und auch auf regulatorische Kontrollen der Gebühren von Anlagevermittlern hin. Bei Aktien zum Beispiel sanken die Provisionen, die Makler wie Charles Schwab erheben, von mehr als 40 Dollar pro Transaktion in den 1980er Jahren auf heute Null.

"Je mehr Menschen auf die Gebühren achten, die sie zahlen müssen, desto mehr Druck kommt auf diese Margen, und schließlich sinken diese Gebühren", sagt Matt Trudeau, Betriebschef beim Kryptowährungshändler ErisX. Das habe bisher noch jede Anlageklasse so vorgemacht.

Coinbase hat mit seiner prominenten Marke und mithilfe seines Rufs als vertrauenswürdiger Anbieter in einer Branche, die für Cyberprobleme, Diebstahl und Betrug berüchtigt ist, inzwischen 56 Millionen Nutzer hinter sich geschart. Die Plattform erfreut sich wegen ihrer benutzerfreundlichen App besonderer Beliebtheit bei Krypto-Neulingen - entwickelt zu einer Zeit, da der Bitcoin außerhalb einer kleinen Fan-Gemeinde wenig bekannt war.

Coinbase selbst hat angekündigt, sein Geschäft verbreitern zu wollen und - etwa institutionellen Anlegern - die virtuelle Speicherung von digitalen Vermögenswerten anzubieten. So will das Unternehmen seine starke Position bei wachsendem Wettbewerb sichern. "Wir gehen davon aus, dass die Gebühren im Laufe der Zeit unter Druck geraten werden", heißt es in einer Pflichtmitteilung vom Februar. "Unsere Strategie ist es, unsere Position als vertrauenswürdige Marke im Krypto-Raum aufrechtzuerhalten und neue Produkte zu entwickeln, um unser Kundenversprechen zu verbessern und die Auswirkungen eines zukünftigen Gebührendrucks auszugleichen."

Droht auf längere Sicht das Schicksal von AOL?

William Quigley, Managing Director bei der Blockchain-Investmentfirma Magnetic, macht sich dennoch nach eigenem Bekunden Sorgen, dass Coinbase wie einst AOL enden könnte, die frühe Internet-Erfolgsgeschichte, die später hinter innovativere Konkurrenten zurückfiel und verschwand. Das Kerngeschäft von Coinbase werde von Newcomern wie dezentralen Kryptobörsen bedroht, die den Handel zu einem Bruchteil der Kosten etablierter Anbieter möglich machten, sagt er. Das gelte auch für die Zahlungsabwickler Paypal und Square, die ebenfalls in den Krypto-Bereich vordringen.

"Sein Brot-und-Butter-Geschäft wird aufgegessen von viel größeren, erfahreneren und finanzstarken Unternehmen, die auf Effizienz getrimmt sind und eine massiv größere Kundenbasis haben", schätzt Quigley. "Kommt es zu einem Preiskrieg, ist Coinbase schnell zerstört."

Coinbase-CEO und -Mitgründer Brian Armstrong verweist darauf, dass die Welt vor einer breiten Akzeptanz digitaler Währungen steht, und zitiert Nutzer, nach deren Meinung Coinbase gut positioniert ist, um von diesem Wandel zu profitieren.

"Die Margen werden definitiv unter Druck geraten", sagt unterdessen Dave Weisberger, Geschäftsführer von Coinroutes, einem Entwickler von algorithmischer Handelssoftware für die Kryptomärkte. "Aber", so fügt er hinzu, "sie befinden sich in einem Markt, von dem ich fest überzeugt bin, dass er um das 10- oder 100-fache wachsen wird."

Quelle: ntv.de, Alexander Osipovich, DJ

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