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Alter Geist in neuer Hülle Rolls-Royce Ghost II - Luxus für Selbstfahrer

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Der Rolls-Royce Ghost misst 5,5 Meter in der Länge und ist sowohl Fahr- als auch Chauffeurs-Limousine.

(Foto: Fabian Hoberg)

Nach zehn Jahren hat Rolls-Royce sein meistverkauftes Modell, den Ghost, erneuert. Doch was bleibt, ist der ein alter Geist in einer neuen Hülle, ein Luxusauto der Extraklasse, das nicht nur zum Mit-, sondern vor allem zum Selbstfahren einlädt.

Einen Rolls-Royce fahren Besitzer nicht. Sie werden gefahren. Diese gefühlt jahrhundertealte, unausgesprochene Regel verwässert allerdings zunehmend. Neuester Grund: der Rolls-Royce Ghost. Beim "kleinen Rolli" fühlen sich Besitzer vorne links ebenso wohl wie hinten rechts. Wobei klein angesichts der Länge von 5,55 Meter doch eher stark untertrieben ist. Im Vergleich zum größeren Phantom (5,76 bis 5,98 Meter) passt das Adjektiv allerdings. Tatsächlich wirkt der Ghost in der Realität kleiner als er ist und erstaunlicherweise gar nicht protzig.

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Rolls-Royce war bei der Neuauflage des Ghost sehr daran interessiert, dem Wagen einen sportlichen Anstrich zu geben.

(Foto: Fabian Hoberg)

2019 konnten die Briten weltweit 5152 Fahrzeuge veräußern - ein Plus von 25 Prozent zum Vorjahr. Seit 2010 verkauften sie den Ghost insgesamt mehr als 18.000 Mal. Damit ist es das erfolgreichste Rolls-Royce-Modell aller Zeiten. Jetzt wurde er komplett erneuert. Nur die Regenschirme in den Türen und die Spirit of Ecstasy übernahm Rolls-Royce vom Vorgänger. Zurückhaltung gepaart mit maximalem Luxus war die Devise bei der Entwicklung: klar und kantig gezeichnete Karosserie, kaum Schnickschnack außen wie innen. Bei Dunkelheit verstärken 20 LEDs im Kühlergrill und schmale LED-Scheinwerfer den imposanten Auftritt. Fast neun Zentimeter wächst der neue Ghost im Vergleich zum Vorgänger, sieht dabei aber moderner und gediegener aus. Der Radstand beträgt stolze 3,30 Meter. Damit können Fondpassagiere nicht über mangelnden Fußraum klagen.

Ein Himmel voller Sternschnuppen

Elektrisch öffnen die massiven, hinten angeschlagenen Fondtüren. Wenn die Türen sich dann langsam schließen, bleibt die Hektik des Alltags draußen. Passagiere nehmen auf superweichen Sitzen Platz, die sich weit in der Neigung zur Lümmelwiese verstellen lassen. Sitzheizung und Massagefunktion verwöhnen die Gäste, dazu gibt es Bildschirme und hinter der mittigen Armlehne einen Kühlschrank für Champagner. Ein neues Micro-Reinigungssystem erkennt automatisch Luftverschmutzungen und stellt in den Umluft-Modus. Höhepunkte: knöchelhohe Fußmatten aus Lammwolle und ein mit 1340 LEDs gespickter Sternenhimmel, auf dem alle paar Minuten eine Sternschnuppe vorbeifliegt. First-Class-Ambiente für Passagiere, die wahrscheinlich eher selten im Linienflugzeug unterwegs sind. Ganz klar: Auch wenn der Ghost als Selbstfahrer-Auto gedacht ist, liegt der beste Platz Rolls-typisch hinten rechts.

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Wie es sich gehört, entschwindet auch beim Rolls-Royce Ghost die Spirit of Ecstasy unter die Motorhaube.

(Foto: Fabian Hoberg)

Wichtigste Märkte sind die USA und China, erst dann folgt Europa. Besonders in den erstgenannten Ländern werden die Besitzer eines Ghost in der Woche häufig gefahren, am Wochenende greifen sie dann selbst ins Lenkrad. Das ist dann auch der Moment, in dem die Piloten auf ihre Kosten kommen. Und es sind immerhin 80 Prozent der Ghost-Kunden, die selber fahren. Sie blicken nun auf ein digitales Cockpit mit der Power-Anzeige für die 571 PS statt auf einen technokratischen Drehzahlmesser. Mit einem Tipp lässt sich der filigrane Lenkstockhebel der Achtgangautomatik rechts vom Lenkrad in den Fahrmodus legen. Ein neues Entertainmentsystem und eine aufgeräumte Mittelkonsole erleichtern die Bedienung ebenso wie die leichtgängige Lenkung. Für eine entspannte Autobahnfahrt sorgt ein adaptiver Temporegler. Kameras scannen die Straße im Vorfeld und stellen die Dämpfer ein, die GPS-unterstützte Achtgangautomatik sucht sich nach den topografischen Vorgaben den passenden Gang.

