Wirtschaft

Ein Prüfer, viele Skandale Sind die Kontrolleure von EY unfähig?

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EY möchte nach mehreren Skandalen eine "Kultur der professionellen Skepsis" entwickeln.

(Foto: REUTERS)

Viele Jahre segnet EY die Abschlussberichte von Wirecard ab - bis der Betrug des deutschen Finanz-Darlings auffliegt. Aber der Zahlungsdienstleister ist nicht der einzige EY-Mandant, bei dem es knallt. Aggressives Wachstum und Dumpingpreise werden zum Problem.

2015 hat Dan McCrum das erste Mal in der "Financial Times" über Ungereimtheiten bei Wirecard geschrieben. Aber die Betrugsvorwürfe des britischen Journalisten wollte niemand hören, zu schön las sich die Geschichte des deutschen Finanz-Darlings, das den elektronischen Zahlungsverkehr weltweit revolutionierte.

Fünf Jahre später hat sich das Blatt gewendet: Der frühere Wirecard-Chef Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen; Dan McCrum erzählt im Untersuchungsausschuss des Bundestags, wie es zu dem Skandal kommen konnte. Warum die deutschen Finanzaufsichtsbehörden gegen ihn, und nicht gegen Wirecard ermittelt haben. Mit Kritik spart er nicht, über die Wirtschaftsprüfer von EY (Ernst & Young) sagt er zum Beispiel, sie hätten "spektakulär versagt".

Bilanzexpertin Carola Rinker sieht es ähnlich. Bei der Prüfung des Konzernabschlusses sei sehr viel schiefgelaufen, erzählt sie im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Sie schult unter anderen das Bundeskriminalamt in Fragen von Bilanzkosmetik und Bilanzfälschung, hat Anfang November genauso wie Dan McCrum im Wirecard-Untersuchungsausschuss ausgesagt. Und sie stellt sich die Frage, warum EY trotz zahlreicher Meldungen in der "Financial Times" keine kritischeren Nachfragen gestellt, das Testat nicht eingeschränkt oder verweigert hat. Denn Ungereimtheiten sind auch den Prüfern aufgefallen.

"Nicht sauber gearbeitet"

Aus ihren Berichten, in denen EY wie jeder andere Wirtschaftsprüfer darlegen muss, mit welchen Angaben man sich konkret beschäftigt hat, liest Carola Rinker heraus, dass "nicht sauber gearbeitet" wurde. "Wenn man in den letzten testierten Abschluss für 2018 hineinschaut, sieht man, dass genau die Themen, in denen Wirecard Manipulation vorgeworfen wurde, zu den besonders wichtigen Prüfungsinhalten gezählt haben", sagt die Bilanzexpertin. Sogar die laufenden Ermittlungen in Singapur würden genannt, allerdings tauche das Thema Treuhandkonten nicht auf. EY verzichtet auf weitere Nachforschungen und erteilt ein uneingeschränktes Testat.

Der Schwindel fliegt erst auf, als sich der Aufsichtsrat von Wirecard im Oktober 2019 nach erneuten Betrugsvorwürfen reinwaschen will und den EY-Konkurrenten KPMG für eine Sonderprüfung engagiert. Im April 2020 teilen die Bilanzexperten aber überraschend mit, dass Nachweise für Umsätze in Höhe von rund einer Milliarde Euro fehlen. Nur zwei Monate später ist EY wieder am Zug und kommt plötzlich zu dem gleichen Ergebnis: Das Testat für den Jahresabschluss 2019 wird verweigert, nun fehlen Belege für 1,9 Milliarden Euro in den Unterlagen von Wirecard. Wenig später meldet das Unternehmen Insolvenz an.

