Wirtschaft

Reaktion auf Böhmermann-Kritik Gründer: "Niemand hat gesagt, dass Viva con Agua perfekt ist"

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Viva-con-Agua-Gründer Benjamin Adrion findet Jan Böhmermanns Vorwürfe nicht fair: "Wir haben nie gesagt, dass wir den Kapitalismus abschaffen wollen."

(Foto: picture alliance/dpa)

Jan Böhmermann hat sich in seiner Satire-Sendung "ZDF Magazine Royal" das Hamburger Unternehmen Viva con Agua vorgeknöpft. "Wir Millennials wollen mit unserem deutschen Wasser die Welt nicht mehr beherrschen, sondern nur kurz retten. Viva con Agua ist praktisch 'Ärzte ohne Grenzen' zum Trinken", scherzte er. Viva con Agua, "das kann doch nur eine gute Sache sein". Dann legte Böhmermann mit seiner Kritik nach und statt als gemeinnützig stellte er das Unternehmen als nur scheinbar gut dar: "Okay, dass die Leute, die bei der Firma 'Husumer Mineralbrunnen' das Wasser für Viva con Agua in die Flaschen füllen, weder nach Tarif bezahlt werden noch einen Betriebsrat haben, das ist Water under the bridge. Gemeinnützig sein ist eben gar nicht so einfach."

Auch die Gesellschaften von Viva con Agua wollte sich Böhmermann mal genauer ansehen, zum Beispiel die "Villa Viva Gasthaus GmbH & Ko. KG", die gerade ein Hotel in Hamburg bauen. "Unser 'Wasser für alle - Alle für Wasser'-Wasser vermietet uns bald Hotelsuites für nur 299 Euro pro Nacht. Warum auch nicht, Viva con Agua meint es gut!", scherzte er weiter. Der "Stern" hat mit dem Initiator des Projektes gesprochen. So reagiert Benjamin Adrion auf die Vorwürfe:

Herr Adrion, warum gründet Viva con Agua für jeden neuen Geschäftsbereich eine neue GmbH?

Der Großteil aller Viva-con-Agua-Organisationen sind gemeinnützige Vereine oder "gGmbHs". Die Wasser GmbH, die das Mineralwasser verkauft, und die "Villa Viva" in Hamburg sind die einzigen normalen GmbHs. Das liegt daran, dass das einfach wirtschaftlich arbeitende Betriebe sind. Wichtig ist aber: Diese GmbHs sind mehrheitlich in der Hand von gemeinnützigen Viva-con-Agua-Organisationen, dadurch fließt auch der Großteil der Gewinne in die Gemeinnützigkeit.

Ist die Struktur so kompliziert, um etwas zu verschleiern?

Nein. Wir bauen uns im bürokratischen Deutschland einen Rahmen, mit dem wir die Visionen umsetzen können, die wir haben. Mit den Gewinnen und Besitzverhältnissen gehen wir transparent um. Aus einem komplizierten Geflecht allein ein anrüchiges Geschmäckle zu machen, finde ich nicht fair. Wir haben nie gesagt, dass wir den Kapitalismus abschaffen wollen. Wir wollen lediglich aus den Umständen, wie sie sind, ein möglichst soziales Konstrukt bauen und das System bestmöglich für die Gemeinnützigkeit nutzen.

Die beiden Suiten in Ihrem Hamburger Hotel sollen 299 Euro pro Nacht kosten. Passt das zu einer offenen, gemeinnützigen Organisation?

Es gibt zwei Suiten bei über 100 Zimmern. Es gibt Übernachtungsmöglichkeiten in der Campingetage für 19,10 Euro pro Nacht. Von da bis zu den Suiten gibt es Möglichkeiten für alle unterschiedlichen Menschen und Geldbeutel. Die Frage ist für mich auch: Wo gehen die Menschen denn sonst ins Hotel? Ist es wirklich besser, wenn sie woanders übernachten, wir sind nicht involviert und es entsteht gar kein sozialer Mehrwert daraus? Außerdem haben wir so ein Haus geschaffen, das für immer zum Großteil der Gemeinnützigkeit gehören kann. Es ist dem Spekulationsmarkt entzogen und wird hoffentlich auch in 300 Jahren noch Geld für Wasserprojekte generieren.

Wenn das Haus der Gemeinnützigkeit gehören soll, warum sind bei der "Villa Viva" dann auch private Investoren involviert?

