Leben

Liebe und Verantwortung Der moderne Vater ist besser als sein Ruf

imago0074726828h.jpg

Auch Papas freuen sich über Blumen und Kuchen und den ganzen Schnickschnack!

(Foto: imago images / Indiapicture)

Vatertag. Herrentag. Mit den Kumpels einen trinken? Nein, der moderne Vater freut sich, diesen Tag mit seinen Kindern zu verbringen. Endlich Zeit für Vater-Sohn-Gespräche oder basteln mit der Tochter. Klingt nach Klischee? Ist es auch. Die Frage ist tatsächlich: Wie weit sind Väter 2020 gekommen?

In der Corona-Krise scheint es, als erlebte das moderne Vaterbild heftige Rückschläge. Wenn alle zusehen müssen, wie sie zum Arbeiten und Lernen kommen, locken die traditionellen Rollenmuster: Mütter reduzieren ihre Arbeitszeit und beaufsichtigen selbstverständlich Kinder, kaufen ein, kochen und waschen auch noch. Väter verrammeln sich im Homeoffice oder flüchten ins Büro. Wer meinte, die Väter von heute seien mitfühlend und mitwirkend, könnte arge Zweifel bekommen.

Dabei wird nur deutlich, dass die Väter ihre neue Position noch behaupten müssen. Denn es ist einfach noch nicht lange genug gesellschaftlicher Konsens, dass ihr Einsatz nicht nur gewünscht, sondern gebraucht wird. Anthropologin Anna Machin ist trotzdem sicher, "dass die westliche Gesellschaft an einem Wendepunkt angelangt ist, wenn es um Papas geht". In ihrem Buch "Papa werden. Die Entstehung des modernen Vaters" beschreibt sie ein gelobtes Land, in dem Väter "gleichrangige Erziehungspartner, Ernährer, Investor und Rückhaltgeber" sind.

ANZEIGE
Papa werden: Die Entstehung des modernen Vaters
25,00 €
*Datenschutz

Der moderne Vater fordert zunehmend Gleichberechtigung ein, wohlgemerkt für sich selbst bei der Sorgearbeit. Weil es sich toll anfühlt, Bezugsperson der eigenen Kinder zu sein. Seit 2007 das Elterngeld eingeführt wurde, hat sich die Zahl der Väter, die es nutzen, kontinuierlich erhöht. Ein Drittel von ihnen geht mittlerweile in Elternzeit, oft auch länger als die beiden "Vätermonate". Der Otto-Normalvater von heute ist zunehmend genervt von Promivätern, "die drei witzige Tweets pro selbst gewechselter Windel absetzen", wie eine nichtrepräsentative Umfrage von ntv.de unter Vätern ergab. Noch genervter ist er aber von Vätern, "die es immer noch nicht schaffen, mindestens ein Drittel der Familienarbeit zu übernehmen und diverse Aufgaben ganz der Mutter überlassen".

Denn natürlich wird der sogenannte "mental load" heute immer öfter im Alltag verhandelt, jene sichtbaren und vor allem unsichtbaren Aufgaben, die es rund um eine Familie zu erledigen gibt. Bis vor kurzem kannten diesen Begriff nur wenige, bis ihn die Bloggerin Patricia Cammarata in Deutschland bekannt machte. Seitdem sind "helfende Väter" wieder ein bisschen unattraktiver geworden. Die modernen Väter müssen nicht mehr gebeten werden, um dann freundlicherweise zuzufassen - sie haben eigene Familienverantwortung.

"Da bist du ja endlich!"

Für Machin ist Vater zu werden ein Prozess, der oft schon viele Jahre vor der Geburt des Kindes beginnt. Männer mit bewusstem Kinderwunsch sind zwar etwas seltener als Frauen, aber es gibt sie sehr wohl. Mit der Geburt des ersten Kindes wird auch der Vater im Mann geboren. Das kann eine überwältigende Erfahrung sein, wie ein Vater erzählt: "Ich bin zwar emotional, aber nicht unbedingt nah am Wasser gebaut. Und dann saß ich heulend im Kreißsaal und schluchzte immer wieder: 'Da bist du ja endlich'". Allein ist er mit diesen Gefühlen nicht, wie auch diese Schilderung zeigt: "Meine beiden Kinder sind per Kaiserschnitt geboren, und als mir meine große Tochter auf die Brust gelegt wurde, musste ich weinen. Ich bin ihr Papa, dieses Gefühl sickerte in einer wahnsinnigen Intensität in mich hinein."

Dass diese Männer anwesende und aktive Väter sein wollen, überrascht kaum. Ein bisschen Biochemie ist auch dabei, bei jungen Vätern steigt der Spiegel des Bindungshormons Oxytocin nach der Geburt des Kindes deutlich an. Je mehr sie sich um ihre Kinder kümmern, desto mehr Oxytocin und desto weniger Testosteron wird produziert. Das Ergebnis ist ein weiterer moderner Vater. Inzwischen gibt es sie längst, die engagierten Papas, die die Namen der Freunde ihrer Kinder kennen und ihr Lieblingsessen kochen können, die den nächsten Impftermin auf dem Schirm haben und T-Shirts in der richtigen Größe kaufen. Es ist etwas in Gang gekommen beim Vaterbild, auch weil sich die gesellschaftliche Grundhaltung verändert hat und nicht nur die individuelle Wirklichkeit. "Als mein erster Sohn vor acht Jahren auf die Welt gekommen ist, hat sich schlicht alles verändert", sagt ein Vater. "Alles andere als die Familie wird auf einmal ein gutes Stückchen egaler, gleichzeitig will man selbst in allem, was man tut, besser, aufgeräumter, effektiver werden."

imago0096536046h.jpg

Ein Gefühl wahnsinniger Intensität!

(Foto: imago images/Cavan Images)

Selbst der Familienguru Jesper Juul sagte von sich, er sei ein furchtbarer Vater gewesen. Sein Sohn Nikolai hat ihm nie widersprochen. Trotzdem ist Juul später nicht müde geworden, Männern zu erklären, dass es eine riesige Chance ist, Vater zu sein und die Verantwortung für ein Kind mitzutragen. Nicht nur Juul als Vater veränderte sich, die ganze Sicht auf Vaterschaft tut es. "Vatersein wird sich immer verändern, das ist Teil der Tätigkeitsbeschreibung", schreibt auch Anthropologin Machin.

Doch dafür muss sich auch die Gesellschaft noch weiter verändern. Grund genug könnte nicht zuletzt die Einsicht sein, dass Väter für die Entwicklung ihrer Kinder wichtig sind. Nicht nur ein bisschen, sondern entscheidend. Kinder, die eine enge Bindung zu ihrem Vater haben, entwickeln sich sozial, emotional und kognitiv besser. Das haben viele wissenschaftliche Studien nachgewiesen. Außerdem erleben diese Kinder verschiedene Einflüsse, Kompetenzen und Rollenvorbilder, auf die sie später zurückgreifen können. Wie sich diese Erfahrungen auswirken, merken die jungen Väter von heute bereits. "Ich bin mit einem kochenden und putzenden Vater groß geworden, der zu Liebkosungen und emotionaler Nähe fähig war", erzählt ein Vater. "Und deshalb auch Danke an Papas Papa. Wir sind, wo wir herkommen, und können uns nur von dieser Startposition aus weiterentwickeln."

Quelle: ntv.de