Man möchte Dan McCrum zustimmen, wenn er sagt, EY habe "spektakulär versagt". Carola Rinker weist aber darauf hin, dass Wirtschaftsprüfern die Arbeit durch zwei grundlegende Probleme erschwert wird. Einerseits werden sie ausgerechnet von den Unternehmen bezahlt, die sie prüfen sollen. "Sind sie zu kritisch, verlieren sie vielleicht das attraktive Mandat eines Dax-Konzerns", sagt sie. Andererseits bekommen sie für die aufwändige Arbeit in Europa vergleichsweise wenig Geld. Das Honorar, das EY für die Abschlussprüfung von Wirecard bekommen habe, sei relativ überschaubar gewesen, erzählt die Bilanzexpertin. Im Vergleich mit den USA könne man auch von Preisdumping sprechen.

Es knallt mehrfach

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Carola Rinker hat als Sachverständige im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags ausgesagt.

(Foto: Carola Rinker)

Deshalb wenden sich die "Big Four", die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deloitte, EY, KPMG und PWC, immer mehr dem lukrativeren Bereich Beratung zu. Wenn aber gleichzeitig beraten und kontrolliert wird, entsteht ein weiterer Interessenkonflikt. Der wird im Fall von EY noch verschärft, weil man für die zeitraubenden, aber prestigeträchtigen Bilanzkontrollen weniger Geld als die Konkurrenten verlangt.

Der Grund? Wachstum. EY sei in den vergangenen Jahren besonders stark expandiert, sagt Carola Rinker. In Deutschland hatte die Firma bis vor kurzem zum Beispiel gar keine Dax-Mandate, inzwischen habe man sich die Deutsche Bank oder die Deutsche Telekom gesichert. "Es stellt sich die Frage, ob es Wachstumsschmerzen gab, die dazu geführt haben, dass EY nicht genau geprüft hat", sagt die Bilanzexpertin. "Dass man einfach versucht hat, Umsatz zu generieren und in manchen Punkten etwas großzügiger war."

Denn laut dem "Wall Street Journal" war Wirecard nicht der einzige EY-Mandant, bei dem es in den vergangenen Jahren geknallt hat.

Auch bei WeWork zum Beispiel hat EY die Bücher geprüft. Ähnlich wie Wirecard war der Coworking- und Büroraumanbieter einst ein absoluter Shootingstar am Unternehmenshimmel, der mit 47 Milliarden Dollar bewertet worden war. Als es aber an die Börse gehen sollte, erhielten mögliche Investoren erstmals Einblick in Unternehmen und Bücher, und darin entdeckten sie vor allem eines: gigantische Verluste und einen abenteuerlichen Führungsstil. Der Börsengang wurde abgeblasen, die Bewertung krachte auf ein Sechstel zusammen.

"Kultur der professionellen Skepsis"

Oder Luckin Coffee, die chinesische Antwort auf Starbucks. Die Kaffeehauskette wurde erst 2017 gegründet, hatte in China aber schon drei Jahre später mehr Filialen als der amerikanische Konkurrent. Im Frühjahr 2019 half EY dem Wachstumswunder beim Börsengang. Nur ein Jahr später gab es Knatsch in der heilen Kaffee-Welt: Der Leerverkäufer Muddy Waters veröffentlichte einen brisanten Bericht, in dem er Luckin vorwarf, seine Verkaufszahlen zu frisieren. Die Experten von EY, gerade mit der nächsten Abschlussprüfung beschäftigt, versuchten erfolglos, die Anleger zu beruhigen. Nach einigem Hin und Her gab das Unternehmen schließlich zu: Ja, ein Vorstand und einige seiner Mitarbeiter haben Umsätze von etwa 310 Millionen Dollar in der Bilanz nur vorgetäuscht.

Auf Nachfrage des "Wall Street Journals" gab EY mittlerweile bekannt, seine Prüfungsstrategie ändern und eine "Kultur der professionellen Skepsis" entwickeln zu wollen. Nicht nur Carola Rinker findet, dass diese Einsicht reichlich spät kommt. Es sei schließlich der Job eines Prüfers, skeptisch zu sein.

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Quelle: ntv.de