Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 519 Sind Pflanzen im Schlafzimmer schädlich?

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Sie sehen gut aus und schaffen eine angenehme Atmosphäre. Aber sind Pflanzen auch im Schlafzimmer unproblematisch?

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Man hört es immer wieder einmal: Ins Schlafzimmer sollte man keine Pflanzen stellen, sie würden einem den Sauerstoff wegnehmen. Auch die Blumenerde könne ein Problem sein. Was macht man im WG-Zimmer? Muss man dort auf Grün verzichten?

Ausgerechnet Pflanzen sollen uns die Atemluft streitig machen? Das klingt widersinnig. Schließlich sind es doch die großen Wälder dieser Welt, die dafür sorgen, dass die Erdatmosphäre stets genug Sauerstoff für uns bereithält. Wenn Pflanzen Photosynthese betreiben, bei Tageslicht also Kohlendioxid aufnehmen und daraus Energie gewinnen, dann profitieren davon alle Lebewesen, die auf Sauerstoff angewiesen sind. Denn genau dieser fällt bei der Photosynthese als Nebenprodukt ab. Das ist auch bei Zimmerpflanzen nicht anders. Wo also ist das Problem?

Der Knackpunkt ist der, dass Photosynthese nur unter dem Einfluss von Sonnenlicht stattfindet. Nachts ist der Gasaustausch bei vielen Pflanzen – und eben auch Zimmerpflanzen – ein anderer: In der Dunkelheit nehmen sie vermehrt Sauerstoff auf und geben Kohlendioxid ab. Sie konkurrieren dann also tatsächlich mit uns um die Atemluft. Doch geschieht das in einem solchen Maß, dass Pflanzen im Schlafzimmer schädlich sind?

Partner schlägt Grünpflanze um Längen

Vanessa Hörmann vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau kann uns diese Frage beantworten: "Der Gaswechsel ist bei Zimmerpflanzen sehr gering", sagt die Pflanzenforscherin. "Und im Vergleich zu dem, was ein Mensch ausatmet, ist der Effekt völlig vernachlässigbar." Wer die Konkurrenz in Sachen Sauerstoff hinter sich lassen möchte, müsste demzufolge eher den Partner vor die Schlafzimmertür setzen. Der jedenfalls schlägt jede Grünpflanze im Sauerstoffverbrauch um Längen. Hörmann hat im Laufe ihrer Doktorarbeit mal nachgemessen. Das Ergebnis: Ein Quadratmeter Blattfläche stößt pro Stunde ungefähr 125 Milliliter Kohlendioxid aus. Milliliter, das ist wichtig. Ein Mensch in Ruhe nämlich atmet in der Stunde 15 bis 30 Liter Kohlendioxid aus. "Das heißt", sagt Hörmann, "wenn man nicht gerade im Botanischen Garten im Gewächshaus übernachtet, braucht man sich da wirklich keine Gedanken zu machen".

Das allergieauslösende Potenzial mancher Pflanzen hingegen, so die Expertin, sei da schon eher zu berücksichtigen. Deswegen sollte man ins WG-Zimmer bevorzugt nichtblühende, pollenfreie Arten stellen. Blühende Olivenbäume etwa, die zum Überwintern in die Wohnung gezogen sind, seien in dieser Hinsicht manchmal problematisch.

Schimmelpilze? Nicht übermäßig gießen!

Und wie steht es um die Blumenerde? Können sich darin nicht Bakterien und Pilze tummeln, die man besser nicht einatmen sollte? Schließlich ist das einer der Gründe, warum Topfpflanzen in Krankenhäusern meist verboten sind. "Blumenerde stellt tatsächlich einen natürlichen Lebensraum etwa für Schimmelpilze dar", sagt Hörmann. "Aber wer Pflanzen normal pflegt, hat damit eigentlich keine Probleme. Wenn man nicht täglich literweise Wasser in den Topf kippt und es deshalb darin anfängt zu gammeln, muss man sich darüber im Allgemeinen keine Sorgen machen." In Kliniken geht man von vornherein auf Nummer sicher. So sind auf der Intensivstation selbst Schnittblumen tabu, denn auch im Vasenwasser können sich Pilze und Bakterien entwickeln. Einem gesunden Menschen aber machen die, wie Hörmann sagt, nichts aus. "Mikroorganismen fliegen auch so den ganzen Tag durch die Luft."

Sie rauben uns also nicht den Sauerstoff und auch die Schimmelpilzbelastung ist meist kein Thema. Haben Pflanzen im Schlafzimmer dann vielleicht sogar Vorteile? In ihrer Doktorarbeit hat Hörmann die Filterung von Luftschadstoffen durch Zimmerpflanzen untersucht. Das klingt vielversprechend. Und doch muss die Wissenschaftlerin hohe Erwartungen dämpfen: "Auch dieser Effekt ist leider vernachlässigbar", sagt sie.

Zimmerpflanzen sind keine Luftverbesserer

Zwar ergeben Analysen der Nasa, dass Pflanzen generell in der Lage sind, Schadstoffe aus der Luft aufzunehmen. Doch waren die Bedingungen, unter denen die Weltraumbehörde die Versuche vornahm, "absolut nicht repräsentativ für einen Innenraum", wie Hörmann sagt. Sie bezieht sich dabei vor allem auf das Verhältnis von Blattfläche zu Raumgröße. Um einen messbaren Effekt im Innenraum zu erreichen, müsste man Hörmann zufolge Hunderte von Pflanzen aufstellen. Ihre eigene Forschung zeigt, dass die Filterleistung von Zimmerpflanzen sowohl tagsüber als auch nachts keinen Effekt auf die Luftqualität in Innenräumen hat. "Ein wenig kann sich auf der Wachsschicht der Blätter ablagern", räumt Hörmann ein. "Aber dass die Pflanzen aktiv Luftschadstoffe filtern, das passiert tatsächlich eher nicht."

Und doch befürwortet die Expertin Pflanzen in Innenräumen sehr, ganz gleich, ob es um das Schlafzimmer geht oder das Büro. "Sie haben oft eine tolle psychologische Wirkung", sagt sie. "Viele Menschen fühlen sich wohler, wenn Pflanzen im Raum stehen." Darin also liegt ein großer Nutzen von Zimmerpflanzen: Sie schaffen eine angenehme und wohnliche Atmosphäre. Als Luftverbesserer sind sie unbedeutend. Als nächtliche Sauerstoffkonkurrenz aber auch.

Quelle: n-tv.de

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