Gespenstische Ruhe

Wenn es denn bei etwa 130 km/h über die Autobahn geht, fühlen sich Fahrer und Auto wohl. Bei dieser Geschwindigkeit heißt es im Ghost: reisen, entspannen und genießen. Der V12 schnurrt wohlig unter der Haube, Vibrationen und Geräusche werden auf ein Minimum reduziert und der Fahrer kann sich von den Geisterhänden in seinem Sitz massieren lassen. Während der Fahrt herrscht gar eine gespenstige Stille im Innenraum, wenn die Soundanlage mit 18 Lautsprechern und 1300 Watt aus ist. Selbst die Blinkergeräusche ticken lauter als der V12.

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An den Wochenenden nehmen Besitzer eines Rolls-Royce Ghost das Lenkrad gerne selbst in die Hand.

(Foto: Fabian Hoberg)

Um das Geräuschniveau im Innenraum zu senken, verbauen die Briten rund 100 Kilogramm Dämmmaterial. Feinstes Leder, edle Hölzer und massive Lüftungshebel zeichnen die Endstufe des Automobilbaus aus. Beifahrer blicken auf ein Armaturenbrett mit 850 hinterlegten LEDs, die den Ghost-Schriftzug wie ein Sternennebel verzieren. Rund 800 Stunden Handarbeit stecken in einem Ghost. Selbst wenn der Pilot könnte, würde er nicht schneller fahren - um dieses Erlebnis nicht unnötig zu verkürzen.

So dezent der V12-Biturbo unter der langen Motorhaube arbeitet, er kann auch anders. Aus 6,75 Litern Hubraum schöpft der Motor immerhin 571 PS und 850 Newtonmeter Drehmoment. Bei einem Kickdown drückt er die Passagiere fest in die Sitze und beschleunigt die 2,5 Tonnen schwere Limousine von 0 auf 100 km/h in 4,8 Sekunden. Erst bei einer Geschwindigkeit von 250 km/h regelt die Elektronik ab. Das sind Sportwagenwerte. Ebenso wie der Verbrauch: Im WLTP-Zyklus gibt Rolls-Royce 15,5 Liter auf 100 Kilometer an. Aber selbst bei zurückhaltender Fahrweise werden es rund 16 Liter. Auch wenn Lenkung und Fahrwerk präzise arbeiten und die Kraft auf alle vier Räder übertragen wird, ist der Ghost kein Sportwagen, der leicht um Kurven wetzt.

Es gibt auch Kritik

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Alle paar Minuten fliegt am Sternenhimmel des Rolls-Royce Ghost eine Sternschnuppe vorbei.

(Foto: Fabian Hoberg)

Ebenso wird der Brite nicht zum Kleinwagen. Bei einer Breite von 2,15 Meter und einem Wendekreis von 13 Metern benötigt der Ghost vor allem Platz, auch wenn es dank Allradlenkung erstaunlich fix ums Eck geht und beim Einparken Kameras vorne und hinten helfen. Dazu benötigen Passagiere ein gesundes Selbstvertrauen, so aufmerksam verfolgen Passanten und andere Verkehrsteilnehmer den Rolls. Kritik? Gibt es, wenn auch wenig: Das Automatikgetriebe braucht einen Tick zu lange, um zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang zu wechseln und ein Verbrauch von jenseits der 16 Liter auf 100 Kilometer ist nicht mehr zeitgemäß. Auch die imposante Erscheinung passt nicht unbedingt in die heutige Zeit, aber das liegt weniger im Auge des Betrachters als vielmehr in dem des Nutzers.

Denn "im Superluxussegment spielt das Image eine große Rolle. Rolls-Royce als traditionsreiches Unternehmen hat hier Vorteile, gleichwohl muss sich die Marke technisch immer weiterentwickeln", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach bei Köln. Modelle wie der neue Ghost müssen neue Assistenzsysteme ebenso bieten wie eine Vernetzung mit Smartphones. "Auch wenn für Rolls-Royce-Kunden Geld eher eine untergeordnete Rolle spielt, muss ein Rolls-Royce deutlich besser sein als ein günstigeres Fahrzeug", erklärt Bratzel. Die Marke wird nur überleben, wenn sie die Autos technisch weiter aktualisiert - wahrscheinlich, bis sie eines Tages elektrisch fahren. Ganz gleich, ob der Besitzer vorne links oder hinten rechts sitzt.

Quelle: ntv.de