Die Investor:innen haben das gesamte Eigenkapital von exakt 5,5 Millionen Euro aufgebracht, das wir für den Baukredit der Umweltbank brauchten. Viva con Agua alleine hätte das nicht gekonnt. Gleichzeitig besitzen die Investor:innen aber zusammen nur 33 Prozent der Anteile an dem Haus. Sie haben sich außerdem verpflichtet, ihren Anteil 18 Jahre lang nicht zu verkaufen, das ist für die quasi ein richtig schlechter Deal: Sie investieren 100 Prozent, bekommen nur 33 Prozent der Anteile und dürfen die noch nicht mal gewinnbringend verkaufen. So etwas findet man sehr selten.

Fließen denn alle Gewinne aus dem Hotel in soziale Projekte von Viva con Agua?

Nein, nicht alle, aber circa die Hälfte. Wir haben keine Ahnung von Hotelbetrieb und haben uns "Heimathafen Hotels" als Partner geholt. Die betreiben das Gasthaus mit uns und bekommen 40 Prozent der Gewinne. Die restlichen 60 Prozent gehen zum Großteil an Viva con Agua, außerdem bekommen die Investoren darüber langsam ihr Geld wieder zurück. Darüber hinaus verdient die Viva-con-Agua-Stiftung etwas daran, dass das Gasthaus "Villa Viva" heißen kann. Insofern kann man davon ausgehen, dass etwa die Hälfte der Gewinne aus dem Hotelbetrieb in die Gemeinnützigkeit fließt.

Jan Böhmermann hat Sie für Ihre Zusammenarbeit mit dem Husumer Mineralbrunnen kritisiert. Warum arbeiten Sie mit dieser Quelle zusammen, obwohl es dort keinen Betriebsrat gibt und die Mitarbeiter nicht nach Tarif bezahlt werden?

Über 50 Prozent aller deutschen Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitenden haben keinen Betriebsrat. Das alleine ist doch kein Skandal. Der Husumer Mineralbrunnen hat uns gesagt, dass es bislang keine Bestrebungen der Mitarbeitenden gab, einen Betriebsrat zu gründen, die Geschäftsführung das aber nicht verhindern wolle. In Schleswig-Holstein gibt es keinen Tarifvertrag für Mineralbrunnen. Deswegen orientiert sich der Betrieb aber an dem Tarifvertrag für Mineralbrunnen in Niedersachen, das haben wir schriftlich vorliegen. Es laufen jetzt aber schon Gespräche, um zu prüfen, ob man nicht einen Haustarifvertrag für den Husumer Mineralbrunnen schließen kann.

Der Wasserverkauf macht nur einen kleinen Teil Ihres Umsatzes aus, gleichzeitig werben Sie dafür, mehr Leitungswasser zu trinken. Warum stellen Sie das Geschäft nicht einfach ein?

Vielleicht machen wir das irgendwann in der Zukunft. Das Wasser war immer unser flüssiger Flyer, die Menschen sind dadurch auf uns aufmerksam geworden, und das hat uns sehr weitergeholfen. Aber auch hier denke ich: Wenn wir kein Wasser mehr verkaufen, gibt es gar keine Mineralwasserflaschen, die auf die Thematik hinweisen. Ist der Markt dann besser, wenn unser Marktanteil auch noch von großen Unternehmen übernommen wird? Ich glaube nicht.

Mineralwasser, ein Kulturfestival und jetzt ein Hotel: Viva con Agua ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Muss man auf dem Weg von einem kleinen gemeinnützigen Verein zu einem großen sozialen Netzwerk seine eigenen Ideale verkaufen?

Nein, man muss sich nicht selbst verkaufen. Natürlich kooperieren wir mit Unternehmen und schließen dabei auch Kompromisse. Aber wir entscheiden immer aufs Neue, ob wir die Dinge mit uns und unseren Werten vereinbaren können. In den letzten Jahren haben wir Spenden über mehr als eine Million Euro abgelehnt, weil sie auf Kooperationen beruht hätten, die wir nicht eingehen wollten. Wir wollen keine Utopie anstreben und scheitern, sondern die Realität verbessern. Es gibt ein Pfandsystem auf Konzerten, wir spenden die Erlöse. Es gibt Mineralwasser, wir versuchen damit für Leitungswasser zu werben und nutzen die Gewinne für soziale Projekte. Es gibt Hotels, wir versuchen eins zu bauen, das Gewinne für die Gemeinnützigkeit erwirtschaftet. Niemand hat gesagt, dass Viva con Agua perfekt ist. Aber: Wir nehmen den Status quo und verbessern ihn, so gut es geht.

Mit Benjamin Adrion sprach Tim Jonas Morgenstern
Das Interview erschien zuerst bei Stern.de

Quelle: ntv.de

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