Wirtschaft

Bald 40 Firmen im Leitindex Profitiert der MDax von der Dax-Aufstockung?

81492128.jpg

Der Dax ist am 1. Juli 1988 mit 1.163 Punkten gestartet

(Foto: picture alliance / dpa)

International gilt der Dax als "Provinzindex". Die größte Reform seit seiner Gründung soll sein Image aufpolieren: Zehn Unternehmen aus dem MDax steigen in die erste Börsen-Liga auf. Trotzdem könnte der kleinere Index für Nebenwerte der große Sieger der Reform sein.

"Es sind halt zehn Aktien mehr", so beschreibt Börsenexperte Raimund Brichta die größte Reform in der Geschichte des deutschen Leitindex. Was wichtig und tiefgreifend klingt, hat in Wirklichkeit kaum Auswirkungen: die Aufstockung des Dax von 30 auf 40 Unternehmen. Der Dax habe schon mit 30 Unternehmen einen Großteil der gesamten deutschen Börsen-Kapitalisierung ausgemacht, jetzt umfasst er noch ein paar Prozentpunkte mehr, sagt der Moderator der ntv-Telebörse im Podcast "Wieder was gelernt".

Im September 2021 wächst der Dax auf 40 Unternehmen an. So plant es die Deutsche Börse. Bis dahin läuft das Aufstiegsrennen der mittelgroßen Unternehmen. Unter anderem Airbus, Zalando, Siemens Healthineers, die Gesundheitstochter von Siemens, Puma und Carl Zeiss gehören zu den Kandidaten, die bald in der ersten Börsen-Liga spielen könnten.

Aber warum gibt es die Reform? Zweck ist, dass die deutsche Börse international nicht länger abfällt, sondern sich wieder sehen lassen kann. So klingt zumindest die Begründung von Börsenchef Theodor Weimer, der sich schon seit einiger Zeit für die Vergrößerung eingesetzt hatte - unter Verweis auf die Leitindizes in Frankreich und Italien, die ebenfalls 40 Werte groß sind. Oder auf den EuroStoxx 50, den Leitindex der Eurozone, der sogar 50 Unternehmen umfasst. Der Dax werde durch die Vergrößerung an internationale Standards angeglichen, heißt es in der Mitteilung der Deutschen Börse.

Apple schlägt den "Provinzindex"

Aber an Renommee gewinnt der Dax durch die Aufstockung nicht. Raimund Brichta nennt ihn etwas überspitzt formuliert sogar einen "Provinzindex", der es auch nach seiner Vergrößerung nicht mit den wirklichen Schwergewichten an den internationalen Finanzmärkten aufnehmen kann. Bestes Beispiel ist der wichtigste Leitindex überhaupt, der amerikanische Dow Jones. Auch der ist nur 30 Unternehmen groß, enthält aber Giganten wie Apple, die alleine umgerechnet gut 1,7 Billionen Euro wert sind. "Der gesamte Wert aller im Dax notierten Unternehmen liegt bei 1,2 bis 1,3 Billionen Euro", sagt Brichta über die ungleichen Verhältnisse. "Das zeigt die nicht sonderlich große Bedeutung des Dax für Anleger."

DAX
DAX 14.175,40

Dieser "Provinzindex" hat in den vergangenen Jahren zudem regelmäßig unter kleineren und größeren Skandalen gelitten. Die Deutsche Bank findet sich trotz aller Krisen immer noch im Dax wieder, genauso die großen Unternehmen der Automobilindustrie trotz Dieselskandal. Und bis vor kurzem natürlich auch Wirecard. Der einstige Star der deutschen Unternehmenswelt hat es in weniger als zwei Jahren vom gefeierten Aufstieg in den Dax zum hochkantigen Rauswurf geschafft. Dieser Skandal sei der eigentliche Grund für die Reform, sagt Börsenexperte Brichta. Denn in Zukunft müssen alle Dax-Mitglieder ihre Bilanzen immer pünktlich vorlegen. "Es gibt eine 30-Tage-Frist. Ist die verstrichen, kann ein Unternehmen rausgeworfen werden. Das war bei Wirecard noch nicht so", erklärt er. Vermutlich habe man im Zuge dieser Regeländerung auch die anderen Vorschläge eingebunden.

Denn auch eine weitere neue Regel hängt indirekt mit der Wirecard-Pleite zusammen. Für das Skandalunternehmen ist im Sommer Delivery Hero in den deutschen Leitindex nachgerückt, hierzulande früher auch als Lieferheld bekannt. Ein hippes Startup, das in 43 Ländern Restaurants auf seinen Internetseiten listet und Essen für sie ausliefert. Bald möchte man seinen Kunden außerdem Lebensmittel, Blumen und Medikamente zur Haustür bringen.

Die Pläne sind groß, aber der Gewinn mau. Oder noch gar nicht vorhanden: Delivery Hero existiert zwar schon seit Mai 2011, einen operativen Gewinn hat das Unternehmen seitdem aber noch nie gemacht. Nur mit Miesen in den Dax? Auch das soll nach der großen Reform künftig nicht mehr möglich sein. Zwei Jahre Gewinn für den Einlass sind in Zukunft Pflicht. Diese Regelungen halte er für sinnvoll, sagt Brichta. Den Rest - die Aufstockung - hätte sich die Deutsche Börse sparen können.

Ist der MDax der Gewinner?

Den MDax hätte es sicherlich gefreut. Denn die Vergrößerung des Leitindex geht auf seine Kosten. Der Nebenwerteindex schrumpft von 60 auf 50 mittelgroße Unternehmen und wird dadurch deutlich entwertet. Fast ein Drittel seiner Marktkapitalisierung wandert in den Dax ab, hat der Deutsche Investor Relations Verband (DIRK) berechnet. Er spricht von einer "indextechnischen Verzwergung".

MDax
MDax 29.452,52

Nach seiner Verkleinerung wird der MDax an Bedeutung und Interesse verlieren, so die Befürchtung. Aber das muss nicht unbedingt sein, sagt Raimund Brichta. Denn der MDax war früher eine Zeit lang auch nur 50 Unternehmen groß und trotzdem bei Anlegern beliebt. Eine Berechnung der Deutschen Börse habe sogar ergeben, dass er sich ohne die zehn größten Werte rückwirkend betrachtet sogar noch einen Tick besser entwickelt hätte, als er das tatsächlich getan hat, erklärt der Experte. Möglicherweise liefere er zurückgeschrumpft auch in den kommenden Jahren eine etwas bessere Performance ab und sorge für höhere Kursgewinne als der Dax.

Der deutsche Leitindex wird größer und der MDax kleiner. Zehn Unternehmen sind vermutlich glücklich darüber, weil sie künftig in der ersten Börse-Liga mitspielen dürfen. Aber nur, wenn sie Gewinne einfahren und auch zuverlässig melden. Ob das Interesse am Dax durch diese Veränderungen aber wirklich steigt, bleibt fraglich.

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum kann die kleine Ameise Ant China ins Wanken bringen? Wie bringt Nokia das LTE-Netz auf den Mond? Warum wird der Rhein "umgebaut"? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen