Wirtschaft

"Woven City" am Mount Fuji Toyota baut die smarte Stadt der Zukunft

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Seit diesem Jahr baut Toyota an einer komplett vernetzten Stadt.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Toyota baut an der Zukunft. Der japanische Autoriese errichtet in Japan eine riesige Smart City, die neue Maßstäbe setzen soll. Eine komplett vernetzte Laborstadt, um Technik für die Zukunft zu testen. Ist das ein Vorbild für Deutschland?

Roboter, die im Haushalt unterstützen. Autonom fahrende Elektroautos, die sich durch die Stadt schlängeln. Sensorik, die unseren Gesundheitszustand automatisch misst. Am Fuße des Mount Fuji in Japan soll die Stadt der Zukunft Realität werden. Auf dem Gelände eines ehemaligen Toyota-Werks baut der Autokonzern auf einer Fläche von etwa 250 Fußballfeldern seine sogenannte "Woven City", die "Verwobene Stadt". Dort sollen 2000 Menschen und etliche neue Technologien eine Heimat finden und sich vernetzen. In der smarten City will der Autoriese neue Technologien im Realbetrieb testen.

Einer der Vorreiter dieser Idee war der amerikanische IT-Riese IBM. "Da geht es nicht nur um Weltverbesserung, sondern natürlich steckt dahinter ein ganz klares Wirtschaftsinteresse. Was ja auch völlig legitim ist, zu schauen, wie man denn mit digitalen Angeboten, mit Breitbandlösungen, mit Datenverfügbarkeit und Datenanalyse Verbesserungen schaffen kann", sagt Stadtentwicklungs-Experte Michael Lobeck im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Unter Smart Cities verstehe man digitale Anwendungen in der Stadtentwicklung.

Friedrichshafen als deutscher Vorreiter

Michael Lobeck ist freiberuflicher Berater und Moderator in der Stadtentwicklung. Er beschäftigt sich in dem Zusammenhang seit gut 15 Jahren mit der Entwicklung von Smart Cities. 2006 war er Teil eines der ersten Projekte in Deutschland. Die Telekom hatte damals den Städtewettbewerb T-City ausgerufen. Lobeck begleitete das Projekt zu der Zeit als Mitarbeiter der Uni Bonn. "Das war eines der ersten Projekte in Deutschland, wo dieser Begriff in der Breite mal angewandt worden ist."

Friedrichshafen am Bodensee gewann den Wettbewerb. Die Telekom investierte daraufhin in den Ausbau der Netzinfrastruktur der Stadt. Außerdem wurde das Stromnetz mit dem Breitbandnetz verknüpft. Ausgewählte Haushalte wurden als sogenannte "Zukünftler" ausgewählt und bekamen kostenlos damals neuartige Technik zur Verfügung gestellt. An drei Schulen wurde eine Online-Lernplattform in Betrieb genommen, die Vergabe der Kitaplätze über ein Webportal abgewickelt und ein Ridesharing-System etabliert. Man habe "wirklich versucht, über digitale Möglichkeiten neue Lösungen" für die Stadtentwicklung zu entwickeln, blickt Lobeck zurück.

Robotik für den Haushalt

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Diese selbstfahrenden E-Fahrzeuge sollen die Menschen in der "Woven City" befördern.

(Foto: imago images/Kyodo News)

Toyota hat jedoch weitaus größere Pläne. Der erste Spatenstich für die "Woven City" hat im Februar stattgefunden. In wenigen Jahren soll sie fertig sein. Nach und nach sollen die ersten Menschen in die "Verwobene Stadt" ziehen.

Ihre Wohnungen werden "mit den neuesten Assistenztechnologien wie In-Home-Robotik ausgestattet", verkündet der Autobauer. Zudem werde der Gesundheitszustand der Bewohner regelmäßig mittels "sensorbasierter künstlicher Intelligenz" überprüft. Auf den Straßen verkehren ausschließlich "vollkommen autonom fahrende, emissionsfreie Fahrzeuge" - natürlich von Toyota, versteht sich. Der Güterverkehr soll unterirdisch stattfinden.

