Wirtschaft

Suizide aus Armut? Türkei schweigt Wirtschaftskrise tot

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In der Türkei gingen zuletzt viele Arbeitsplätze verloren.

(Foto: REUTERS)

Eine Serie von Selbstmorden erschüttert die Türkei. Binnen weniger Tage vergiften sich gleich drei Familien. Alle haben ein gemeinsames Motiv: finanzielle Probleme ausgelöst durch die Wirtschaftskrise im Land. Die Regierung, die davon nichts wissen will, plant harte Maßnahmen.

In der Türkei sorgt eine Suizidserie in Familien für hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Innerhalb von zehn Tagen sterben elf Menschen - darunter drei Kinder. Die Fälle haben zwei auffällige Gemeinsamkeiten: Die Todesursache ist Vergiftung durch Zyanid beziehungsweise Blausäure und das vorrangige Motiv hinter der Tat ist offenbar Armut. Die drei Familien - zwei in Istanbul, eine in Antalya - waren zuletzt hoch verschuldet und ihre Mitglieder zum Teil arbeitslos.

Türkische Lira / Euro
Türkische Lira / Euro ,16

Bei einem Fall aus Istanbul handelt es sich laut dem regierungskritischem Portal Ahval um vier Geschwister, die ihre Stromrechnung bereits seit Monaten nicht mehr bezahlen konnten. Drei von ihnen waren arbeitslos, nur eine Schwester hatte noch einen Job. Wegen der hohen Schulden wurde das Gehalt der Schwester durch die Behörden beschlagnahmt.

Die anderen beiden Fälle liegen ähnlich. Ein Juwelier aus Istanbul vergiftete sich, seine Frau und seinen sechsjährigen Sohn. Auch hier das offensichtliche Motiv: finanzielle Probleme. In Antalya fand die Polizei die Leichen einer vierköpfigen Familie - darunter ein neunjähriges Mädchen und ein fünfjähriger Junge. Der Vater, der offenbar keinen anderen Ausweg mehr sah, hatte bereits neun Monate lang die Miete nicht mehr bezahlt. In seinem Abschiedsbrief soll er seine Verzweiflung über die düstere Wirtschaftslage der Familie ausgedrückt haben. Eine Liste mit den Schulden soll beigelegen haben.

Suizid als letzter Ausweg

Die türkische Öffentlichkeit reagiert schockiert. Arbeitslosigkeit und Verschuldung sind weitverbreitete Probleme. Die Wirtschaftskrise und der Verfall der Lira haben in die Geldbörsen der Bürger tiefe Löcher gerissen. Sie hätten zu einem Klima der Verzweiflung beigetragen, die Türken würden keinen anderen Ausweg mehr aus ihrer Not sehen als den Suizid, wirft die Opposition der Regierung vor. "Warum gibt es diesen Massen-Selbstmord?", lautete die rhetorische Frage des Vorsitzenden der größten Oppositionspartei CHP Kemal Kilicdaroglu bei einer Rede am vergangenen Sonntag. "Neben den Müllcontainern sehen Sie Frauen, die Lebensmittel aus dem Müll einsammeln. Wir sprechen über das 21. Jahrhundert in der Türkei", klagte der Politiker. Kilicdaroglu wirft dem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor, das Land zu ruinieren. "Wir brauchen einen starken Sozialstaat", forderte der Oppositionelle zum wiederholten Mal.

Seit Sommer 2018 kämpft die Türkei mit einer schweren Wirtschaftskrise. Jeder siebte Türke ist arbeitslos, bei den Jugendlichen ist es mehr als jeder Vierte. Die türkische Lira verlor allein im vergangenen Jahr 30 Prozent zum US-Dollar. Laut offiziellen Daten entspannt sich die Lage derzeit zwar. Im September soll die Teuerung nach offiziellen Angaben unter die 10-Prozent-Marke gefallen sein. Doch sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen: Laut dem Ökonomen Steve Hanke von der Hopkins University in Baltimore lag die Teuerung zum Beispiel im Mai bei knapp 50 Prozent, obwohl die offiziellen Zahlen sie lediglich bei 18,7 Prozent verorteten. Lebensmittel, Medikamente, Benzin sind heute immer noch deutlich teurer als vor der Krise.

Wenig hilfreich ist in diesem Zusammenhang, dass verschuldete Unternehmen anders behandelt werden, als verschuldete Verbraucher. Unternehmen - vor allem die mit Verbindungen zur Regierungspartei AKP - können ihre Kredite umstrukturieren. Dieses Privileg haben Millionen einfacher Bürger nicht. Wer verschuldet ist, wird im Gegenteil seit Kurzem sogar noch rigoroser verfolgt: Laut Ahval hat das Finanzministerium seit Oktober die Löhne und Bankkonten von fast 4 Millionen Menschen wegen unbezahlter Rechnungen gesperrt.

Türken googeln häufiger das Wort Zyanid

Experten vermuten, dass es sich bei den Suiziden im Kontext mit der Krise um keine Einzelfälle handelt. Dass die Selbstmordrate in Zeiten von Krieg und Krisen zunehmen, ist kein neues Phänomen. Laut Welthandelsorganisation WHO entfallen 70 Prozent der Selbstmorde auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Auch das türkische statistische Institut (TÜIK) kommt zu dem Schluss, dass finanzielle Probleme einer der Hauptgründe dafür ist, dass Menschen in der Türkei den Freitod wählen. Dass es einen Zusammenhang zwischen Suizid und finanzieller Not gibt, darauf deuten auch Daten, die das türkische Portal Habertürk veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der Personen, die das Wort Zyanid gegoogelt haben, zuletzt dramatisch angestiegen. "Es ist falsch, einen Selbstmord als eine individuelle, rein psychologische Angelegenheit zu betrachten", zitiert die Deutsche Welle eine Warnung der Armutsforscherin Hacer Foggo von dem Verein Cimen. Einem Selbstmord gingen meistens gesellschaftliche Ursachen voraus.

Die Regierung leugnet einen solchen Zusammenhang. Mitten in ihren Anstrengungen, das Vertrauen der Investoren in die angeschlagene Wirtschaft zurückzugewinnen, kommen solche Negativ-Schlagzeilen tatsächlich zur Unzeit. Statt die gravierenden Probleme anzugehen, will die Regierung nun kritische Berichterstattung verbieten. Ahval zitiert regierungsnahe Medien, wonach Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Suiziden und der Wirtschaftskrise per Gesetzesänderung künftig unter Strafe gestellt werden sollen. Die Rede ist von Gefängnisstrafen zwischen fünf und sechs Jahren sowie Geldstrafen bei Verbreitung von "falschen und irreführenden Informationen", die Auswirkungen auf Währung und Wirtschaft haben könnten.

Um weitere Suizide durch Zyanid-Vergiftung - möglicherweise auch aus Protest gegen die Regierung - zu verhindern, greift Ankara auch noch zu einer anderen List. Man geht nicht gegen die Ursachen vor, sondern beseitigt die Symptome des Problems: Am Mittwoch kündigte Umweltminister Murat Kurum kurzerhand an, dass die Türkei den Online-Verkauf von Zyanid verbieten wird.

Quelle: n-tv.de, ddi

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