Ist das der Versuch, echte Probleme zu lösen? Oder ein teures PR-Projekt? Bei dieser Frage scheiden sich generell die Geister, sagt Experte Michael Lobeck. Erfolg und Misserfolg einer Smart City ließen sich nicht so leicht beziffern. "Bei der Frage, ob eine Smart City erfolgreich ist, ist natürlich immer entscheidend, aus wessen Blickwinkel die Frage gestellt wird. Wenn Sie von einem Unternehmen ausgehen, ist sie schon erfolgreich, wenn genug Anwendungen verkauft werden können. Wenn man aus Sicht von Bürgerinnen und Bürgern schaut, gibt's ganz unterschiedliche Gesichtspunkte."

"Echte Probleme" lösen

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Im Kern gehe es darum, mit einer Smart-City-Lösung "echte Probleme" zu lösen. "Echte Probleme deshalb, weil ich oft das Gefühl habe, es werden Probleme gelöst, die keine sind", erklärt Lobeck und nennt das Beispiel Parkplatzsuche. "Verkehr reduzieren ist eine schöne Sache, aber es ist noch niemand dran gestorben." Auch intelligente Straßenbeleuchtung oder intelligente Mülleimer gehören laut Lobeck dazu. "Das kann man alles machen. Ich würde aber sagen, Städte haben andere Herausforderungen und Probleme."

Für Michael Lobeck zählen zum Beispiel soziale Ausgrenzung und fehlende Inklusion dazu. Oder die Gesundheitsversorgung. Aber solche Fragen sind heikel. Oftmals geht es in smarten Städten deshalb eher um Themen wie Mobilität.

"Es gibt viele Experimente im Bereich der Mobilität. Wir haben heutzutage verschiedene Apps, mit denen wir leicht herausfinden können, wann der Bus kommt und wann die Bahn kommt." Lobeck gibt aber zu bedenken, dass All-In-One-Lösungen, die verschiedene Verkehrsmittel miteinander kombinieren, noch nicht ausgereift seien. "Das ist nicht so trivial, weil die App müsste ja auch wissen, ob Sie lieber Taxi oder Fahrrad fahren, selbst wenn es etwas regnet." In dem Fall setzt Michael Lobeck auf die Weiterentwicklung von KI. Künstliche Intelligenz könne helfen, solche Probleme zu lösen und die Mobilität einfacher zu gestalten.

Hemmt uns der Datenschutz?

Allerdings schwebt der Datenschutz über solchen Themen. Hemmt dieser vielleicht sogar grundsätzlich die Entwicklung von Smart Cities? Unter Umständen, aber für die Gesellschaft in Europa sei das nicht schlimm, im Gegenteil, findet Lobeck. "In den USA ist die Lage aus verschiedenen Gründen für die rein technologische Entwicklung günstiger. Vor allem im Consumer-Bereich. In China ist die Situation auch günstiger, weil eine Durchgriffsmöglichkeit auf Datenbestände besteht, die hier nicht vorhanden ist. Ich bin aber skeptisch, ob man dann von besseren Lösungen sprechen kann, die dabei herauskommen. Technisch vielleicht, aber gesellschaftlich auf lange Sicht nicht."

Von einer Smart City im Ausmaß von Toyotas "Woven City" ist Deutschland weit entfernt. Derartige Genehmigungen würde man hierzulande nicht bekommen, ist Stadtentwicklungs-Experte Lobeck überzeugt. Aber braucht es das überhaupt? Wenn sich das Projekt von Toyota bewährt und der japanische Autobauer echte Probleme löst, wird solch eine Smart City ihren Weg nach Deutschland sicherlich finden.

Quelle: ntv.de

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